Thailändische Kinder unterrichten
Ursprünglich wollte ich nach meinem Abschluss am Otto-Hahn-Gymnasium in Saarbrücken für fünf Wochen nach Thailand, um dort mit einer Organisation Kinder in Englisch und Sport zu unterrichten. Ich freue mich schon ewig darauf und habe zwölf Monate nebenbei gearbeitet, um mir die Reise leisten zu können. Seit dem 25. März gibt es einen Einreisestopp. Die Ungewissheit belastet mich sehr, besonders weil im Herbst bereits mein BWL-Studium beginnen sollte. Die Uni hat den Semesterbeginn auf November verschoben, also läuft sowieso nichts wie geplant. Es ist nicht leicht, sich aufs Abitur zu konzentrieren, wenn man weiß, dass das letzte Jahr eigentlich umsonst war. Die nächsten vier Monate gar nichts machen ist auch keine Option. Deswegen bin ich ständig auf der Suche nach etwas Vergleichbarem. Aber eigentlich hilft nur Abwarten. Außerdem weiß ich nicht, wann ich noch mal eine Möglichkeit wie diese bekomme, wenn ich erst mal angefangen habe zu studieren.
Paul, 18 Jahre
In die Fabrik für Costa Rica
Zunächst hatte ich geplant, nach den Abiturprüfungen bei der Zahnradfabrik Friedrichshafen hier in Saarbrücken zu arbeiten und Geld zu verdienen. Im November wollte ich dann mit einer guten Freundin nach Mittelamerika gehen. In Guatemala und Costa Rica hatten wir tolle Angebote für Sprach- und Surfkurse gefunden. Die Unsicherheit in Bezug auf die Abiturprüfungen - all das macht einen wirklich fertig. Irgendwann war mir dann klar, dass auch meine Pläne für die Zeit danach wohl ins Wasser fallen werden. Eigentlich müsste ich mich einen Monat vor den Prüfungen doch vollkommen auf mein Abi konzentrieren. Jetzt suche ich nach Alternativen. Für viele Dinge sind die Bewerbungsfristen abgelaufen. Also habe ich überlegt, direkt mit dem Studium anzufangen und in den Semesterferien zu reisen. Der Einschreibeschluss an Universitäten ist ungefähr zwei Wochen nach dem mündlichen Abi, dabei weiß ich nicht mal, was ich später genau machen will. Die Zeit in Mittelamerika sollte mir helfen, das herauszufinden.
Katharina, 18 Jahre
Hoffen auf den Medizinertest
Mein Plan ist es, zum Wintersemester mein Medizinstudium an der Universität des Saarlandes in Homburg anzufangen. Im vergangenen Jahr habe ich mein Abitur am Deutsch-Französischen Gymnasium in Saarbrücken bestanden, allerdings war mein Schnitt nicht ausreichend, um direkt zu beginnen. Das vergangene Jahr habe ich mit Arbeiten und einer Ausbildung zum Rettungssanitäter überbrückt. Um meine Chancen auf einen Studienplatz zu erhöhen, habe ich mich für den Medizinertest angemeldet, der ursprünglich am 9. Mai stattfinden sollte. Dafür habe ich an einem Vorbereitungskurs teilgenommen. Der fand als Online-Kurs statt. Der Test wurde verschoben. Ein neuer Termin ist eventuell Ende Juli, Anfang August. Das Bewerbungsportal wird später geöffnet, weil sich das Abitur nach hinten verschiebt. Zur Sicherheit schaue ich mich nach Alternativen um, wie einer Ausbildung zum Notfallsanitäter. Ich habe Angst, dass meine Pläne um mindestens drei weitere Jahre verschoben werden.
Lukas, 18 Jahre
Kein Koffer für St. Petersburg
Ich wollte im Zuge meines Gap Year für sechs Monate nach St. Petersburg und dort mein Freiwilliges Soziales Jahr, FSJ, an der Schule Nr. 352 am Weteranow-Prospekt absolvieren. Geplant war, dass ich im Deutschunterricht mitarbeite und die Lehrer unterstütze. "Kulturweit", eine Unterorganisation der deutschen Unesco, betreut dieses FSJ. Vom 1. bis 10. März fand ein Einführungsseminar für alle Freiwilligen in der EJB (Europäische Jugenderholungs- und Begegnungsstätte) Werbellinsee in der Nähe von Berlin statt. Am 12. März bekamen wir alle per E-Mail die Absage mit der Aufforderung, auf keinen Fall abzureisen. Diejenigen, die bereits unterwegs waren, sollten sofort nach Deutschland zurückkehren. Meine Koffer waren gepackt, mein Flug sollte am 13. März gehen. Zum damaligen Zeitpunkt kam die Absage für uns alle überraschend, im Nachhinein betrachtet, war es natürlich die absolut richtige Entscheidung. Ich muss die Rückabwicklung organisieren: Stornierung von Flügen und Unterkünften, Krankenversicherungen benachrichtigen. Ich habe mich für das Wintersemester an der Uni in Saarbrücken eingeschrieben und muss mir nun Gedanken machen, wie ich das kommende halbe Jahr nutze. Kulturweit hatte angeboten, das FSJ ausnahmsweise in Deutschland zu machen. Die Organisation bietet in einigen Städten Plätze an. Im Saarland gibt es das Angebot nicht. Wie soll ich es bewerkstelligen, jetzt in ein anderes Bundesland umzuziehen?
