Ein bekannter Ort ist fremd

Meine Eltern sind keine großen Fans davon, in der aktuellen Situation öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Aber selbst im Auto ist Mundschutz angesagt", sagt Lena Schleifer. Die 16-Jährige und ihre Freundin Tamina Ruloff werden seit neuestem morgens von den Eltern zum Saarbrücker Ludwigsgymnasium gefahren. Kevin Gaffga dagegen benutzt öffentliche Verkehrsmittel. "Da sind zu viele Menschen, die nicht in der Lage sind, einen Mundschutz richtig oder überhaupt zu tragen; dabei steht an jeder Tür der Bahn, dass und wie man einen zu tragen hat; ich fahre relativ fassungslos in Richtung Schule", schildert der Schüler seinen ersten Schulweg nach dem Lockdown. Seit dem 11. Mai können die Elftklässler des Ludwigsgymnasiums Saarbrücken wieder zur Schule gehen. Aber fast nichts ist wie vorher. "Seit zwei Monaten ist mein Leben auf Stop, heute sollte es sich anfühlen, als hätte man wieder auf Play gedrückt", beschreibt Rachel van den Boom ihre Erwartungen an den ersten Schultag. Die meisten sehen ihre Freunde nach acht Wochen zum ersten Mal wieder.

Das Ludwigsgymnasium (LG), ein langgestrecktes, nüchternes Gebäude aus den 1950er Jahren, liegt in Alt-Saarbrücken. In nächster Nachbarschaft befinden sich weitere Schulen, die Marienschule, die Günter-Wöhe-Schulen, die Friedrich-List-Schule und auch die Gebäude der Hochschule der Bildenden Künste Saar. Vor dem Eingang des LG bietet sich ein seltsames Bild: Lehrer mit Schutzmasken sorgen dafür, dass der Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten wird. Wer keinen Atemschutz anhat, wird nicht eingelassen. Der "Musterhygieneplan Saarland zum Infektionsschutz in Schulen im Rahmen der Corona-Pandemiemaßnahmen" macht strenge Auflagen. Im Gebäude erinnern Plakate mit Warnhinweisen alle zehn Meter erneut daran, in was für einer Ausnahmesituation man sich befindet. Die Flure ähneln nun einer Straße: Sie sind durch einen Mittelstreifen zweigeteilt, die Treppenhäuser sind zu Einbahnstraßen geworden. Eingang und Ausgang sind so ebenfalls getrennt. "Ich weiß manchmal gar nicht, wo ich hinlaufen muss oder darf, und verliere in den langen Gängen die Orientierung. Durch den Mundschutz ist meine Brille meistens angelaufen, weswegen ich eh nichts sehe", sagt Jan Nico Grund ratlos. Die Toiletten dürfen nur einzeln betreten werden. Da die Jugendlichen jedoch vor jeder Unterrichtsstunde ihre Hände waschen müssen, bilden sich schnell Staus. "Noch nie in meinem Leben habe ich an einem Tag so oft Happy Birthday lautlos gesungen, und noch nie habe ich mich so unwohl an einem eigentlich vertrauten Ort gefühlt, es wirkt wie im Traum", sagt Rachel van den Boom, "einfach nicht real." Elianne Strube empfindet das ähnlich: "Der Sicherheitsabstand schafft eine Distanz zwischen den Menschen - nicht nur physisch, sondern auch mental." Die fehlende Umarmung, das nicht sichtbare Lächeln und das Verbot von körperlicher Nähe machen aus dem langersehnten Wiedersehen eine Zerreißprobe. Auch dass nicht alle da sind, stimmt traurig. Einige Mitschüler bleiben aufgrund der Gefahr, Angehörige der Risikogruppe anzustecken, lieber noch zu Hause. Sie erhalten Unterricht via Internet und stehen im ständigen Kontakt mit Lehrern und Mitschülern.

Das ganze Schulhaus ist seltsam still. Das liegt nur zum Teil daran, dass die Schüler der Unter- und Mittelstufe fehlen. Auch im Gebäude müssen alle Masken tragen; sie dürfen erst am Platz im Klassenraum abgelegt werden. "In den Klassenräumen sind grün markierte Tische und Sitzpläne. Auf einem Pult vorne liegen Drahtstücke, aus denen man sich Haken biegen soll, um die Masken dort aufzuhängen, damit sie trocknen können", erzählt Tamina Ruloff.

Für Kurse über 20 Schüler findet der Unterricht jetzt in der Aula oder in der Turnhalle statt. Kleinere Kurse werden auf zwei Räume aufgeteilt, zwischen denen der Lehrer dann wechselt. Alle Tische stehen in einem Abstand von zwei Metern auseinander. Die letzte Reihe haben die Lehrkräfte meist nicht wirklich im Blick, und einigen fällt es schwer, die Schülerschaft zu bändigen. Nach außen hin zeigen sie sich als starke Ansprechpartner, doch man merkt ihnen deutlich an, dass die letzten Wochen auch für sie nicht leicht waren: Augenringe, Dreitagebart und zerzauste Frisuren zeigen, dass die Quarantäne an ihnen gezehrt hat. "Lehrer, die man schon seit Jahren kennt, zeigen eine andere, neue Seite. Sie wirken ängstlich und gestresster als zuvor. Erst heute bemerke ich, wie schwer das für sie ist", sagt Rachel. Das dunkelhaarige Mädchen findet, dass von der Härte, die die Lehrer in der Zeit des Homeschooling oft zeigten, nicht mehr viel übrig geblieben ist, im Gegenteil: Die Pädagogen lassen nun Einblicke in ihr Privatleben zu.

Sobald sich die Türen des Klassenraums jedoch öffnen, verfallen die Lehrer wieder in ihre durch den strengen Hygieneplan vorgegebene Rolle als Aufpasser und Wärter. "Man sieht, dass sich die Schülerschaft in zwei Lager aufspaltet, diejenigen, die die Regeln ignorieren, und den Rest, der sie dafür anschreit", findet Amanda Silina. "In der ersten Stunde habe ich einen Jungen getroffen, mit dem ich befreundet bin. Wir reden. Wegen seiner Maske höre ich ihn kaum, aber sobald ich versuche, etwas näherzutreten, springt er einige Schritte zurück, als würde ich beißen", erzählt das schmale, langhaarige Mädchen.

Das Gefühl, sich der Macht der Obrigkeit widersetzen zu müssen, ist bei vielen Schülern tief verankert. Doch so gefährlich wie jetzt war das wohl nie. "Außerhalb des Schulgeländes laufe ich an kleinen Gruppen vorbei, die eng zusammenstehen und ohne Maske miteinander reden", sagt Jan Nico Grund. Der 17-Jährige findet das unverantwortlich: "Dass sie damit das Infektionsrisiko der eigenen Klassenkameraden und der Schüler der benachbarten drei Schulen erhöhen, scheint ihnen entweder egal oder nicht bewusst zu sein." Befremdend, das ist wohl der treffendste Ausdruck für das Gefühl vieler der Jahrgangsstufe 11. "Ein bekannter Ort ist plötzlich fremd, eine neue Art von schulischer Anstrengung, die nichts mit Leistungsdruck zu tun hat", schreibt Rachel am Abend des ersten Schultags in ihr Corona-Tagebuch. Trotz aller Widrigkeiten gehen viele Schüler optimistisch mit der Situation um. Mohaya al Mahamid ist 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohen. Er weiß aus eigener Erfahrung: "Diese Herausforderung ist nur mit Zusammenhalt zu bewältigen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Justus Almstedt

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