Ein anderer Planet

Tamina Ruloff schaut auf ihr Handy mit der Standard-SMS der Telekom: "Herzlich willkommen in Frankreich. Nutzen Sie ohne weitere Kosten innerhalb der EU, Island, Liechtenstein, Norwegen..." Das zierliche, brünette Mädchen lacht. "Früher fand ich diese SMS immer nur nervig, aber heute ist es schon ziemlich lustig." Die 17-jährige Schülerin ist nämlich in Kleinblittersdorf und nicht in Frankreich. Dorthin dürfte sie auch gar nicht so ohne weiteres. Sie grinst: "Und man sieht auch, wie vorsichtig man mit einer Tracking-App sein muss." Die Freundschaftsbrücke über der Saar, die die beiden kleinen Orte Kleinblittersdorf und Großblittersdorf, französisch Grosbliederstroff, verbindet, ist seit dem 15. März gesperrt.

In der Vor-Corona-Zeit ging Tamina sonntagmorgens von "Klein-Bli" nach "Groß-Bli" auf die französische Seite, um Baguette fürs Frühstück zu kaufen. Die junge Frau hatte die Auswahl zwischen der Boulangerie Pâtisserie Rohr Arnaud und der Boulangerie Pâtisserie Russo. "Schon auf der Straße riecht man den wunderbaren Duft von frischen Croissants und knusprigen Baguettes. Die Verkäuferinnen sind super nett. Das war der perfekte Beginn für den Sonntagmorgen. Ich vermisse das wirklich sehr", sagt sie traurig. Die Bäckereifachverkäuferinnen hüben und drüben sind bilingual: Sie sprechen das weiche Saarländisch, wechseln aber je nach Kunde problemlos in das breite lothringische Französisch der Region.

Vom 16. März bis zum 17. April aber fand man sich, wenn man die Freundschaftsbrücke überqueren wollte, vor einer Absperrung und Dutzenden von Schildern wieder, die alle auf Deutsch und Französisch klarstellten, dass es hier nicht weitergeht. Auch heute stehen dort noch Beamte des Bundesgrenzschutzes und überprüfen, ob die Grenzgänger berechtigt sind, die Brücke zu überqueren. Ein bedrückendes Gefühl, das viele junge Menschen bisher überhaupt nicht kannten. Seitdem am 15. März die Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich teilweise geschlossen wurden, gibt es, besonders für die Bewohner des Grenzgebietes, erhebliche Einschränkungen. "Anfangs stand mein Vater oft kilometerlang im Stau, weil das Kontrollieren der Pässe und der Arbeitsbescheinigung seine Zeit gebraucht hat", erklärt Amira Al-Garadi. Die Eltern der aparten 14-Jährigen arbeiten beide in Deutschland und pendeln normalerweise zwischen Stiring-Wendel und Saarbrücken. Zurzeit darf allerdings nur ihr Vater die Grenze überqueren - er arbeitet als Arzt im Klinikum Saarbrücken.

Auf französischer Seite herrscht aufgrund der strengen Ausgangsbeschränkungen eine ängstlich angespannte Stimmung. "Hier in Oeting sind die Straßen vollkommen leer, es ist gruselig", sagt Emily Schottmüller. Die 17-jährige Schülerin bereitet sich auf ihr Abitur am Ludwigsgymnasium in Saarbrücken vor. Am 12. März wurde Emily nach der fünften Stunde ins Sekretariat gerufen, und die Sekretärin teilte ihr mit, dass sie sofort nach Hause gehen müsse. "In diesem Moment wurde mir der Ernst der Lage bewusst. Ich durfte noch nicht einmal meinen regulären Schultag bis zur 8. Stunde beenden." Auch der Alltag ihrer Familie hat sich von einem auf den anderen Tag vollkommen verändert. Die Familie geht nur noch alle acht bis zehn Tage einkaufen, verlässt das Haus einmal am Tag für eine Stunde Sport, und das auch nur im Umfeld von einem Kilometer. "Im Supermarkt machen die Leute einen großen Bogen umeinander. Manche Menschen tragen sogar Masken in ihren eigenen Gärten." Besonders beunruhigt die junge Oetingerin allerdings die strenge Überwachung durch Drohnen, die feststellen können, ob man sich an die Beschränkung von einem Kilometer hält. "Das ist wie in einem Sci-Fi-Film, man bekommt wirklich Angst", sagt sie beim Skype-Anruf.