Max, 19 Jahre
Surreales in Danzig
Im März wäre ich eigentlich mit dem Freiwilligendienst "kulturweit" nach Danzig gegangen. Na ja, kurz war ich auch dort. Am Anfang stand ein Vorbereitungsseminar, in dem auch das Coronavirus seinen Platz eingefordert hat. Es hing wie ein Schatten über der Gruppe von rund 200 Personen und wirkte ziemlich surreal. Selbst als für einige Freiwillige eine Absage erteilt wurde, gab es Hoffnung, die durch drohende Quarantänemaßnahmen im Gastland geschmälert wurde. Eine Hoffnung, dass es so schlimm wohl nicht werden würde und man keine Absage erwarten müsste. Rückblickend ist das absurd. Trotz allem bin ich am 11. März voller Vorfreude nach Polen aufgebrochen. An der Grenze musste ich im Zug ein Datenblatt ausfüllen, um im Notfall erreichbar zu sein. Zu dem Zeitpunkt gab es in Polen nur einige wenige Krankheitsfälle. Dort angekommen, unterschrieb ich den Mietvertrag für das Zimmer und stellte mich auf zwei mehr oder weniger freie Wochen ein, da ich aus Infektionsschutzgründen nicht sofort mit der Arbeit in der Schule hätte anfangen dürfen.
Am nächsten Morgen kam dann die E-Mail aus dem kulturweit-Büro. Die Ausreise müsse abgesagt werden, niemand solle mehr das Land verlassen, und alle, die auf dem Weg seien, sofort umkehren. Für die bereits Ausgereisten gebe es in Kürze weitere Informationen. Nach dem ersten Schock bin ich dann in die Stadt gefahren, um wenigstens diesen einen Tag im wunderschönen Danzig zu verbringen. Am 14. März beschloss die polnische Regierung, die Grenzen um Mitternacht zu schließen. Am selben Tag habe ich, im Kontakt mit dem Goethe-Institut in Warschau, beschlossen, sofort irgendwie nach Deutschland zu reisen: Bahnticket gekauft, Zimmer geräumt. Dieser endgültige Absagemoment war der drastischste. Die vier Stunden, bis ich am Hauptbahnhof in den Zug gestiegen bin, waren völlig surreal. Das Land verlassen zu müssen, ist ein Gefühl, das ich mir in meiner bisher sehr privilegierten Situation niemals hatte vorstellen können oder müssen. Die ganze Situation hatte auch etwas Ironisches: Die deutsch-polnische Grenze habe ich tatsächlich zu Fuß überquert. Ein Ticket bis zum nächsten deutschen Bahnhof hätte ich wahrscheinlich gar nicht mehr bekommen. Gegen 22 Uhr lief ich also - mit Koffer und großem Rucksack beladen - entschlossen an den schon zur Kontrolle bereitgestellten Autos der polnischen Polizei vorbei und bei Kostrzyn über die Oder-Brücke. Auf der deutschen Seite wurde ich von Freunden abgeholt.
Meret, 18 Jahre
Zwei Jahre gespart
Eigentlich wollte ich nach dem Abitur am Ludwigsgymnasium in Saarbrücken nach Mexiko fliegen, ich habe eine besondere Bindung an das Land. Ein Jahr lang habe ich dort 2017/18 in einer Gastfamilie gelebt. Ich habe mich auf das Wiedersehen mit meinen mexikanischen Freunden gefreut. Momentan sieht es nicht danach aus, dass ich meinen Flug nehmen kann. Seit zwei Jahren spare und freue ich mich auf diese Reise, also ist Hinschmeißen, ohne es nachzuholen, keine Option. Meine Pläne werden sich dann wohl alle nach hinten verschieben. Und auch finanziell werde ich den Unterschied auf jeden Fall merken, aber ich hab immer noch die Hoffnung, dass sich die Lage bald wieder normalisiert.
