"Es war schrecklich"

Sonntagmittag. Die Straße vor dem kleinen Kebabladen "By Memo's" im Saarbrücker Stadtteil St. Arnual ist leer. Bei Nurullah Simsek herrscht jedoch Hochbetrieb. Telefonisch trudeln immer neue Bestellungen ein. "Vor Corona haben die Leute hier Schlange gestanden. Heute trauen sie sich nicht mehr aus dem Haus", sagt der dunkelhaarige, kräftige Mann lachend. Simsek trägt seine Arbeitskleidung: ein rotes T-Shirt, eine mit etwas Mehl befleckte Jeans und sein breites Lächeln. Mit den Kunden scherzt und lacht er pausenlos. Außer Döner, vegetarischen Falafel-Sandwiches, türkischen Lahmacuns oder Yufkas gibt es Schnitzel, Pizza, Pasta und Salat. "Das Geschäft läuft gut, vor zwei Wochen hätte ich das nicht für möglich gehalten."

Denn im März sah es anders aus. Der 38-jährige Kurde war am Boden zerstört. "Als Kind bin ich 1995 aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet und habe mir dann hier in Saarbrücken eine Existenz aufgebaut. Dann kam dieses Corona, und ich hatte Angst, dass jetzt alles zerstört wird." Einen Kebabladen gab es in dem Gebäude an der Saargemünder Straße schon vorher, da war jedoch wenig los. 2018 übernahm Simsek dann den kleinen Laden. Am Anfang fiel es dem ehemaligen Postboten schwer, sich an die neue Arbeit zu gewöhnen, es gab wenig Kundschaft. Doch schnell überzeugte der neue Besitzer die St. Arnualer mit seiner lebensfrohen Art. "By Memo's" wurde zum beliebtesten Kebabladen im Viertel. Eine Erfolgsgeschichte, bis Corona kam. "Zu Beginn der Krise gab es überhaupt keine Kundschaft. Ich habe ganz allein hier gesessen und hatte nichts zu tun. Am schlimmsten war die Ungewissheit: Wie lange wird das Ganze dauern? Muss ich vielleicht früher oder später endgültig schließen?" Die Firma aus Gersweiler, die das Fleisch liefert, hatte den Betrieb eingestellt. Pro Tag gab es nur ein oder zwei Bestellungen von Kunden. Die Salate, Beilagen und Saucen vergammelten, der Umsatz ging weiter zurück, bis Simsek sich Ende März entschloss, den Laden für zehn Tage dichtzumachen. "Ich habe nur noch draufgezahlt und nichts verkauft. Es war ganz schrecklich. Die Lebensmittel wanderten sowieso in die Tonne. Dazu noch die laufenden Kosten und Kredite. Ich habe nur noch Verlust gemacht." Natürlich hatte er Sorgen, dass die zeitweise Schließung nichts ändern würde. "Ich hatte kaum Hoffnung, dass sich bis zum ersten April alles wieder weitestgehend normalisieren würde", sagt der Familienvater. "Außerdem musste ich einen neuen Weg finden, an Fleisch zu kommen. Die Firma, die mich früher immer beliefert hat, musste tatsächlich ganz aufgeben." Eine monatelange Schließung hätte auch für ihn den Ruin bedeutet. "Ich habe meinen Mut nicht verloren und nicht aufgegeben. Ich habe gesagt: Ich mache jetzt am 1. April wieder auf und versuche, mehr Kundschaft zu kriegen." Zunächst arbeitete Simsek allein im Laden. Seine Frau Feyrusah hat vor der Krise die Bestellungen ausgeliefert, Simsek bediente im Laden. Frau Simsek betreut nun die Kinder zu Hause. Die zwei Jungen, sechs und zehn Jahre alt, können noch nicht allein bleiben, aber sie genießen die Zeit ohne Schule und Kindergarten. Simsek grinst: "Endlich dürfen sie mal ausschlafen."

Mittlerweile beschäftigt der DönerMann eine Aushilfe: Hussein Batal ist ebenso Kurde und kommt aus Syrien. Seit fünf Jahren lebt er in Deutschland. Seinen eigenen Kebabladen in der kleineren Nachbarstadt Völklingen musste der 35-Jährige aufgrund der Krise schließen. Die meiste Zeit über liefert er Bestellungen jetzt aus. "Die meisten Kunden haben tatsächlich Angst, selber herzukommen, und da ist der Lieferservice unsere große Chance", sagt der schmale Mann. Mit seiner leisen Stimme und zurückhaltenden Art ist Batal das Gegenteil von seinem Vorgesetzten. Sie verstehen sich gut und ergänzen sich.

"Auch der Bereich, den ich beliefere, hat sich vergrößert. Hussein fährt jetzt auch in die Innenstadt und sogar nach Güdingen raus", erklärt Simsek. "Wir versuchen halt zu überleben." Natürlich muss Batal jetzt öfters tanken, dafür geht es vom Umsatz her wieder einigermaßen. "Außerdem ist der Sprit zur Zeit sehr billig", lacht Simsek.

Das Saarland ist wegen seiner guten Küche bekannt. Hauptsach gudd gess. Und so wurde in Anspielung auf dieses saarländische Motto während der Corona-Krise die Spendenaktion "Rettet guddgess" ins Leben gerufen. Die Parole lautet: "Hauptsach' gudd gess, und das soll auch so bleiben." Auf der Internetseite kann man für verschiedene gastronomische Kleinbetriebe im ganzen Bundesland spenden. "By Memo's" ist dort nicht angemeldet. Von dieser Aktion hat Simsek nichts gehört. "Klar, Spendenaktionen sind eine gute Idee, zum Beispiel für Hilfsbedürftige in Kriegsgebieten. Da kann man Menschen medizinisch und auch finanziell helfen. Aber uns selbständigen Ladenbesitzern helfen Bestellungen und Kunden mehr."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Amanda Silina

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