Ich hatte Angst davor, meine Mobilität nicht wiederzuerlangen", sagt Susanne Waschnewski aus Bad Pyrmont. Die Physiotherapiepraxis, in der die dunkelhaarige, zweiundfünfzigjährige Holztechnikerin bisher behandelt wurde, musste aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen werden. Es wurden zwar Maßnahmen unternommen, um alle Beteiligten so gut es geht zu schützen. Die Therapeuten tragen einen Mundschutz, Handschuhe und teilweise Kittel. Viele Patienten kamen schon zuvor eigenständig mit einem Mundschutz, und mittlerweile gilt allgemein eine Schutzmaskenpflicht. Zudem wird im Wartezimmer darauf geachtet, dass sich nicht zu viele Patienten gleichzeitig dort aufhalten und die Stühle weit genug voneinander entfernt stehen. Zudem wird nach jedem Patienten alles desinfiziert, um die Ansteckungsgefahr so niedrig wie möglich zu halten.
Einige Praxen konnten dieses räumlich und materiell nicht so schnell gewährleisten und müssen deshalb schließen. Zudem können nicht alle Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden, wie etwa der Mindestabstand, da man am Körper der Patienten arbeiten müsse, sagen die dynamische, 1,66 Meter große Physiotherapeutin Anja Burmann und ihre silberhaarige, 1,75 Meter große sportliche Kollegin Sabine Fokke. Außerdem ist es für die körperlich aktiven Therapeuten anstrengend, den ganzen Tag mit Schutzmaske zu arbeiten.
Es gibt allerdings auch andere Gründe, warum Praxen schließen müssen. Teilweise gehören auch die Physiotherapeuten zur Risikogruppe und würden bei einer Infektion negative Konsequenzen davontragen. "Gerade in der Anfangsphase gab es große Verunsicherungen, in der die Patienten oft spontan angerufen haben und die Termine abgesagt haben", sagt Anja Burmann. Aufgrund von fehlenden Patienten mussten ebenfalls einige Praxen schließen oder Kurzarbeit anmelden. Selbst Ärzte waren verunsichert, ob sie noch Rezepte ausstellen sollten und rieten Patienten teilweise zum Verzicht auf die Behandlung, wenn es nicht unbedingt medizinisch notwendig wäre.
Jedoch wenn es so gefährlich ist, wieso haben dann noch manche Praxen geöffnet? "Personen, die frisch operiert wurden oder schwere Erkrankungen haben, wie Schlaganfälle, Frakturen, Bandscheibenvorfälle oder andere akute Unfälle, und momentan auch nicht in Reha-Kliniken aufgenommen werden können, da diese zurzeit aufgrund von Corona geschlossen werden mussten, sind auf ambulante Praxen angewiesen, welche ihre Mobilität wiederherstellen können, deshalb ist die Physiotherapie unverzichtbar", erklärt Anja Burmann.
Diese Erfahrung musste auch Susanne Waschnewski machen, die sich ihr Fußgelenk gebrochen hatte. Als die Praxis, in der sie die Behandlung begonnen hatte, aufgrund der Pandemie schloss, wartete sie vier Wochen, bis sie wieder beim Arzt vorstellig werden musste. Dieser entschied, dass die Behandlung noch dringend notwendig wäre. Daraufhin machte sie sich mit einem neuen Rezept auf die Suche nach einer Praxis, die ihre Behandlung fortsetzen könnte, damit sie wieder arbeitsfähig wird.
Einige Dauerpatienten haben auch die Möglichkeit der neuen Regelung genutzt, ihr Rezept für 42 Tage zu unterbrechen, um die Akutphase abzuwarten, und sind jetzt dankbar, wieder ihre Therapie fortsetzen zu können, da ihre Defizite sich wieder deutlicher bemerkbar machten. Es kommen inzwischen auch einige neue Patienten, aber die Patienten aus den Altenheimen müssen weiterhin auf ihre Therapie verzichten, weil die Heime für Außenstehende geschlossen bleiben. Das wirkt sich natürlich auch in so einer Stadt wie Bad Pyrmont aus, wo unsere Interviewpartner arbeiten, denn der Altersschnitt beträgt dort 60 Jahre.
"Die Physiotherapie wurde vom Staat als systemrelevant eingestuft und gehört damit zu den sozialen Berufen, die in dieser Zeit unverzichtbar sind. Leider bedarf es erst einer Pandemie, um diesen Berufen mal eine entsprechende Würdigung zukommen zu lassen, was sich hoffentlich mal in den nächsten Tarifverhandlungen bemerkbar machen wird, da die Physiotherapie auch im Niedriglohnsegment arbeitet, trotz hoher Qualifikationen und hoher eigener Kosten für die berufliche Weiterbildung", hoffen die beiden.