Neben ihm die Security

Die Sonne geht unter, Nieselregen setzt ein, als sich auf einmal ein grelles Farbenmeer inmitten von Nadelbäumen auftut. Ins Auge sticht eine Brücke, die nirgendwo mehr hinführt. Es ist die ehemalige Stammbahnbrücke in Dreilinden, die die frühere Reichsautobahn 51 überspannt. Sie ist voll mit den Werken von Tobo, einem bekannten Berliner Sprayer, der gerade wieder dabei ist, die rostende, überwucherte Brücke mit seiner zischenden Spraydose zu gestalten. Auch Nico (Name geändert) hat hier schon einiges an Zeit verbracht. Mit 13 hat er angefangen, zu sprayen. "Wow, schon fast mein halbes Leben", sagt er, nachdem er kurz innehält. Zunächst ging es mit Tags, Signaturkürzeln, los, worauf immer aufwendiger werdende Bilder folgten. Seine erste Inspiration kam durch die in Berlin häufig vertretenen Graffiti an allen nur erdenklichen Orten. Das Buch "Odem: On The Run", eine Autobiographie einer Berliner Graffiti-Legende von 1997, inspirierte ihn. Anfangs konnte Nico sein Hobby noch mit Taschengeld bezahlen, später durch seine Ausbildung zum Mediengestalter. Mittlerweile nutzt er einen Teil seines Gehaltes für sein Hobby. "100 bis 150 Euro gebe ich dafür schätzungsweise pro Monat aus." Züge sind ihm am liebsten, besonders die S-Bahn-Linien. "Es ist wie eine Leinwand, die mit deinen Bildern durch die Stadt fährt." Graffiti auf Zügen werden Panels genannt, erklärt er. Allerdings kommt es vor, dass der Zug nach einem frischen Bild direkt in die Reinigung rollt und es nie jemand zu Gesicht bekommt. Dann war die ganze Arbeit umsonst. Nico genießt es ebenso, am Wochenende mit Freunden bei Sonne ein zeitintensives Bild anzufertigen, oft auch legal. Dabei handelt es sich um ein Piece, ein aufwendiges, meist mehrfarbiges, großflächiges Graffito. Und das sei ein T-Up, sagt er, während er mit den Resten einer grauen Dose mit der Aufschrift "Smooth Valve Control" beginnt, die Linien eines Buchstabens zu malen.

Ganz in der Nähe des Berliner Bierpinsels, eines 47 Meter hohen futuristisch anmutenden Gebäudes, sind ein paar seiner Graffiti. Früher seien sie dort geduldet worden, mittlerweile sei der Platz jedoch theoretisch nicht mehr zugänglich. Das liege an anderen Sprayern, die unter anderem ständig ihren Müll dort ließen. "Das ärgert einen natürlich, ebenso wie Leute, die mutwillig Bilder zum Beispiel durch simple Striche zerstören." Er bemängelt den "zu gesunden Egoismus" in der Szene: Sprayer, die nur mitkommen, wenn sie selbst malen dürften, und nicht bereit seien, auch mal als Wache zu fungieren. Generell sei die Szene aber wieder aktiver geworden. Allerdings nicht wie noch vor ein paar Jahren. "Früher bekamst du Anerkennung durch viele Bilder in der Stadt. Heute verlagert es sich zu einem gewissen Grad auf die Social-Media-Plattform Instagram, wo die Anerkennung in Form von Likes stattfindet."

Die East Side Gallery, das längste noch erhaltende Teilstück der Berliner Mauer, wurde von Künstlern aus 21 Ländern im Frühjahr 1990 bemalt und gilt als Denkmal. Für die Berliner Graffiti-Szene ist sie jedoch nicht von Bedeutung, meint Nico. "Es ist eher eine Touristenattraktion, wenn wir legal malen, sind unauffällige Orte entspannter, weil wir da machen können, was wir wollen."

Im Sommer sei er teilweise täglich unterwegs, im Winter seltener. Er versuche, mindestens alle zwei Wochen einmal sprayen zu gehen, erzählt er in der Wohnung eines Freundes in Steglitz. Hinter Nico hängt ein meterhohes Bild des Fernsehturms. Häufig ist der Sprayer mit seiner Crew unterwegs, da immer jemand Wache schieben könne und man sich beim Wegrennen aufteilen könne. Allein zu sprayen habe auch Vorteile, denn Geräusche könnten direkt lokalisiert werden. "Wenn ich etwas höre und das Geräusch nicht verursacht habe, dann weiß ich, ich sollte schnell abhauen", sagt er grinsend und nippt an seiner Mate, die er beim Kiosk um die Ecke gekauft hat. An seinen Freunden, mit denen er nachts durch die Stadt zieht, schätzt er, dass sie für Graffiti leben. Es beeindruckt ihn, dass sie sich Nächte um die Ohren schlagen, um sagen zu können, wann die Security ihre Runden dreht, und um das Gelände, wo das Bild entstehen soll, auszukundschaften.

Für Nico, wie auch für die meisten anderen Sprayer der Szene, ist es die größte Angst, erwischt zu werden. "Es ist wie eine Art Parallelwelt, die ich nicht mit meinem normalen Leben vereinbaren kann." Zudem enden die bis zu fünfstelligen Geldstrafen nicht selten in Haftstrafen, wenn die Strafe nicht bezahlt werden kann. Er öffnet einen Rucksack und holt daraus zwölf Sprühdosen mit den unterschiedlichsten Aufsätzen. Seine Lieblingsfarbe ist unschwer zu erkennen, sieben Dosen sind Blautöne.

Der Fernsehsender Arte dreht einen Beitrag über Nicos Crew "YUM" in der Webserie "5MINUTES". Die Gesichter sind unkenntlich gemacht. Mit Filmmaterial aus Europa werden aktuelle Tendenzen der Graffiti-Szene beleuchtet und wird ein kleiner Einblick in die Writer-Community gewährt. Für Nico, der selbst seine Aktionen mit hochwertiger Ausrüstung filmt, ist Arte sogar bereit, Spraydosen zu bezahlen, da ihnen das Filmen größtenteils schon abgenommen wurde.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Kilian Lehfeld

zurück