Leerer Tellplatz

Herumeilende, kostümierte Gestalten wirbeln Staub auf. Im koordinierten Chaos findet jeder seinen Platz und weiß genau, was er oder sie zu tun hat. Das Schauspiel auf der riesigen Naturbühne vor 4000 gespannten Augenpaaren beginnt. Gesang, Tanz, große Volksszenen, Reiterei, Orchester und schlussendlich der belohnende Applaus. So sehen die Sommertage der Mitwirkenden der größten Freilichtbühne Deutschlands seit mehr als hundert Jahren aus. Doch im April 2020 herrscht gähnende Leere auf dem "Tellplatz" im badischen Ötigheim bei Rastatt. Keine der Laienschauspieler proben, keiner der Chöre singt im Tellplatz-Casino, niemand probiert in der Schneiderei Kostüme an. Nur die Schäferhunde, die das Gelände bewachen, sind heute unterwegs. Allen Theatern bereitet die Corona-Krise große Sorgen, auch den Mitgliedern der Volksschauspiele Ötigheim, von denen der Großteil fast ihr gesamtes Leben dem Theater widmen, ob als Laien oder hauptberuflich.

Die erste Theatervorstellung fand in Ötigheim 1906 statt. Damals noch in einer Kiesgrube auf einer Bühne, errichtet von zahlreichen Freiwilligen, unter der Leitung vom Ortspfarrer Josef Saier, dem Begründer der Volksschauspiele Ötigheim. Sein Ziel war es, junge Leute für Schauspiel zu begeistern und ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Und so wurde das erste Stück, "Die beiden Tilly", mit 130 Mitwirkenden auf einer Bühne vor 1500 Sitzplätzen aufgeführt. Vier Jahre später kam mit "Wilhelm Tell" der Durchbruch, selbst Großherzog Friedrich der Zweite war begeistert. Der Tell wurde zum Paradestück, die Bühne erhält ihren Spitznamen "Tellplatz", Ötigheim wird zum "Telldorf".

Volk spielt fürs Volk, das ist das Motto. Das Gemeinschaftsgefühl der Vereinsmitglieder ist einzigartig. Der Großteil der Einwohner ist direkt oder indirekt an den Veranstaltungen beteiligt, zu denen bis zu 100 000 Besucher im Jahr aus ganz Deutschland anreisen. "Die VSÖ sind für mich wie eine große Familie, weil sich jeder kennt und alle füreinander da sind, und auf und hinter der Bühne unterstützt man sich", sagt Miriam Spence. Die 16-Jährige steht seit elf Jahren als Sängerin und Schauspielerin auf der Bühne.

Neben den bis zu 80 Darstellern sind an den Aufführungen auch rund 60 Schüler der betriebseigenen Ballettschule, 190 Sänger des Chors und Jugendchors, ein Ensemble von bis zu 500 Statisten und das Orchester und Jugendorchester beteiligt. Hauptamtliche Mitarbeiter gibt es nur wenige in den Bereichen Technik, Kostüme, Bühnenbau, Maske und Geschäftsstelle. Bei einer normalen Aufführung sind auf, hinter und um die Bühne zwischen 400 und 600 Personen in Aktion. "Die Atmosphäre hier ist sehr familiär, auch weil es Menschen aus so vielen Altersklassen gibt, vom Baby bis hin zum Großvater ist alles mit dabei", sagt Miriam Spence.

Und auch der Ort des Geschehens hat es in sich. Mit einer Breite von 200 Metern, einer Tiefe von 60 Metern und der Zuschauertribüne mit den 4000 Sitzplätzen ist der Tellplatz die größte Freilichtbühne Deutschlands, die von einem Amateurtheater bespielt wird. Das Bühnenbild wird je nach Stück architektonisch angepasst. Bei der Aufführung von Schillers "Die Jungfrau von Orléans" 2010 wurde der Hauptbau in der Bühnenmitte in einen Nachbau der Kathedrale von Reims mit 23 Meter hohen Türmen verwandelt. Neben Schiller, Goethe und Shakespeare werden auch Musicals, Operetten, Opernklassiker und seit 1991 Kinderstücke aufgeführt. Außerdem gibt es Gastspiele, so traten auf der Freilichtbühne schon Udo Jürgens, Montserrat Caballé und Helge Schneider auf. Jedes Jahr gibt es das "Festliche Konzert" mit Feuerwerk.

Dieses Jahr sollte das 110-jährige Bühnenjubiläum mit einer opulenten Neuinszenierung von "Wilhelm Tell" auf der Naturbühne stattfinden. Mit großem Ensemble, Chören, Ballett, Reiterei und Almabtrieb, ein Schauspiel vom Zusammenhalt der Gesellschaft, von Freiheitsliebe, Leidenschaft und Mut, so wird es auf der Website noch immer angepriesen. Doch die Leidenschaft der Ötigheimer wird auf eine harte Probe gestellt: Aufgrund der Corona-Krise werden dieses Jahr keine Vorstellungen stattfinden können.

Die Vorbereitungen auf die Saison liefen seit Herbst. Doch seit Wochen ist an Proben nicht zu denken. Den Verein trifft das hart. "Die laufenden Kosten müssen gedeckt werden, und ohne Einnahmen geht das ja nicht. Es gibt Auftragsmangel für die Schreinerei, die Technik und die Schneiderei, und Leute, die Vollzeit für die Volksschauspiele arbeiten, haben jetzt gar keine Arbeit mehr", sagt Miriam Spence.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Daria Strauß

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