Ich gehe gerne über meine eigenen körperlichen Grenzen hinaus, weil das Gefühl, es am Ende der zwei Tage geschafft zu haben, alles wieder wettmacht, Aufgeben ist für mich keine Option." Der diesen unbändigen Willen, mit seinen Konkurrenten um den Sieg zu kämpfen, und seinen Ehrgeiz auf eindrucksvolle Weise bekundet, ist der Mehrkämpfer Leon Mürtz aus Naunheim, im Landkreis Mayen-Koblenz gelegen.
Als Leon vor fünf Jahren das erste Mal zu einem Schnuppertraining in den Leichtathletikverein "LaTus Mayen" kam, war er ein Junge wie jeder andere, er kam regelmäßig zum Training. "Anfangs war ich zwar nie der Beste und durfte nur von unten zu den Besten hochschauen, aber gerade das hat mich angespornt, im Training noch mehr zu geben als alle anderen, um irgendwann selbst der zu sein, zu dem alle hochschauen." So wurde er nach kurzer Zeit der Schnellste, und das nicht nur in seinem Heimatverein in Mayen, sondern in ganz Rheinland-Pfalz. Seinem Trainer Stefan Schon war schnell klar, dass Leon seine Stärken nicht nur im Sprint hat, sondern dass er ein Allrounder ist. So trainierte er auf seinen ersten Mehrkampf, die Königsdisziplin in der Leichtathletik, hin.
Das Training eines Zehnkämpfers unterscheidet sich stark vom Training eines Sprinters, es ist viel abwechslungsreicher. "Ich habe festgestellt, dass es mir nicht so viel Spaß macht, nur auf eine Disziplin hin zu trainieren und schlussendlich nur zehn Sekunden zu laufen, um dann wieder nach Hause zu fahren, ich möchte mehr, nämlich in allen Disziplinen der Leichtathletik der Beste sein." So trainierte er und trainierte er, so viel, wie es nur wenige tun. 2017 war es endlich so weit, er durfte an seinem ersten Zehnkampf teilnehmen. Sein erster Mehrkampf war gleichzeitig auch sein schwerster, wie der Schüler der elften Klasse einer weiterführenden Realschule plus stolz erzählt: "Ich kann mich noch ganz genau erinnern. Es war an den zwei Wettkampftagen 34 Grad heiß, was die ganze Sache sehr erschwerte. Gerade bei der letzten Disziplin, dem 1500-Meter-Lauf, was noch dazu nicht meine Lieblingsdisziplin ist, da es nach schon absolvierten neun Disziplinen wirklich schwierig ist, sich noch auf die letzte zu freuen, habe ich noch mal alles gegeben und war sogar kurz vorm Zusammenbrechen."
Sein Kampfgeist und sein Durchhaltevermögen zeigen sich auch an seiner Einstellung gegenüber der Konkurrenz: "Konkurrenz spornt mich an. Wenn zum Beispiel einer mal weiter stößt als ich, ist das für mich der perfekte Anreiz, im nächsten Versuch noch weiter zu stoßen." Die zehn Teildisziplinen sind Sprint, Weitsprung, Kugelstoßen, Hochsprung und den ersten Tag abschließend der 400-Meter-Lauf; am zweiten Tag folgen der 110-Meter-Hürdenlauf, Diskuswurf, Stabhochsprung, Speerwurf und der abschließende 1500-Meter-Lauf. "Es ist völlig egal, ob eine Disziplin mal nicht so funktioniert, wie man es gerne hätte, einen Zehnkampf macht man immer zu Ende", findet Leon Mürtz, der siebenmal die Woche trainiert. "Dabei ist es auch egal, ob es Sommer oder Winter ist, auch wenn es schneit, gehe ich raus in den Wald und laufe dort meine Runden, um die Ausdauer zu verbessern." Bei dem großen Trainingsaufwand bleibt oft keine Zeit für Freunde oder Familie. "Manchmal ist es wirklich schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen, zum Beispiel kann ich nicht einfach mal mit meinen Freunden ins Kino gehen, da ich meistens noch in der Halle stehe. Trotzdem bekomme ich es ab und zu hin, mich zu treffen, doch dann müssen sich meine Freunde nach mir und dem Sport richten."
Auch bei der Ernährung muss Leon Mürtz Abstriche machen. "Zwar esse ich auch mal eine Pizza, aber das ist wirklich eine Seltenheit. Gerade wenn meine Freunde neue Erfahrungen machen, wie zum Beispiel abends feiern gehen und die ersten Berührungen mit Alkohol machen, muss ich öfters mal zurückstecken. Natürlich frage ich mich manchmal, warum ich das alles überhaupt mache, aber die Liebe zum Sport ist einfach riesig bei mir." Wegen dieser Selbstdisziplinierung kann Leon viele Erfolge verbuchen, neben vielen Rheinland-Titeln kam er bei den Deutschen Meisterschaften im vergangenen Jahr in Halle unter die fünf besten Mehrkämpfer in seiner Altersklasse.
Aber er musste auch schon Niederlagen einstecken. "Bei einem Zehnkampf hatte ich bei einer meiner Lieblingsdisziplinen, dem Hochsprung, dreimal die Anfangshöhe gerissen und null Punkte bekommen. So konnte ich den Sieg vergessen." Der Junge aus Naunheim kann in solchen Momenten auf seine Familie zählen, die ihm von Anfang an bei dem, was er gerne macht, unterstützt: "Für mich und meine Eltern ist ein Wettkampf, der über zwei Tage geht, wie ein kleiner Familienurlaub, da wir meistens ein ganzes Wochenende am Austragungsort, der gut mal drei Stunden von zu Hause entfernt ist, in einem Hotel übernachten und abends schön gemeinsam essen gehen." Das alles ist natürlich teuer. Leon weiß zu schätzen, dass er Eltern hat, die ihm das möglich machen können. Auch er muss finanziell einige Abstriche machen. Ein bisschen bedrückt sagt er: "Ich möchte mir natürlich auch gerne mal die ein oder andere Sache gönnen und nicht nur immer Sportsachen kaufen."
Die Investitionen sind zum Teil beträchtlich. "Zu einem Zehnkampf reicht es nicht, seine Laufschuhe mitzubringen, nein, man muss sieben Paar Schuhe mitbringen, für fast jede Disziplin ein Paar, um in jeder dieser Disziplinen möglichst gute Grundvoraussetzungen zu haben." Dieser Aufwand hält ihn nicht davon ab, das zu machen, was er liebt. "Ich bin auf jeden Fall nicht der Schlechteste, aber mein Ziel ist es, irgendwann ganz oben zu stehen, und das nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern in ganz Deutschland und, wer weiß, vielleicht von der ganzen Welt. Um dies zu erreichen, weiß ich selbst, fehlt es noch ein bisschen, aber wenn ich weiter trainiere und immer noch mehr gebe als alle anderen, weiß ich, dass ich es schaffen kann." Um dieses Ziel zu erreichen, möchte er sich noch stärker dem Sport widmen, deshalb ist sein Berufswunsch Polizist. "Im besten Fall schaffe ich es in eine Sportfördergruppe, so dass ich meine Leidenschaft und meinen Beruf noch besser miteinander verbinden kann." Um noch besser unterstützt zu werden, zieht er in Erwägung, in einen größeren Verein zu wechseln. Und wer weiß, vielleicht sehen wir Leon Mürtz irgendwann über den Fernsehbildschirm um den Sieg rennen.