Mittwoch, 9 Uhr, in Staufen. Eine Mutter läuft mit ihrem Kind durch die fast ausgestorbene Fauststadt. Das Kind hat einen Vorsorgetermin beim Kinderarzt Markus Sandrock. An dessen Tür hängt ein Schild, auf dem steht, dass der Patient bitte klingeln solle. Die Mutter klingelt und wird von einer medizinischen Fachangestellten mit einer FFP-2-Maske in Empfang genommen und gefragt, warum sie hier sei. Da die Mutter einen leichten Schnupfen hat, bekommt sie von ihr eine OP-Schutzmaske. Beim Betreten der Praxis werden beide gebeten, sich die Hände zu desinfizieren. Der Tresen ist mit einer dicken Plexiglasscheibe eingerahmt, alle tragen eine Atemschutzmaske. Die Wartezimmer sind geschlossen. Im Sprechzimmer wartet der Arzt auf sie. Nach der Vorsorgeuntersuchung müssen sie kurz im Zimmer bleiben, da noch ein anderer Patient in der Praxis ist und sie den Kontakt vermeiden wollen.
Einen solchen Aufwand betreibt das Praxisteam bei jedem Patienten seit Wochen. In den Fastnachtsferien musste sich Sandrock überlegen, wie er seinen Arbeitsalltag anpasst. Eine der Maßnahmen war eine klare Minimierung der Patientenzahl. Das hatte zur Folge, dass vielen Patienten ein Termin abgesagt werden musste und Impfungen sowie Vorsorgeuntersuchungen nur noch bei Säuglingen gemacht werden. "Als Kinderarzt hat man den Anspruch, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu begleiten, bis sie 18 Jahre alt sind, und wenn ich mich entscheide, Vorsorgeuntersuchungen ab dem ersten Geburtstag nicht mehr anzubieten und die Kinder und Jugendlichen nicht mehr zu impfen, dann werde ich dem, für das ich angetreten bin, nicht mehr gerecht." Ebenso musste Sandrock eine Angestellte, die aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehört, vorzeitig beurlauben, da es nicht ausreichend Schutzausrüstung gab, um sie zu schützen. Auch Abstriche musste Sandrock durchführen. Dafür ging er auf den Parkplatz mit einem Schutzkittel, einer Brille, Maske sowie Handschuhen und einem Plastikvisier. Der abzustreichende Patient musste im Auto sitzen bleiben, das Fenster runterlassen, dann erfolgte der Abstrich. Die Patienten gehen mit der Situation gut um. Sandrock betreibt seine Praxis für Kinderheilkunde und Jugendmedizin seit 14 Jahren. Dort arbeiten noch zwei weitere Ärztinnen und sechs medizinische Fachangestellte. Auch in der Gemeinschaftspraxis für Rheumatologie, die Jan Thoden mit zwei weiteren Ärztinnen führt, gab es durch die Pandemie Veränderungen. Die Schutzausrüstung wie Masken und Plexiglasscheiben hat das Praxisteam früh bestellt. Doch schon da war die Nachfrage so hoch, dass sich die Lieferungen verzögerten. Eine der Maßnahmen war eine andere Verteilung der Sprechstunden, damit nicht alle Ärzte gleichzeitig vor Ort sind und um die Anzahl der Patienten zu reduzieren. Auch Begleitpersonen dürfen die Praxis nicht betreten. Eine weitere Maßnahme war es, Patienten, die besonders gefährdet sind, zum Beispiel einen schweren Lungenschaden haben, anzurufen und den Termin weitestgehend telefonisch zu klären. In den Räumlichkeiten hängen überall Informationen des Robert Koch-Instituts aus. Auf die Frage, ob er Angst vor dem Virus habe, meint Thoden, dass er keine Angst, aber Respekt vor dem Virus habe.
Auch seine medizinische Fachangestellte Franziska Tritschler hat hier neue Aufgaben bekommen. Die 27-Jährige muss Oberflächen wie Türklinken oder Pritschen gründlicher putzen und desinfizieren. Außerdem gibt es viel mehr Telefonate, E-Mails und Terminabsagen. "Wir müssen ein bisschen anders auf die Patienten eingehen. Sie sind ängstlicher geworden. Wir müssen ein bisschen einfühlsamer sein."
Thodens Gemeinschaftspraxis behandelt Patienten, die chronisch krank sind, abwehrschwächende Medikamente bekommen und somit zur Risikogruppe gehören. Sie verweisen daher Patienten mit grippalen Symptomen an die Hausärzte. Wenn ein Patient einen Abstrich braucht, wird dieser zum Beispiel in eine Fieberambulanz überwiesen.
Die Praxis von Markus Sandrock hat zur Behandlung von Patienten mit Erkältungssymptomen eine Akutsprechstunde eingerichtet, denn bei Kindern verläuft eine Corona-Infektion oft mild, so dass sie nicht leicht erkennbar ist. Wenn nötig, wird auch ein Abstrich auf Corona gemacht. Danach wird die Praxis desinfiziert, damit sich gesunde Kinder nicht mehr anstecken können.