Zehn in der Aula

Montagmorgen. Unwirkliche Stille umgibt das riesige Schulgelände des Marianums in Fulda. Wo sonst Stau entsteht, Busse fahren, herrscht Leere. Weit und breit ist kein Schüler zu sehen, keine krakeelenden Fünftklässler, niemand, der schnell noch die Hausaufgaben abschreibt, kein Lehrer, der zum Kopierer eilt. Das große Schultor ist verschlossen. Lehrer Heiner Krauß empfängt jeden Schüler einzeln. Er weist jeden in die Hygienevorschriften ein, die vom hessischen Kultusministerium vorgegeben wurden, erinnert an den Sicherheitsabstand von zwei Metern. Er fragt Johanna nach ihrem Befinden. Denn sollten die Schüler auch nur das geringste Symptom aufweisen, dürfen sie das Gelände nicht betreten und können die Abiprüfung heute nicht machen.

8.15 Uhr. Deutschabitur. Trotz Nervosität ist Emma die Dankbarkeit darüber, dass die Prüfungen in Hessen im Gegensatz zu vielen anderen Bundesländern stattfinden, deutlich anzumerken: "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber ich freue mich, dass ich heute Abi schreiben darf."

 

Auch Schulleiter Steffen Flicker ist erleichtert, dass die schriftlichen Abiturprüfungen stattfinden. Konzepte wie das des Durchschnittsabiturs, bei denen keine Prüfungen stattfinden, sondern die Ergebnisse der letzten vier Halbjahre berechnet und als Abiturnote festgelegt werden, kommen für ihn nicht in Frage. "Die Abiturprüfungen müssen ja mit den Prüfungen der Vorjahre vergleichbar sein", findet der besorgte Schulleiter.

Während normalerweise mehr als 60 Abiturienten ihre Prüfungen in der Aula absolvieren, sitzen hier heute zehn Prüflinge mit extremem Abstand. Mirijam hat ihr Desinfektionsmittel dabei, Moritz und Julian vergessen den Sicherheitsabstand, als sie Richtung Toiletten gehen. Sabine Kress, eine aufsichtführende Lehrerin, erinnert freundlich daran, den anderen nicht zu nah zu kommen.

Dass sich diese anderen Umstände auf die Ergebnisse auswirken könnten, befürchtet Schulleiter Flicker nicht. Die Schüler hätten sich trotz ausfallender Lerngruppen und eingeschränkter Lernmöglichkeiten gut vorbereitet. Sie nähmen eine Prüfung mit Sicherheitsmaßnahmen lieber in Kauf als Verschiebung und Ungewissheiten. Allgemein reagierten die meisten Schüler und Eltern verständnisvoll. Der Unterricht finde momentan über ein von einer Gruppe von Lehrkräften selbsterstelltes digitales Lernportal statt. Durch einen Brief der Elternschaft wurde deutlich, dass manche Lehrer zu viele Aufgaben stellten. Einige Schüler hatten anfangs Probleme, technisch eigenständig zu agieren. Insgesamt sei diese Alternative aber gut angekommen, versichert Schulelternbeirat Daniel Schäfer.

 

Als alle Abiturienten auf ihren vorgegebenen Plätzen sitzen und ihre Essensvorräte ausgepackt haben, verteilt Prüferin Ricarda Flicker-Auth mit weit ausgestreckten Armen Schokolade als Glücksbringer. "Demnächst müssen wir vielleicht alle mit Atemmaske und Handschuhen kommen", mutmaßt sie.

Die Sonne scheint in die gläserne Aula und blendet. Oberstufenleiter Christian Heil lässt die Rollläden herunter, was die Atmosphäre der Isolation verstärkt. Flicker-Auth rät ihren Schülern, "ihr" Lied zu summen, wenn die Nervosität zu groß wird. Es stammt aus der Verfilmung von Goethes "Faust". So richtig gelingt es nicht, die Anspannung aus der skurrilen Situation zu nehmen. Nachdem Oberstufenleiter Heil die Regeln vorgelesen hat und alle gemeinsam gebetet haben, erhält jeder Schüler drei Bögen mit jeweils einem Aufgabenvorschlag und wählt einen aus. Die nicht gewählten Zettel sollen sie auf den Boden legen, sie werden eingesammelt. Deutschlehrerin Flicker-Auth erzählt, dass sie bereits im Vorfeld Wetten darüber abgeschlossen hat, welcher Schüler welchen Vorschlag wählt. Nach den Prüfungen werden die Schüler einzeln von einem Lehrer aus der leeren Geisterschule begleitet. Für viele der Schüler ist dies die letzte schriftliche Prüfung, doch anstatt das zu feiern, kehren sie zurück in ihre häusliche Isolation. Abistreich, Abipartys, Abiball - alles fällt aus. Zudem ist erst mal fraglich, wie das mündliche Abitur durchgeführt wird. Einige haben sich für eine Lehre, ein Studium oder ein Auslandsjahr beworben. Wann und ob sie das überhaupt unter diesen Umständen auch antreten können, ist unsicher.

Lehrer Christoph Leibold steht auf dem Hof, damit die Schüler sich nicht in Gruppen aufhalten. "Natürlich wollen die Schüler jetzt gern über ihre Abiprüfungen sprechen, heute geht das nicht." Statt gemeinsam eine Sektflasche zu entkorken, fährt jeder allein nach Hause.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Cosima Auth

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