Ruhe bewahren

Rotes Blut, das langsam aus der Ellenbeuge in einem durchsichtigen Schlauch Richtung Spritze wandert, eine Ärztin mit Brille und schwarzen Locken, die aufgrund des Treffens der Vene schon beim ersten Versuch zufrieden lächelt. So perfekt wie Marion Schwarzkopf hier die Ader trifft, so perfekt stellt man sich auch die ganze Person einer Ärztin vor. Dieses Vorurteil räumt die sympathische Frau sogleich aus der Welt, denn auch Ärzte seien nur Menschen, und Menschen machen Fehler.

Manchmal kommen Patienten, die sagen: "Ich bin krank, also brauch ich ein Antibiotikum" oder "Laut Google habe ich Krebs, muss ich sterben?" Bei derartig abstrusen Fragen fällt es der humorvollen Allgemeinmedizinerin schwer, ernst zu bleiben. Ihre Behandlungsmethoden sind weit gefächert, sie behandelt mit Akupunktur, Homöopathie oder chinesischen Arzneitherapien, die einen ganzheitlichen Blick auf den Patienten ermöglichen. Sie ist an vielen Orten im Einsatz. Sei es in ihrer Privatpraxis in Kleinwallstadt, in Obernburg als angestellte Ärztin oder auch in Erlenbach am Main und in Aschaffenburg als Poolärztin, wo sie nach Patientenzahl bezahlt wird.

Wie verläuft ein typischer Arbeitstag? "Also, so ein typischer Arbeitstag in der Praxis in Obernburg startet um 8 Uhr. Da kommt dann ein Patient nach dem anderen, das meiste sind akute Sachen wie Infekte, Bauchweh, Halsweh, Husten, Schnupfen, allerlei. Aber auch mit Erkrankungen wie beispielsweise Bluthochdruck beschäftigt man sich dort." Auch nach der Mittagspause habe sie gut zu tun. "Dabei kommt es immer auf die Jahreszeit an, das meiste sind dann Erkältungen, im Sommer kommen dann noch die ganzen infizierten Insektenstiche dazu und Zeckenbisse, auch eine Blutvergiftung ist mal dabei."

Rund geht es zurzeit vor allem wegen des Coronavirus. "Anfangs wussten wir alle nicht, was ist das? Aber relativ schnell wurde bekannt, dass es eher eine Influenza, also etwas wie eine Art Grippe, sei. Da habe ich persönlich alle Angst verloren und habe das anderen auch so gesagt. Mittlerweile herrscht mehr Panik, als in meinen Augen nötig wäre, und die Leute sind verunsichert." Das sehe sie vor allem an den fast ängstlichen Reaktionen der Patienten, die mit ein bisschen Husten oder Erkältungssymptomen zu ihr kämen. Weshalb die Ärztin auch Hamsterkäufe für maßlos übertrieben hält. Sie selbst würde niemals auf die Idee kommen, jetzt mehr einzukaufen, und muss beim Gedanken, was die Leute wohl mit dem ganzen Klopapier wollen, unwillkürlich lachen. Selbstverständlich dürfe die Situation trotzdem nicht verharmlost werden, sie bittet die Menschen nur darum, mit gesundem Menschenverstand zwischen vernünftig und übertrieben zu unterscheiden.

So unterbreche man zwar viele Infektionsketten, aber beschwöre dadurch andere Probleme herauf. "Ich bin dem Coronavirus ja auch dankbar, endlich waschen sich die Leute mal die Hände und verstehen, dass es sich gehört, in die Ellenbeuge, wenigstens aber in die Hand und nicht jemand anderem ins Gesicht zu husten oder zu niesen. Lauter so kleine Selbstverständlichkeiten, die eigentlich auch ohne Ansteckungsgefahr funktionieren sollten." Sie betont: "Wichtig ist es zu versuchen, sein Leben einfach weiterzuleben im Rahmen, der möglich ist, und die Ruhe zu bewahren." Es sei enorm wichtig, an einem Strang zu ziehen. Das Motto "Leben und auch leben lassen" sei in diesen Tagen besonders bedeutend.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Carla Hein

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