Pause-Taste gedrückt

Philea Fischer lebt in der Nähe von Freiburg und hat eine Menge Hobbys. Sie geht dreimal in der Woche Jazz Dance tanzen, spielt Klavier, Theater und tanzt Standard und Latein. Den Rest der Woche erledigt sie Dinge für die Schule und trifft sich mit Freunden. Jetzt fallen diese ganzen Aktivitäten weg. Was andere verzweifeln lassen könnte, sieht die 15-Jährige gelassen. "Ich versuche das Beste aus meiner Situation zu machen." Sie sieht die freie Zeit als Chance. Es sei, als hätte jemand auf eine Pause-Taste gedrückt. Sie nutze die Zeit, ihr Leben zu reflektieren und Dinge, die einem darin nicht gut gefallen, zu verbessern. Neue Hobbys waren schnell gefunden, sie widmet viel Zeit der Online-Plattform Masterclass auf der sie sich neues Wissen aneignet und Inspirationen zu Rezepten oder Sportübungen findet.

Enorme Veränderungen gibt es auch in dem Leben einer geselligen Flugbegleiterin, deren Leidenschaften im Reisen, Yoga und Wandern liegen. Durchschnittlich vier Langstreckenflüge macht Elisabeth Tausendpfund im Monat. Diesen Monat habe es für sie noch keinen einzigen gegeben, berichtet die sympathische 56-jährige Chefstewardess, die an der Schweizer Grenze lebt. Seit gut 35 Jahren hat sie ihren Beruf bei der Lufthansa. Ihren Alltag empfinde sie derzeit als relativ entspannt. Sie nutzt die Zeit für Französischstunden mit ihrem Neffen, sortiert Papiere und ist im Garten. Auch zu ihren Nachbarn hat sie mehr Kontakt. Trotzdem fehlen ihr viele soziale Kontakte. "Die Menschen in meinem Umfeld scheinen durch das Virus viel gelassener zu werden." Elisabeth Tausendpfund ist der Überzeugung, dass die Krise die Leute dazu bewegt, sich zum Beispiel durch das Fahrrad unabhängiger zu machen und nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein. Sie meint, dass die Welt durch die Krise gelernt habe, dass nicht alles so selbstverständlich ist, wie es scheint.

Nach der Pandemie ist vor der nächsten Krise, so ist die Ansicht der Chemietechnikerin Britta Strauß aus Düsseldorf, die gerade von der Arbeit kommt. Sie sieht die Pandemie als Kurve, die den Prozess darstellt, dass die Menschen die Situation erst nicht glauben, dann realisieren und sich schließlich der Situation anpassen. Im Gegensatz zu vielen anderen hat sie nicht mehr Zeit, sondern deutlich weniger. In ihrer Arbeitsstelle bei einem großen Konsumgüter-Hersteller müssen viele Risikopatienten im Homeoffice arbeiten. Da die Firma unter anderem Reinigungsprodukte herstellt, profitiert das Unternehmen von der Krise. Britta Strauß muss aufgrund der vielen fehlenden Kollegen Überstunden machen. Sie wohnt allein. Deshalb wird die Situation für sie langsam anstrengend. Darüber hinaus macht sie sich Sorgen um ältere Menschen wie ihre unter beginnender Demenz leidende Mutter, die sie jeden zweiten Tag besucht. Die 54-Jährige sieht auch positive Seiten, etwa dass es viel weniger Verkehr gibt und viele freundlicher sind. Zugleich sieht sie, dass die Menschen realisieren, dass das Welt-System verletzbar und schlecht vorbereitet auf solche Situationen ist. Sie hofft, dass die Pandemie bald vorbei ist, die Menschen nicht mehr in ständiger Ungewissheit leben müssen und alle aus den Umständen lernen.

Langeweile macht sich unterdessen in Gundelfingen breit, wo Zora Hoffmann aus Wildtal langsam vereinsamt. Tanzen, Freunde treffen, Schule. So sieht normalerweise der Alltag der 16-Jährigen aus. Man mache jetzt Dinge, mit denen man sich sonst nicht befasst, wie auf seine Ernährung zu achten, mehr rauszugehen, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen und sein Zimmer aufzuräumen, das sie stolz in einem Topzustand zeigt. Für sie überwiegen die negativen Aspekte, da so viele Menschen sterben, es zahlreiche Einschränkungen gibt, man Langweile empfindet und Dinge, auf die sie sich schon lange gefreut hat wie ein Austausch nach Taiwan oder Veranstaltungen abgesagt wurden. Zudem ein großer Nachteil ist, dass man in der Schule viele Dinge, die man verpasst hat, nachholen muss.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Lilian Bessler

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