Viermal täglich in den Bunker

Es ist der 18. April 1945, 11.55 Uhr. Riesige Menschenmassen strömen vom Unterland aus über den spiralförmigen Aufgang in den Bunker der Nordseeinsel Helgoland hinein. Schulter an Schulter versuchen sich die Helgoländer durch die engen Gänge zu zwängen, um an ihren vorgeschriebenen Platz zu gelangen. Kinder, die durch den separaten Schuleingang vom Oberland aus in den Bunker gelangt sind, fallen ihren Eltern in die Arme, während andere ruhig ihren vorgepackten Bunkerkoffer neben sich abstellen. Nervös geht die Bunkeraufsicht die Gänge auf und ab, um zu garantieren, dass jeder auf seinem Platz bleibt und keine Panik ausbricht. Immer wieder ist ein ohrenbetäubendes Knallen von außen zu hören. Menschen stützen ihren Kopf in die Hände und weinen, andere jedoch sitzen nur regungslos da und überlassen dem Schicksal seinen Lauf.

"Was sich am 18. April 1945 auf Helgoland abspielte, erschütterte die Helgoländer bis tief ins Mark", sagt Levke Paulsen mit bewegter Stimme, als sie ihre Besuchergruppe durch den alten Bunkereingang führt. Unverzagt geht sie die Treppe hinunter, bis sie schließlich inmitten des alten Bunkerstollens steht.

An den grauen und tristen Bunkerwänden, die von Rissen und kleinen Salzablagerungen gespickt sind, hängen alte Fotografien oder Pläne, die die Insel oder den Bunker zeigen. Kabel und Rohre ragen aus den Betonmauern heraus, bei näherer Betrachtung fällt eine alte Sirene in einer kleinen Aussparung der Wand auf. Die aus Lentföhrden, einem Ort im Herzen Schleswig-Holsteins, stammende Helgoländerin erklärt, dass es während des Zweiten Weltkriegs für die Helgoländer zur Gewohnheit wurde, mehrmals am Tag in den Bunker zu gehen. Das lag daran, dass Helgoland ein taktisch wichtiger Ort im Krieg war, da die Insel zwischen Großbritannien und Deutschland liegt.

Hinzu kam, dass die Briten nach ihren Fliegerangriffen immer ihre übriggebliebene Munition loswerden mussten und sich Helgoland perfekt dafür anbot. Dies alles führte dazu, dass die Helgoländer bis zu viermal täglich in dem Bunker Schutz suchen mussten. Die Helgoländer waren es aber irgendwann leid, sich ständig in den Bunker zurückzuziehen, da sich die Angriffe oft als harmlos herausstellten und die Bedrohung meist ziemlich gering war. "Doch dass die Gefahr wohl eine komplett andere Dimension an diesem Tag erreicht hatte, wurde den Helgoländern am 18. April rasch bewusst", erklärt die gebürtige Schleswig-Holsteinerin, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern seit vier Jahren auf Helgoland lebt. An diesem besagten Tag wurde Helgoland gezielt von den feindlichen Briten bombardiert, um die Insel, und damit einen wichtigen strategischen Stützpunkt, zu eliminieren. Über knapp zwei Stunden hinweg wurden rund 7000 Bomben auf die kleine Insel abgeworfen, übrig blieb letztendlich nichts. Als der ohrenbetäubende Lärm nachließ und die Helgoländer den Bunker wieder verließen, war nichts mehr beim Alten. Vergeblich versuchten sie Überbleibsel ihrer Häuser zu finden, jedoch erfolglos. Bis auf den Maulbeerbaum, der bis heute auf dem Oberland am Bunkereingang steht, war nur Schutt und Asche zu sehen. Schon Tage vor der ersten Bombardierung hatte eine kleine Widerstandsgruppe versucht, die Insel kampflos an die Alliierten zu übergeben, so dass Helgoland außer Gefahr wäre, jedoch wurde all ihre Hoffnung durch einen internen Verrat zerstört, indem dieses Vorhaben öffentlich gemacht wurde. Die Briten bombardierten die Insel weiter. Die Angriffe waren so zerstörerisch, dass die Helgoländer gezwungen waren, Helgoland am 20. April 1945 zu verlassen.

