Die Bergretterin

Wir haben mehr Unfälle im Winter, durch das Skigebiet in unserem Einsatzbereich. Die Einsätze im Sommer sind aber oft aufwendiger, da Unfälle nicht wie im Winter auf einer gut erreichbaren Skipiste passieren, sondern im unwegsamen Gelände", sagt Margarethe Blanz. Seit 13 Jahren ist die zierliche Bayerin bei der Bergwacht Bad Hindelang im Oberallgäu tätig. "Ich habe mich für ein Ehrenamt bei der Bergwacht entschieden, da ich es als meine Motivation sehe, Menschen in Notlagen helfen zu können. Außerdem bin ich selbst sehr gerne in der Natur und in den Alpen unterwegs und kann hier Erfahrung mitbringen", erläutert die 49-Jährige in sympathischem bayerischen Dialekt. In ihrer Dienststelle gehen im Jahr etwa 350 Alarmierungen ein, denn zu den Aufgabenbereichen der Bergwacht gehören der Rettungsdienst, Such- und Sondereinsätze wie Bergungsarbeiten und diverse weitere Hilfeleistungen ohne umfangreiche medizinische Versorgung.

"Am meisten in Erinnerung bleiben mir natürlich die Einsätze, in denen für die Patienten letztlich alles gut ausgegangen ist", lächelt Margarethe Blanz. "An ein bestimmtes Erlebnis denke ich jedoch immer wieder gerne zurück, obwohl es nicht direkt während eines Einsatzes der Bergwacht stattfand. In einem Kaufhaus war ein Mann zusammengebrochen, und die umstehenden Leute riefen laut, wer helfen kann. Ich hatte gerade erst die Bergwacht-Sanitätsausbildung absolviert und bin sofort zu dem zusammengebrochenen Mann gerannt. Dieser war bewusstlos und hatte keine Atmung und keinen Puls mehr. Ich begann sofort mit der Herzdruckmassage und führte diese so lange durch, bis der Rettungsdienst da war und die Reanimation übernahm. Ein paar Wochen später nahm dieser Mann - für mich überraschend, weil ich glaubte, dass er es nicht geschafft hatte - mit mir Kontakt auf und bedankte sich herzlich für mein rasches Handeln, weil er ohne umgehende Herzdruckmassage wahrscheinlich nicht überlebt hätte."

Acht bis neun Wochen im Jahr hat die sportliche Bayerin Bereitschaftsdienst. Die Bergwacht ist zu jeder Zeit erreichbar, doch stellt jeder Einsatz andere Anforderungen an die rund 35 aktiven Einsatzkräfte aus Bad Hindelang. "Vom einfachen Wandergebiet im Tal über Wälder bis zum hochalpinen, unwegsamen Gelände ist alles dabei." Zu ihrer Dienststelle gehören ein Mannschaftsfahrzeug, ein Einsatzleiterfahrzeug, ein Bergrettungsfahrzeug, ein sogenanntes All-Terrain-Vehicle und zwei Motorschlitten. "Das Einsatzleiterfahrzeug ist dabei die meiste Zeit in Gebrauch, alle anderen je nach Einsatz." Zur persönlichen Ausrüstung der Einsatzkräfte gehören dabei neben der entsprechenden Kleidung Hüft- und Brustgurt, ein Helm und weitere Sicherungsausrüstungen wie Karabiner, Seile und Sicherungsgeräte.

Oft müssen verschiedene Bereitschaften der Bergwacht zusammenarbeiten, um dem Patienten die bestmögliche Sicherheit zu gewährleisten. So denkt Margarethe Blanz gerne an einen Einsatz zurück, der sich im April vergangenen Jahres ereignete. Bei einem nächtlichen Großeinsatz musste ein schwerverletzter Mountainbiker zunächst gesucht und dann mit Hilfe von Seilen aus einer Schlucht geborgen werden. Erschwert wurde die Suche durch Schneereste und die einsetzende Dunkelheit, so dass der Urlauber erst nach mehr als drei Stunden gefunden werden konnte. Die Rettung gestaltete sich als äußerst aufwendig und durchaus gefährlich. Abbrechende Steine drohten die insgesamt 36 Bergretter und ihren unterkühlten Patienten zu verletzen. Darüber hinaus musste der angeforderte Rettungshubschrauber aufgrund eines technischen Defekts am Boden bleiben, so dass die Bergwachtler selbst den Abtransport durchführen mussten. Erst in den frühen Morgenstunden kehrten die Rettungskräfte von ihrem erschöpfenden Einsatz zurück; nicht jedoch ohne ein gewisses Maß an Stolz, da dieser Einsatz letztendlich doch noch gut ausgegangen war. Wer bei der Bergwacht mit anpacken möchte, der muss Eingangstests im Sommer und im Winter bestehen. Überprüft werden sportliche Fähigkeiten wie Ausdauer und Koordination sowie der Umgang mit alpiner Ausrüstung. Darauf folgt die dreijährige Basis- und Grundausbildung, die unter anderem Inhalte aus der Notfallmedizin, der Luftrettung und auch aus dem Naturschutz vermittelt. Die Bergwacht ist nämlich nicht nur für die Rettung verunfallter Personen zuständig, sie engagiert sich auch auf öffentlichen Veranstaltungen im Bereich Naturschutz und Nachwuchsarbeit.

