Matthias Almstedt ist, was man landläufig "Hüne" nennt. Einer, den nichts so schnell umhaut. Doch nun stehen dem Mann Stress und Sorge ins Gesicht geschrieben. "Das Coronavirus hat auch uns fest im Griff", erklärt der kaufmännische Direktor und Geschäftsführer des Saarländischen Staatstheaters. Mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebt der Saarbrücker im Stadtteil Bübingen. In der aktuellen Situation verbringt der 53-Jährige zwar mehr Zeit zu Hause, aber dennoch ist er oft bis in den späten Abend in seinem Büro am Schillerplatz 1 in der Saarbrücker Innenstadt.
Auch bei Theatern steht man seit Anfang März vor verschlossenen Toren. Das Staatstheater ist mit seinen drei Spielstätten und jährlich rund 30 Neuproduktionen einer der kulturellen Leuchttürme des Saarlandes. Die Hauptspielstätte, das "Große Haus", prunkt in den Farben gelb und weiß am Saarufer, von der Stadtautobahn aus ist es nicht zu übersehen. 1938 wurde das Theater unter dem Namen "Gautheater Saarpfalz" von der NS-Diktatur als Geschenk des Deutschen Reiches an die Saarländer eröffnet: 90 Prozent der Bevölkerung hatten sich nämlich in der Saarabstimmung im Januar 1935 für eine Rückkehr "ins Reich" ausgesprochen. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Theater zerstört, erneut aufgebaut und 1948 wiedereröffnet. Heute gibt es 450 Mitarbeiter und 875 Sitzplätze im Großen Haus. Unprätentiös kümmern sich Almstedt und Generalintendant Bodo Busse um die inhaltliche Qualität, die Finanzen und die organisatorischen Abläufe.
Einsam wandert der Direktor manchmal durch die fast menschenleeren Gänge. "Im Haus arbeitet lediglich noch das obere Management, die Verwaltung, das Künstlerische Betriebsbüro, die Haustechnik und noch wenige andere. Viele Personen sind das nicht", stellt er fest. "Die Gesundheit der Beschäftigten geht natürlich immer vor. Dementsprechend haben wir es den Personen, die den Risikogruppen angehören, in einem ersten Schritt freigestellt, entweder am Arbeitsplatz weiterzuarbeiten oder - wo möglich - in Form von Homeoffice."
Am Freitag, dem 13. März, wurde auf behördliche Anordnung hin der Spielbetrieb eingestellt. Um die dadurch entstehenden Verluste zu kompensieren, meldete die kaufmännische Leitung des Staatstheaters für große Teile der Belegschaft Kurzarbeit an. Das betrifft die drei Ensembles Musiktheater, Schauspiel und Ballett, das gesamte Orchester und den kompletten Opernchor. Ein 15-köpfiger Krisenstab mit Führungskräften aus verschiedenen Bereichen des Theaters trifft sich regelmäßig und fällt Entscheidungen, beispielsweise in welchen Abteilungen eine weitere Arbeit unter Einhaltung der Sicherheitsabstände möglich ist und wie man die Gesundheit der Mitarbeiter schützen kann.
Das letzte Mal stand das Saarländische Staatstheater überraschend 1993 still. Damals sorgte das Jahrhundert-Hochwasser in Saarbrücken für erhebliche Schäden im Bühnen- und Zuschauerbereich. Das Wasser erreichte am 20. Dezember einen Pegelstand von 9,32 Metern, sieben Meter mehr als normal, und flutete weite Teile der Innenstadt. 20 Jahre später musste das Theater erneut geplant für einige Monate seine Pforten schließen. Grund waren umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an der veralteten Bühnentechnik. Den großen Unterschied zur Corona-Krise sieht Almstedt darin, dass überhaupt nicht abzusehen ist, wann die Schließung aufgehoben werden kann.
Wirtschaftlich und künstlerisch gesehen ist die Pandemie die größte Herausforderung seit der Wiedereröffnung am 6. März 1948. "Wir wissen noch nicht, was die Untersagung von sogenannten Großveranstaltungen für das Saarland konkret bedeutet. Es ist ein komplexes Dispositionspuzzle, das wir von Woche zu Woche neu denken müssen", erklärt der Professor. "Die auch in den Werkstätten schon sehr weit vorangeschrittenen Produktionen wie ,Der große Gatsby' oder ,Das Rheingold' werden wir, natürlich zu einem späteren Zeitpunkt, wiederaufnehmen." Vor allem bei "Rheingold" sei das wichtig, damit der Saarbrücker Ring-Zyklus im geplanten Zeitfenster durchgeführt werden kann.
Andere Produktionen haben weniger Glück: Das Schauspiel "Nora" von Ibsen oder die Oper "Die Passagierin" können bis auf weiteres nicht aufgeführt werden. "Geplant sind eventuelle Neuansätze der Produktionen in der übernächsten Spielzeit." Vor Monaten war so ein enormer Ausfall undenkbar. "Das hätte niemals jemand für möglich gehalten. Wir haben im normalen Theaterbetrieb alles versucht, um möglichst keine einzige Vorstellung ausfallen zu lassen. Bei Erkrankung eines Schauspielers oder Sängers haben wir zum Beispiel kurzfristig organisiert, dass ein Kollege aus Mannheim oder München einspringt. Aber jetzt ist alles komplett anders."
Die Kommunikation innerhalb des Theaterteams und die mit Dritten, wie Vertretern der Landespolitik, Kooperationspartnern oder Sponsoren, hat sich grundlegend verändert. In den Büros finden Termine in größerer Runde kaum noch statt. Stattdessen greift man auf eines der leerstehenden Foyers des Theaters zurück, die sonst für das Catering oder als Rückzugsort für die Zuschauer während der Vorstellungspausen gedacht sind, und stellt dort einen großen Stuhlkreis auf, mit zwei Metern Abstand zwischen den Stühlen, versteht sich.
Trotz aller Sorgen sagt Almstedt: "Diese Zeit gibt einem trotz aller Probleme und Unwägbarkeiten auch die Möglichkeit, notwendige Aufgaben wie zum Beispiel die Erstellung eines Geschäftsverteilungsplans oder die Aktualisierung von Vertragsvorlagen anzugehen, die man aufgrund des übervollen Alltags in der Vergangenheit vor sich hergeschoben hat." Auch die Mitarbeiter versuchen, das Beste aus der Situation zu machen und sich den Optimismus zu erhalten. So entschloss sich die Kostümabteilung vor einigen Wochen dazu, auf freiwilliger Basis Gesichtsmasken und Schutzkittel für Krankenhäuser und Arztpraxen zu nähen. Kostenlos werden diese geliefert. Die Stoffe stammen aus den Lagerbeständen. Auch im Internet unterhält das SST weiterhin seine Anhänger: In zahlreichen Youtube-Videos tanzen, spielen, sprechen und singen die Künstler unter dem Motto "Stay at home - wir kommen zu Euch" für ihr Publikum.
Es sind harte Zeiten für alle. Matthias Almstedt sagt: "Für die Theater ist es eine sehr traurige und trostlose Zeit, da wir das, wofür wir gesellschaftlich und kulturell stehen, in keiner Weise umsetzen können. Doch ich weiß, dass wir auch dies gemeinsam überstehen werden."