Verwaiste Bären

Ivan Crnkovic Pavenka ist eine Art kroatischer Alm-Öhi wie aus dem Bilderbuch: Der 74-jährige studierte Sozialpädagoge trägt einen weißen Vollbart, eine schwarze Wollmütze, verwaschene Bauernkleidung und einen knorrigen Wanderstock. "Ich habe mit Unterstützung der katholischen Kirche in Deutschland studiert, in Freiburg einen Abschluss als Sozialpädagoge gemacht und in verschiedenen sozialen Brennpunkten oft mit Jugendlichen gearbeitet, die man mehr oder weniger aufgegeben hatte", erzählt Crnkovic.

Vor 20 Jahren stieg er aus dem Arbeitsleben aus und kehrte nach Kuterevo zurück. Zuvor hatte er jedoch bereits Aufenthalte für deutsche Jugendliche in dieser abgelegenen Bergregion organisiert, die etwa 15 Kilometer westlich des regionalen Zentrums Otocac liegt. Dabei hatte er begonnen, rund um sein Elternhaus sein Lebensprojekt aufzubauen, zunächst mit Einheimischen und regionalen Partnern und dann zunehmend mit internationalen Organisationen und Freiwilligen aus aller Welt.

Josipa Roncevic aus Kuterevo ist damit aufgewachsen. Die Grundschullehrerin ist ehrenamtlich für die Administration des Projekts zuständig, das von dem Verein Velebitska udruga Kuterevo, Vuk, getragen wird. Die Abkürzung steht auch für den Wolf, eines der Tiere in den Wäldern rund um ihr Heimatdorf. Die 30-Jährige erzählt: "Im Jahr 2000 wurde das Projekt in der jetzigen Form gestartet. 2002 kam ein erster Braunbär zur Pflege zu uns. Zurzeit betreuen wir zehn Bären im Alter zwischen acht Monaten und 40 Jahren."

Das Schicksal des jüngsten Bären ist typisch für viele. "Er wurde im Frühjahr 2019 in der Nähe der Autobahn aufgefunden. Denn immer mehr Straßenverkehr führt zu Unfällen mit großen Bären, oft Muttertieren. Aber auch immer mehr Wochenendhäuser in der Region sorgen für Probleme. Denn die Bewohner füttern wissentlich oder unabsichtlich Bären, diese gewöhnen sich an die Nähe der Menschen, brechen dann in Häuser und Ställe ein oder Bienenstöcke auf. Durch illegale Abschüsse verlieren jährlich viele Bärenjunge ihre Mütter und können allein nicht überleben. Wenn wir diese finden oder sie zu uns gebracht werden, kümmern wir uns um sie ihr Leben lang, denn wir können sie nicht in die Freiheit entlassen, da sie an Menschen gewöhnt und deshalb potentiell gefährlich sind", erklärt Roncevic.

Zu den internationalen Freiwilligen gehörte auch Johannes Leinauer. Der 27 Jahre alte Münchner Doktorand kam 2011 erstmals als Freiwilliger nach Kuterevo. Nach dem Abitur hatte er sich kurzfristig über die Website "Bärenfreunde Kuterevo" beworben. Gerade verbringt er einen Zwischenstopp an dem Ort, denn die Zeit dort hat ihn nachhaltig geprägt und begeistert. "Ich hatte damals fünf Wochen geplant, aber es sind zwei Monate geworden", berichtet er. "Den Freiwilligen stehen sechs Betten zur Verfügung, im Sommer wird auch gecampt. Vier Langzeitfreiwillige sind vor Ort, sie bleiben für mehrere Monate; manche bleiben auch über Winter. Dann ist wesentlich weniger Arbeit, meist liegt dann hoher Schnee." Zu den Tätigkeiten gehört nicht nur das Füttern der Tiere. Gehege müssen gebaut und ausgebessert, Gebäude gereinigt und instand gehalten werden. Wiesen werden gemäht, Büsche geschnitten, Wege angelegt und gepflegt. Besonders beeindruckt ist Leinauer davon, "dass das Ganze auf Nachhaltigkeit angelegt ist, nichts wird außerhalb der Region gekauft. Supermärkte spenden Reste und Abfälle. Nichts wird weggeworfen: Was Menschen nicht essen, bekommen die Bären, was Bären nicht essen, bekommen die Hühner. Es wird nur vegetarisch gegessen, das ist in Kuterevo, im Gegensatz zu München, wo ich jetzt lebe, ganz leicht", betont er.