Für Margarethe Blanz ist der letzte Punkt von besonderer Bedeutung, denn neben ihrem Ehrenamt bei der Bergwacht Bad Hindelang hat sie eine Festanstellung bei einer Veranstaltungsagentur und arbeitet dort als Projektleiterin und Trainerin beziehungsweise Erlebnispädagogin. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Alpenverein betreut sie Jugendkurse, in denen sie Jugendlichen das richtige Verhalten in den Alpen nahebringt. "Meine Erfahrung bei der Bergwacht stellt dabei eine Verbreiterung meines Wissensspektrums dar, das ich gerne weitervermittle", erklärt sie.

Im vergangenen Sommer war sie mit einer Jugendgruppe in den Schweizer Alpen in der Nähe des Sustenpasses unterwegs. Etwa eine Woche verbrachten die Jugendlichen auf der kleinen Tierberglihütte direkt am Steingletscher. Zur Ausbildung gehörten das korrekte Anlegen und die effiziente Nutzung von Steigeisen und Eispickel, das Erlernen der Spaltenbergung - dies ist ein Verfahren, um in Gletscherspalten gestürzte Bergsteiger wieder sicher an die Oberfläche zu bringen -, Knoten- und Materialkunde sowie das bedachte und sorgfältige Planen von Hochtouren. Margarethe Blanz kann die Lerninhalte auf persönliche Erfahrungen eigener Touren stützen. "Ich habe einige sehr beeindruckende und emotionale Bergerlebnisse gehabt. Aber am meisten ist mir die Umrundung des Kailash in Tibet in Erinnerung geblieben." Durch die Aktivität bei der Bergwacht habe sie außerdem gelernt, immer einen Plan B bei ihren Touren mit einzuplanen, was sie auch an ihre Schützlinge weitergebe.

Die Kurse kommen bei den Jugendlichen gut an und sind schon früh komplett ausgebucht. "Ich habe mich dafür angemeldet, weil ich gerne in den Bergen unterwegs bin, jedoch immer nur bis zur Gletschergrenze", sagt die 17-jährige Carolina aus Siegen, eine Teilnehmerin des Kurses für Hochtouren. "Die Woche war da einfach das Perfekte für mich. Ich konnte viel auf dem Gletscher lernen und Leute kennenlernen, die die Berge genauso schön finden wie ich. Der Kurs hat meine Motivation, in die Berge zu gehen, beflügelt, und ich habe mir als Ziel gesetzt, noch viele weitere Berge zu besteigen. Mein Traum ist es, einmal auf dem Kilimandscharo stehen zu können." Doch die Jugendlichen lernen nicht nur, wie sie sich in den Bergen richtig verhalten, sie lernen auch fürs Leben selbst. "Unsere Hütte besaß keinen Zugang zu fließendem Wasser. Mir ist dort oben erst so richtig bewusst geworden, dass Wasser eben nicht überall da ist und dass viele Menschen sehr sparsam damit umgehen müssen. Auch dass wir in der Hütte alle zusammen auf engem Raum und ohne großen Luxus gelebt haben, hat mir geholfen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich habe gemerkt, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein."

Und genau um diese Sichtweise geht es sowohl in den Jugendkursen als auch beim "Erlebnis Berg" selbst. "Ich möchte allen Bergsportlern mit auf den Weg geben, behutsam und freundlich mit sich selbst und der Natur zu sein", sagt Margarethe Blanz, denn um die Schönheit der Berge zu erhalten, bedarf es eines respektvollen Umgangs des Menschen mit der Natur. Diese einzigartige Landschaftsform habe uns schon immer gezeigt, wo unsere Grenzen liegen, und dies soll sich auch in einer Zukunft der Globalisierung, Digitalisierung und Mobilisierung nicht ändern.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Rebecca Frik

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