"Ich habe das Gefühl, wir leben auf einem ganz anderen Planeten als die Leute in Deutschland." Amira Al-Garadi muss jetzt jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt, ein Formular mit sich führen, auf dem sie Name, Geburtsdatum, Wohnort und den Grund angibt, wieso sie sich draußen aufhält. "Mein Vater hingegen erzählt täglich von der überfüllten Bahnhofstraße in der Saarbrücker Innenstadt", sagt die Neuntklässlerin am Telefon.

In normalen Zeiten pendeln am Tag etwa 18 300 Menschen aus dem europäischen Ausland ins Saarland; überwiegend kommen sie aus Frankreich. Silke Zeiter-Semmet ist eine von ihnen. "Seitdem Grand Est als Risikogebiet eingestuft wurde, arbeite ich von zu Hause aus", berichtet sie. Die freundliche 49-Jährige arbeitet bei einem Forschungsinstitut in Saarbrücken als Spezialistin für Enterprise-Resource-Planning. Seit dem 23. April darf sie an manchen Tagen der Woche nach Deutschland kommen, um dort die Arbeit zu machen, die sie im Homeoffice nicht erledigen kann. Von ihrem Arbeitgeber bekam sie einen "Passierschein", um die Grenze überqueren zu dürfen. Die zweifache Mutter wohnt seit 30 Jahren mit Mann und Kindern in Bettviller im Departement Moselle. "Bis 1995 gab es Grenzkontrollen", erinnert sie sich. "Man darf es eben nicht als Selbstverständlichkeit nehmen, europäische Grenzen ohne Probleme überwinden zu können", sagt sie bedrückt.

 

"Als die Grenzen zu Frankreich teilweise geschlossen wurden, haben mir fast alle meine Kunden innerhalb einer Woche abgesagt", berichtet Lidia Klein (Namen geändert). Die blonde, selbständige Reinigungskraft ist in privaten Haushalten in Frankreich und Deutschland tätig. Erst nach zwei Wochen bekam sie wieder erste Aufträge, auch von Haushalten auf französischer Seite. Seitdem kann sie mit ihrem Gewerbeschein nach Frankreich einreisen. Trotzdem fühlt sie sich nicht immer wohl dabei, weil die Vorschriften für private Reinigungskräfte nicht genau festgelegt sind. Als Alleinerziehender fehlt ihr zurzeit ein halbes Monatseinkommen. Ihren langjährigen Lebensgefährten, einen Maler aus Saargemünd, kann Klein nicht besuchen. "Seit sechs Wochen können wir nur noch miteinander telefonieren, aber das ist auch nicht immer leicht, weil das Netz in der Gegend um Saargemünd oft nicht ausreicht", sagt sie frustriert. Ab dem 24. April wurden die Bestimmungen zwar gelockert, sie gelten für Eheleute, nicht aber für unverheiratete Paare. Die haben so gut wie keine Chance, sich zusehen.

 

Auch der Gymnasiast Jan Nico Grund hat seine Freundin Zoe Ludt seit fünf Wochen nicht mehr sehen können, da sie in Schoeneck in Grand Est wohnt. Das Paar telefoniert oft über Videoanrufe, aber die Situation stellt ihre Beziehung auf eine harte Probe. "Es gäbe die Möglichkeit, dass wir uns im Schanzenbergwald an der Grenze zwischen Gersweiler und Schoeneck treffen. Aber ehrlich gesagt: Uns ist das Risiko, erwischt zu werden, viel zu hoch, besonders weil die Bußgelder bei 200 Euro anfangen", erzählen sie niedergeschlagen bei einem Skype-Anruf.

Am 11. Mai begann in den saarländischen Gymnasien der Unterricht für die Klassenstufe 11. Auch Tamina Ruloff geht wieder in die Schule. Morgens fährt sie mit ihrem Vater oder ihrer Mutter in die Saarbrücker Innenstadt. An manchen Tagen sagt das Navi beim Anfahren: "Willkommen in Deutschland." Es sind verrückte Zeiten. Jetzt werden die Kontrollen gelockert.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Julika Diener

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