Retour wegen Heimweh oder Pillen

Die Melodie des Skype Calls läuft im Hintergrund, bis endlich jemand abnimmt. Es erscheint das verwackelte Bild eines älteren Mannes, der nicht genau weiß, wie er mit dem Gerät umgehen soll. Der behäbige Herr mit weißem Haar trägt ein T-Shirt und eine runde Brille. Sein Name ist Doug Hinckley, er wohnt mit seiner Frau in einem bescheidenen Haus in einem Vorort von Buffalo im Bundesstaat New York. Doug Hinckley ist seit 1994 als Freiwilliger beim American Field Service (AFS) tätig, einer Non-Profit-Organisation, die im Jahr mehr als 50000 Schüleraustausche weltweit möglich macht. Es gibt Gastfamilien und Gastschüler, die sich mit fast unüberwindbaren Schwierigkeiten konfrontiert sehen. In diesen Fällen kommt Hinckley ins Spiel. Mit 66 Jahren ist Doug einer der Erfahrensten im AFS Team von Western New York. Geht es um Regel- und Gesetzesverletzungen wie den Missbrauch von Alkohol, Drogen, Gewalttätigkeit oder böswilliges Missachten von Kultur und Regeln des Gastlandes wird Doug von den Beteiligten kontaktiert. "Solche Situationen sind immer eine Herausforderung für alle, und deshalb ist es ganz wichtig, dass ich mir ein objektives Bild machen kann." Er besuche die Gastfamilie und spreche mit allen Beteiligten. "Am häufigsten schicken wir Gastschüler zurück in ihr Heimatland, weil sie unüberwindbares Heimweh haben oder wenn wir Alkohol- oder Drogenmissbrauch feststellen."

Doug seufzt, schaut bekümmert in die Kamera: "Gute Kids kommen manchmal in Kontakt mit den falschen Leuten, und wenn wir sie dann heimschicken müssen, tut mir das wirklich im Herzen weh." Eine Erinnerung bewegt ihn, seine Stimme wird lauter. "Jugendliche, die hierherkommen und keinerlei Respekt gegenüber ihren Gastfamilien, Lehrern oder uns haben, denen trauere ich nicht nach, wenn wir sie zurückschicken. Da bin ich einfach nur froh, dass wir sie los sind." Seine Freiwilligenarbeit und seine Rolle als Support Coordinator bringen ihn manchmal an seine Grenzen. "Ein sehr schwieriger Austauschschüler, den ich betreute, nötigte einen japanischen Kollegen dazu, auf Facebook eine Todesdrohung gegen mich und einen weiteren freiwilligen Betreuer zu posten. Wir haben dann die lokale Polizei eingeschaltet, die beiden Jungen wurden in Gewahrsam genommen, und wir haben ihre Heimreise umgehend vorbereitet."

Doug wirkt nachdenklich. "In der japanischen Kultur wird Respektlosigkeit als eine der schlimmsten Sünden angesehen. Hätten wir den japanischen Jungen heimgeschickt, hätten ihn seine Eltern aus der Familie ausgeschlossen, weil er sie mit seinem Verhalten entehrt hatte." Da er das Leben des Jungen nicht habe ruinieren wollen, habe er sich entschieden, ihm eine zweite Chance zu geben. "Den aggressiven Jungen haben wir, ohne zu zögern, nach Hause geschickt, und ich war sehr froh, diesem Jungen nie mehr ins Gesicht schauen zu müssen." Es gäbe auch Gastfamilien, die den Austauschschülern kein gutes Zuhause böten. Auch wenn sie sie nach sorgfältigen Kriterien auswählten, gäbe es leider nie die vollkommene Sicherheit. Als Support Coordinator müsse man belastbar sein und eine gesunde Distanz zu den Fällen aufbauen, was ihm nicht immer leichtfalle. "Das Traurigste, was ich erlebt habe, war der Suizid einer Gastschülerin. Es war schlimm, ihre Familie im Heimatland zu informieren. Sie schickten ihre Tochter zu uns im Glauben, sie werde ein phantastisches Jahr erleben, und wir mussten ihnen sagen, dass ihre Tochter nicht lebend zurückkehren würde."

Doug ist ein Mann mit viel Herz und kümmert sich rührend um jeden Gastschüler, der seine Hilfe braucht. Die Freiwilligenarbeit ist eine Lebensaufgabe. "Alle schlechten und traurigen Erlebnisse zusammengezählt sind nichts im Vergleich zu dem wunderbaren Gefühl, wenn ich dazu beitragen kann, dass Gastschüler und ihre Familien doch noch ein wunderbares Jahr erleben können."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Kyra Blust

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