"Ihre Insel und damit auch ihre komplette Geschichte und Kultur wurde innerhalb von 90 Minuten zerstört", fasst der Museumsleiter Jörg Andres die Geschehnisse im Foyer des neuerrichteten Museums zusammen. Der 62-Jährige lebt seit 24 Jahren auf Helgoland und war am Wiederaufbau des Museums, das ebenfalls an jenem 18. April zerstört wurde, maßgeblich beteiligt. Obwohl das Museum nach der Rückbesiedelung der Helgoländer sofort wiederaufgebaut werden sollte, fehlten lange die finanziellen Mittel. Es wurde nach einer Lösung gesucht, bis 1996 eine Förderinitiative gegründet wurde, die den Helgoländern half, das Museum aufzubauen. 2010 wurde das Museum an die Helgoländer Gemeinde übergeben und Jörg Andres zum Museumsleiter ernannt. Nach dem Wiederaufbau wurden etwa hunderttausend Ausstellungsstücke gesammelt, die die Geschichte der Insel und ihre Kultur widerspiegeln. "Helgoland ist einer der geschichtsträchtigsten Orte der Welt, was unter anderem am Sansibar-Vertrag, welcher Helgoland 1890 zurück in deutsche Hände gab, oder am geplanten riesigen Kriegshafen im Dritten Reich, der Hummerschere, erkennbar ist", erklärt Jörg Andres und lässt anschließend die Ereignisse Revue passieren, die er persönlich anhand vieler Zeitzeugengesprächen erschlossen hat.

Nach der Evakuierung der Insel am 20. April 1945 wohnten die Helgoländer auf dem Festland. Als sich die Nachricht verbreitete, dass Helgoland von den Briten komplett gesprengt werden sollte, kam es auf dem Festland wiederholt zu Demonstrationen, Protesten und Zusammenschlüssen, um die Heimat vor der drohenden Sprengung zu bewahren, jedoch blieben alle Versuche erfolglos. Berührt und teilnahmsvoll berichtet Andres, wie es am 18. April 1947 zur Sprengung kam, die durch knapp 7000 Tonnen Sprengstoff erfolgte und live im Radio übertragen wurde. Die Helgoländer lagen angespannt auf den Dämmen der Hafenstädte und schauten voller Schrecken auf das weite Meer hinaus. Eine enorme Rauchwolke war über der Nordsee zu sehen. Alle Hoffnung schon verloren, beschlossen ein paar Helgoländer, mit ihren Fischkuttern hinauszufahren, um zu schauen, ob noch etwas von der Heimat übriggeblieben war. Doch als sie an ihrem Ziel ankamen, trauten sie ihren Augen kaum: Die komplette Insel hielt der Sprengung stand. Eine unheimliche Euphorie ergriff die Helgoländer. Der Kampf um Helgoland begann ein weiteres Mal. Es entflammte ein dreijähriger erbitterter politischer Streit um die Insel, bis Helgoland am 1. März 1952 an die deutsche Regierung zurückgegeben wurde. Bis heute ist der 1. März ein Feiertag und wird jedes Jahr ausgiebig gefeiert. Er gilt wie der Maulbeerbaum als Symbol des Widerstandes der Helgoländer.

Bei den Gesprächen mit Helgoländern, deutschen und englischen Zeitzeugen wurde Andres klar: "Jeder teilt dasselbe Schicksal, jedoch mit ganz unterschiedlichen, individuellen Auffassungen." Das Gesamtbild habe sich wie ein Puzzlestück aus verschiedenen Wahrheiten zusammengesetzt. In einem waren sich alle einig: "Die Menschlichkeit ist nach dem Krieg allmählich zurückgekehrt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Nils Kärger

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