Schlimm traf es den Italiener

Ich hatte Angst festzusitzen, aber gleichzeitig hatte ich noch größere Angst, nach Hause geschickt zu werden, ich war überfordert und konnte nicht mehr klar denken. Doch schneller, als ich überhaupt schauen konnte, war ich schon zu Hause", erzählt Clara Hetger aus Mayen. Die selbstbewusste, sportliche 16-Jährige mit kurzen, braunen Haaren sollte ursprünglich zehn Monate in Vermont in den Vereinigten Staaten in einer kleinen Siedlung namens Jeffersonville verbringen. Doch nach nur sieben Monaten war das "große Abenteuer", wie es die Schülerin des Megina-Gymnasiums nennt, durch das Coronavirus schon wieder vorbei. "Das erste Mal habe ich von dem Virus im Januar gehört, doch ich und auch viele andere in Amerika haben Covid-19 als eine Krankheit gesehen, die es nur in China gibt und dort auch bleiben wird, ich glaube, keiner hat damit gerechnet, dass dieser Virus das Leben von uns allen so auf den Kopf stellen wird." Als Donald Trump am 12. März das Einreiseverbot verhängt hat, kam das "für mich wie ein Faustschlag". Trotzdem ging sie weiter auf die Lamoille Union High School. "In der Schule sind die Lehrer sehr unterschiedlich mit der Situation umgegangen, manche haben uns lediglich auf die Hygienevorschriften hingewiesen, andere waren so panisch, dass sie nach jeder Stunde den Klassenraum gesäubert haben, was ich als sehr übertrieben wahrgenommen habe." Es gab auch sehr unschöne Momente, einige Mitschüler wurden ausgegrenzt. "Das Schlimmste, was ich wahrgenommen habe, war, als ein italienischer Austauschschüler, mit dem ich befreundet war, von anderen Kindern beleidigt und ausgelacht wurde, nur weil er aus einem Land kam, in dem sich der Coronavirus schon sehr stark verbreitet hatte. Sogar seine Gastmutter ist so weit gegangen, dass sie ihn regelrecht eingesperrt hat, er durfte nur noch raus, um mit dem Hund spazieren zu gehen, für mich war es einfach nur schlimm, so etwas miterleben zu müssen."

Die Schulen wurden schließlich geschlossen. "Die amerikanische Politik hat für mich einen gravierenden Fehler gemacht, sie haben keine zweiwöchigen Quarantänen verhängt, selbst wenn jemand im Risikogebiet war, wie Mitschüler einer Parallelklasse, die zwei Wochen Teilnehmer einer Skifreizeit in Italien waren. Auch wenn einer starke Symptome gezeigt hatte, lebte dieser in Anführungszeichen normal weiter." Auch die Amerikaner horteten Klopapier. "Was mich viel mehr überrascht hat, war, dass alle auch Waschmittel und Mac & Cheese, ein Gericht, welches ich lieben gelernt habe, in Mengen gekauft haben, als gäbe es kein Morgen."

Das Virus hat das tägliche Leben aller auf den Kopf gestellt. "Ich habe keine Freunde mehr treffen können, durfte keinen Sport mehr machen, was mein größtes Hobby ist, vor allem die Skipiste ist in Amerika mein zweites Zuhause geworden." Ihrer Gastfamilie ist sie dankbar, alle hätten ihr geholfen.

Doch dann traf morgens um sieben Uhr eine Mail vom State Department, dem Außenministerium, ein, sie müsse das Land verlassen. "Ich habe es erst nicht wirklich geglaubt, für mich kam alles sehr überraschend, und es hat sich angefühlt wie ein schlechter Traum." Die Maßnahme diene ihrem Schutz. "Wenn ich erkrankt wäre, hätte ich nicht zurück zu meiner Familie gedurft. Auch wenn eines meiner Gastfamilienmitglieder an Covid-19 erkrankt wäre, hätte es für mich keine Möglichkeit gegeben, die Vereinigten Staaten zu verlassen. Zudem hätte es Probleme mit dem Visum gegeben." Drei Tage später wurde ihr per Mail mitgeteilt, dass ihr Rückflug in vier Tagen gehen würde, verabschieden konnte sie sich nicht. "Ich habe so gut wie keinen meiner Freunde mehr gesehen, was mich bis heute noch beschäftigt und wirklich traurig macht."

Trotz dieser plötzlichen Abreise ist sie im Reinen mit sich: "Was ich in dieser Zeit alles erlebt habe, auch gerade durch Corona, die schönen Momente, wie den Zusammenhalt, aber auch die schlimmen, wie die Ausgrenzungen, haben mich im Leben um einiges weitergebracht, ich habe gelernt, dass Familie zu haben einfach das Wichtigste ist, um schwere Zeiten wie diese zu überstehen, weshalb ich aus heutiger Sicht sehr froh bin, wieder bei meiner echten Familie zu sein, ich muss mir einfach eingestehen, dass ich sehr naiv war und die ganze Situation nicht wirklich ernst genommen habe."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Felix Geisbüsch

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