Ein Schritt über die Türschwelle der weit geöffneten Holztür ist wie das Eintreten in eine andere Welt. Regale über Regale. Alle bis zur Decke gefüllt. Ihre Holzbretter knarren beim leichtesten Berühren mit den Fingerspitzen so laut, als brächen sie jeden Moment auseinander. Man spürt die Blicke von unzähligen kleinen Augenpaaren, die zu den winzigen Körpern der Kunststofffiguren gehören, die sich über die Jahre durch die verschiedenen Projekte ansammelten und nun auf eine neue Verwendung warten. In der Mitte des für einen Normalbürger scheinbaren Chaos steht ein Mann an seinem großen Schreibtisch, der das Herzstück des Ladens darstellt. Es ist Werner-Wolfgang Bohn, Inhaber des Modellbahnladens in der Fuldaer Kanalstraße und leidenschaftlicher Bauer von Miniaturlokomotiven,
Der 61-Jährige trägt Brille und Schnurrbart, Jeans und T-Shirt. Bohn musste sich vor sieben Jahren aufgrund eines Schicksalsschlags umorientieren. Er arbeitete zuvor als Motorradverkäufer, doch ein schwerer Unfall führte zu einer dauerhaften Versteifung des Handgelenks. Dies machte das Vorführen der Motorräder unmöglich. Von diesem Zeitpunkt an hat er sich komplett seiner Leidenschaft gewidmet und sein Hobby, das er seit Kindheitszeiten ausübt, zum Beruf gemacht. Vor einem Jahr übernahm er den Laden, in dem er vorher im Angestelltenverhältnis tätig war. "Der Modellbau gehört einfach dazu, eine Stadt zu beleben. Samstagnachmittags wird die sonst unbelebte Gasse von Menschen überflutet, die von den Modellbahnen fasziniert sind und die wechselnden Ausstellungsauslagen im Schaufenster sehen wollen. Es ist immer toll, Menschen eine Freude zu machen", sagte er vor der Corona-Krise, glücklich darüber, dieses kleine Ladenlokal zu haben, das sich von den Filialen der Einkaufsketten absetzt. An solchen Samstagen geht Bohn gern hinaus auf die Straße, begrüßt seine Gäste und nimmt sich Zeit, um Fragen fachgerecht zu beantworten oder einfach ein lockeres Gespräch über seine Werke zu führen.
Passanten bleiben vor dem Schaufenster stehen und zeigen auf das Modell des Papstbesuches in Fulda vom 18. November 1980. Damals besuchten 120 000 Menschen den Domplatz, um einen Blick auf Johannes Paul II. zu erhaschen. Die Leute beginnen zu lächeln, weil sie das Event selbst erlebt haben, oder aber vor Erstaunen und Ehrfurcht gegenüber der enormen Arbeitszeit, von der das Modell zeugt. Sie betreten als Kunden, Bekannte, Unbekannte oder Freunde den Laden. Wolfgang Bohn bietet jedem eine Tasse Kaffee an, dessen Geruch vermischt sich mit dem von Farbe, der aus den unzähligen Farbtöpfchen aufsteigt. Während die Kaffeemaschine vor sich hin brabbelt, kommen die Besucher ins Gespräch. Eine ältere Frau erinnert sich noch genau, wie sie mit ihrer Familie auf dem vollen Platz gestanden und gespannt den Worten des Papstes gelauscht habe. Lachend, aber mit prüfendem Blick wendet sie sich mit Bohn dem Modell zu. Beide versuchen, sie als eine der Figuren ausfindig zu machen.
Anlässlich des Stadtjubiläums im vergangenen Jahr hat Bohn mit einem Freund diesen Papstbesuch dargestellt. Vor dem Bild des Doms steht auf der Holztribüne die Figur des Papstes in einem weißen Gewand vor einer großen Menschentraube. Die größte Herausforderung bei solchen Modellen ist die Masse an Figuren. "Modellbauanlagen ohne Figuren sehen einfach tot aus", erklärt Bohn. In diesem Fall wurden 12 000 Figuren benötigt. Das Problem: Man kann die Figuren nicht einfach bei Amazon ordern. Man bestellt Rohlinge, die bemalt und mit Modellierwachs bearbeitet werden, bis man die genaue Vorstellung erreicht. Da kann es auch mal sein, dass vereinzelte Figuren ihre Beine verlieren, damit diese mit anderen Oberkörpern zusammengesetzt werden können. Manche Figuren werden einfach bemalt, da dies in der Masse nicht auffällt. Dennoch sei Vorsicht geboten, sich nicht zu einer oberflächlichen Arbeit verleiten zu lassen. "Wenn man gröber arbeiten würde, würde es jedem auffallen. Wenn alles richtig ist, fällt es aber keinem auf", verrät Bohn mit einem Augenzwinkern. Gelegentlich holt er sich Hilfe von Freunden und Bekannten, um die Figuren gemeinsam bei einem geselligen Abend bei einem Glas Wein oder einem Krug Bier zu bearbeiten, wobei die Rückenschmerzen meistens schon vorprogrammiert sind. Authentizität sei das Wichtigste. Um möglichst die Realität detailgetreu abzubilden, arbeitet Bohn mit Fotos aus dem Stadtarchiv und mit Google Earth, um die genauen Maße für seine Projekte zu erhalten. Große Flächen zu bauen gleicht einem Puzzle. Dieses wird zerlegt, die einzelnen Teile durchnummeriert und bearbeitet, bis man sie wieder zu einem Stück zusammensetzen kann. Ein Millimeter könne über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
Endgültige Baupläne gibt es im Hause Bohn nicht. Die eigentliche Vision kommt erst beim Bauen. Stück für Stück entwickelt sich ein Bild im Kopf. Die Kreativität lässt sich natürlich nicht auf Knopfdruck abrufen, es gibt Phasen, in denen die Motivation nach dem sechsten Ansatz schwindet. "Manchmal ist es, wie ein Kreuzworträtsel zu lösen", erklärt Bohn. Unter anderem ist ein Modell der Stadtpfarrkirche mit einer Weihnachtskrippe geplant, um der Bevölkerung eine weihnachtliche Freude zu machen.
Öfters wird die Küche seiner Wohnung zu einer Werkstatt umfunktioniert. Manchmal trägt er ein Modell zehnmal durch die Wohnung, weil seine Frau über den fehlenden Kochplatz meckert und er bei jedem Transport Angst hat, dass die tagelange Arbeit zunichtegemacht wird, wenn es nicht durch den Türrahmen passt. Neben der Küche befindet sich ein 90-Quadratmeter-Raum, in dem alle möglichen Materialien, Farben und Werkzeuge verteilt auf der Arbeitsplatte umherliegen, sich aber keiner Gedanken um die Unordnung machen muss, weil man einfach die Tür abschließen kann. Der Geruch von frischem Kaffee verfolgt ihn auch hierher. Das Zischen und Kratzen der Säge mischt sich mit dem Quietschen der Räder der kleinen Lokomotive, die ihre Kreise um den arbeitenden Wolfgang Bohn zieht. "Ich vergesse alles um mich herum, als wäre ich in meiner eigenen Modellwelt", gesteht er mit vor Begeisterung glitzernden Augen, wie man sie sonst nur bei kleinen Kindern findet.