Vom Buch träumen

Natalie Herrmann studiert Englisch und Niederländisch an der Johannes-Gutenberg-Universität in Germersheim, kommt ursprünglich aber aus Göppingen im Großraum Stuttgart. Anschließend möchte sie als Übersetzerin arbeiten, auch für das Niederländische. Sie ist im dritten Semester des Masters Translation. Ihr Sehvermögen verschlechterte sich bereits bis zu ihrem zweiten Lebensjahr stark. "Dann hatte ich eine Netzhautablösung, und seither sehe ich so schlecht wie heute, also im Wesentlichen nicht viel mehr als Hell und Dunkel oder Umrisse. Ich glaube, dass ich als Kind noch etwas mehr gesehen habe, ich habe also eine Vorstellung von Farben."

Ihren ersten Kontakt mit der Sprache hatte Natalie Herrmann durch eines ihrer Hobbys. "Ich liebe Musicals. Irgendwann bin ich dann auf ein Stück gestoßen, dessen Musik ich sehr schön, die deutsche CD aber fürchterlich fand. Auf der Suche nach einer schöneren Aufnahme bin ich schlussendlich bei der niederländischen Version gelandet. Ich singe selbst, wollte also auch verstehen können, was ich da singe. So habe ich meine ersten Brocken Niederländisch gelernt."

Wörterbücher benutzt sie normalerweise über eine App auf ihrem Smartphone, das über die Sprachausgabe Voice Over bedienbar ist. Bei Schulbüchern hängt es davon ab, in welcher Form sie verfügbar sind. Einige kann sie als E-Books lesen, andere, vor allem englischsprachige Titel, kann sie aus der amerikanischen Datenbank "Bookshare", die speziell für Leute mit Seheinschränkungen gedacht ist, herunterladen. Infos aus dem Internet liest sie ganz einfach mit ihrem Computer oder Handy mit Sprachausgabe. Ihre Klausuren und Hausarbeiten schreibt die Studentin am Computer, ebenfalls mit Sprachausgabe. Sie braucht die Klausuren in einer einfachen Word-Datei, um sie bearbeiten zu können. Allzu viel kann dabei normalerweise nicht schieflaufen, trotzdem gab es auch schon Dozenten, die ihr die Klausuren in Formaten gebracht haben, mit denen sie nicht arbeiten konnte. "Unvergesslich ist hierbei eine Klausur, die mir als Pdf-Datei zur Verfügung gestellt wurde. Diese Pdf-Datei enthielt allerdings nicht direkt den Text der Fragen, womit ich noch hätte arbeiten können, sondern einen Scan, also ein Foto der Fragen, womit ich leider gar nichts anfangen kann. Als ich die Prüfungsaufsicht darauf hinwies, war ihre Reaktion: Ja, aber ich sehe den Text doch! Was mir in dem Fall recht wenig weitergeholfen hat. Das Problem ließ sich zwar beheben, war aber nicht direkt die beste Ausgangssituation für eine Klausur."

Es habe immer schon Lehrer, gegeben, die sich mehr Gedanken darum gemacht haben, wie sie ihr die Teilnahme an ihrem Unterricht so produktiv wie möglich gestalten können. "Dazu gehört vor allem Rianne Fuchs-Franke, meine Niederländisch-Dozentin, die mich seit meinem ersten Tag in Germersheim unterstützt hat, wofür ich ihr sehr dankbar bin", berichtet Natalie.

Es gibt aber eben auch jene, die sich nicht besonders um die Tatsache kümmern, dass sie eine Studentin haben, die etwas nicht sehen kann. Gerade in Englisch, wo die Kurse um einiges größer und natürlich auch unpersönlicher seien, gebe es Dozenten, die nicht allzu sehr auf einzelne Studenten eingehen wollten oder könnten. "Ich hatte ein Semester lang eine Übersetzungsübung bei einem Dozenten, der mich, um mich aufzurufen, genauso wie die anderen Studenten einfach nur angeschaut hat, was ich natürlich nicht sehen kann. Meine Strategie war es dann, mich angesprochen zu fühlen, wenn auf sein aufforderndes ,Ja?' niemand anders reagierte. Mir ist klar, dass ich keinen wirklichen Anspruch auf die Unterstützung meiner Dozenten habe. Ich kenne blinde Studenten, die davon überzeugt sind, einen Anspruch darauf zu haben, die Präsentationen ihres Dozenten vorab in digitaler Form zu erhalten."

Die 25-Jährige ist im Großen und Ganzen zufrieden mit der Situation. Ein großer Vorteil der Uni ist für sie, dass alles klein und überschaubar ist, man kann sich also praktisch nicht verlaufen. "Ich habe auch andere Universitäten besucht und hatte dabei immer den Eindruck, dass die größeren Anlagen, bei denen man zwischen den Unterrichtsstunden mit etwas Pech durch die halbe Stadt muss, für meinen Geschmack zu stressig wären."

Natalie hat ein Appartement mit eigener Küche und Bad im Studentenwohnheim. Sie entschied sich bewusst gegen die Unterstützung durch einen Blindenhund. Ein Blindenhund ist immer in erster Linie auch ein Hund, der neben der Zeit, in der er im Geschirr geht, also arbeitet, Freizeit mit Auslauf und Raum zum Spielen braucht. Deswegen würde ein Hund für sie im Augenblick mehr Arbeit als Vorteile bringen, unter anderem können sie nicht ihr ganzes Leben lang Blindenhund sein. "Mir würde es aus emotionaler Sicht schwerfallen, einen Hund, mit dem ich jahrelang zusammengearbeitet habe, einfach wegzugeben und zu ersetzen."

Auf die Frage, was sie sich wünsche, antwortet Natalie Herrmann: "Ich wäre wirklich gerne in der Lage, einfach ein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen. Ich würde auch gerne einfach mal in einen Buchladen gehen und mich von der Auswahl dort inspirieren lassen, um zu entscheiden, was ich gerne lesen möchte. Es ist, glaube ich, doch noch mal etwas anderes, ein gedrucktes Buch in der Hand zu haben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Esra Thalia Fuchs

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