Thomas, 18 Jahre
Warnung der "Madrileña"
Meinen Freiwilligendienst habe ich in einem Vorort von Madrid geleistet und im "Taller Rafael", einer Behindertenwerkstatt, als Freiwillige gearbeitet und gelebt. Natürlich habe ich das Geschehen in China verfolgt, aber es war einfach so unglaublich weit weg. Auch als die Zahlen in Spanien immer und immer weiter in die Höhe schossen, habe ich es einfach nicht wahrhaben wollen. Auf einmal ging alles ganz schnell: Während es am 8. März noch Appelle gab, auf die Millionendemo im Zentrum zu gehen, wurde die Bevölkerung einen Tag später aufgefordert, möglichst alle sozialen Kontakte zu vermeiden. Wenige Tage später wurden alle Bildungseinrichtungen bis auf weiteres geschlossen, kurz darauf auch meine Einrichtung. Ich wollte durchhalten; dem Virus nicht die Chance geben, mein Jahr, meine Träume, zu zerstören. Am 13. März wurde der Notstand ausgerufen. Erst da habe ich die Entscheidung getroffen, zurückzufliegen - gerade rechtzeitig -, denn einen Tag nach meiner Ausreise war der Flughafen Madrid-Barajas geschlossen. Der Ausschlag für meine Rückreise war ein Telefonat mit einer Freundin, einer "Madrileña". Sie fragte mich, was ich hier noch machen würde und dass ich, so schnell ich kann, zurückfliegen soll. Das hat mir letztendlich die Augen geöffnet. Besonders zu schaffen macht mir der Umstand, dass ich mich von niemandem verabschieden konnte. In Deutschland musste ich zwei Wochen in häusliche Quarantäne. Ich hänge total in den Seilen. Jetzt habe ich mir vorgenommen, auf jeden Fall für eine richtige Verabschiedung zurückzufliegen. Wann genau, ist unsicher, aber diesen Abschluss brauche ich definitiv!
Anita, 18 Jahre
Meine Wünsche gehen nach Afrika
Nach dem Abitur habe ich einen Freiwilligendienst in Tansania gemacht und als Aushilfslehrer und Nachmittagsbetreuer an einer Schule für Gehörlose gearbeitet. Dafür musste ich einige Wochen Gebärdensprache lernen, bis ich Englisch unterrichten konnte und als Fußballtrainer gearbeitet habe. Ich habe in einer WG in der Stadt Bukoba am Victoriasee gewohnt. Dann kam ein Schreiben von der deutschen Regierung, das uns klarmachte, dass es für uns schnellstmöglich nach Hause geht. Die Enttäuschung war groß. Die Rückreise war eine regelrechte Odyssee. Wir sind nach Uganda geflogen. Dort erfuhren wir, dass unser Flug nach Deutschland gecancelt war. Nach gestrichenen Flügen, vielen Kontakten mit der Botschaft und deutschen Regierungsorganen wurde ein Rückholflug organisiert, der mich und rund 400 weitere Europäer eingesammelt und nach Hause geflogen hat. Jetzt studiere ich. Ich bin mir sicher, dass ich Tansania und meine Einsatzstelle noch mal sehen werde. Meine Wünsche und Hoffnungen gehen alle nach Afrika, weil die Krise dort ganz anders einschlägt. Dort müssen Menschen darum kämpfen, nicht zu verhungern. Das bereitet mir große Sorge.
Sky, 19 Jahre
Keine Odd-Jobs am Bondi Beach
Im November 2019 bin ich nach Australien gereist. Der Plan: Vier Monate arbeiten und mit dem Geld Südostasien bereisen. Ich lebte am Bondi Beach in Sydney das typische Backpacker-Leben: Surfen, Ausflüge, Partys und Odd-Jobs: Von Gärtner, Möbelpacker, Bauarbeiter bis Kellner habe ich alles gemacht, um mir meine nächste Reise zu finanzieren. Lange war das Coronavirus eine Sache, die nur China betraf, und es war mir und meinen Freunden eigentlich ziemlich egal, bis Corona in Bali und Vietnam ankam. Ich beschloss einfach, in Australien zu bleiben. Ich hatte Arbeit, Freunde und den Strand vor der Tür. Plötzlich wurden binnen einer Woche alle Geschäfte, geschlossen, der Strand wurde abgesperrt. Arbeiten konnten wir natürlich auch nicht mehr. Ich entschied mich schweren Herzens, die Heimreise anzutreten. Unzählige gecancelte Flüge gestalteten das schwieriger als erwartet. Nach einer Woche vergeblichen Wartens auf Rückflüge der Bundesregierung hatte ich endlich Erfolg. Bis auf den abgesagten Anschlussflug in Doha, weswegen ich dort eine Nacht lang auf den nächsten warten musste, verlief meine Rückreise ohne Probleme. In Deutschland musste ich die ersten zwei Wochen allein zu Hause bleiben und Kontakt mit meinen Eltern vermeiden, so gut es ging. Ich werde anfangen zu studieren und die Südostasien-Reise hoffentlich nächstes Jahr nachholen.
David, 20 Jahre
(Die Namen der jungen Leute sind auf deren Wunsch geändert.)