In der Region leben derzeit etwa 1000 wilde Bären. Sie kommen bis in die Gärten des Dorfes, die Menschen sind aber daran gewöhnt, ihre Schafe und Bienenstöcke sind geschützt, auch durch den Einsatz von Hunden. "Viele Freiwillige arbeiten oft ein ganzes Jahr im Projekt, ohne einen wilden Bären zu sehen. Ich habe auch während meiner Zeit als Freiwilliger keinen gesehen. Wie jeden Tag bin ich dann am Vormittag meiner Abreise für 30 Minuten durch den Wald gejoggt. Plötzlich sah ich etwa 50 Meter vor mir drei Bären. Ich blieb stehen, die Bären auch, und sie haben mich dann richtig gescannt", berichtet der Bayer. "Dann sind die Bären gemütlich weitergetrottet. Ich hab mich langsam umgedreht und bin ganz langsam zurückgelaufen, obwohl ich total aufgeregt war, um die Bären nicht zu provozieren. Man kann ihnen sowieso nicht weglaufen, die sind viel schneller als wir."

Auch Nele Feyaerts hätte sich so eine intensive Begegnung gewünscht. Die Belgierin aus Leuven erinnert durch ihre zerschlissenen Hosen an Pippi Langstrumpf. An "modischen und technischen Schnickschnack" habe sie keinen Bedarf. Einen Internetzugang gebe es sowieso nur im Camp. Dort in der Küche, in der es kein heißes Wasser, keine Zentralheizung gibt, wird mit Feuerholz gekocht. Die 21-Jährige ist im Rahmen des Projekts "European Solidarity Corps" in Kuterevo. Sie verstehe jetzt, warum es Teddybären als Kuscheltiere gibt, sagt sie lachend. Diese Erfahrung in Verbindung mit der Gemeinschaft vor Ort mache sie glücklich. "Es ist ein authentisches Leben, nur mit dem, was man wirklich benötigt: lernen, mit der Natur in Einklang zu leben, lernen von den Dorfbewohnern, zum Beispiel Wolle zu spinnen." Außer ihr sind noch zwei Franzosen und eine Engländerin als Freiwillige hier. Und Noam und Yoav Yetet. Das israelische Geschwisterpaar ist am Vortag eingetroffen und bleibt drei Tage. Die 24 Jahre alte Noam arbeitet sonst mit Tieren in dem israelischen Schutzprojekt "The monkey forest". Ihr Bruder Yoav ist 22 Jahre alt, hat gerade den mehrjährigen Wehrdienst beendet und sich seiner Schwester angeschlossen. In Kuterevo hätten sie sich sofort willkommen gefühlt.

Und dies ist auch das eigentliche Anliegen von Ivan Crnkovic: "Unser Konzept ist zwar auf die Pflege von verwaisten Jungbären ausgerichtet, aber die Hauptsache sind die jungen Leute aus der ganzen Welt." Er habe schon 1980 junge Leute aus Berlin nach Kuterevo gebracht. "Es war ein Kulturschock für die Berliner und die Einheimischen. Aber zurück in Berlin, haben die als schwierig geltenden Jugendlichen damit angegeben, was sie gemacht hatten. Sie konnten sich plötzlich anders definieren. Sie hatten Schlangen gesehen, waren Bärenspuren gefolgt."

Ergänzt und unterstützt wird das Projekt durch "Mountain spirit", ein EU-gefördertes Projekt mit Partnern in Serbien, im Kosovo und in Bulgarien. Stolz berichtet Ivan Crnkovic: "Der Kuterevo-Zirkel hat mittlerweile 9032 Mitglieder auf vier Kontinenten. Mountain spirit bedeutet auch, das Projekt über die Berge zu tragen und zu erweitern, mit dem Ziel, Menschen zu helfen, vor Ort zu bleiben und ihre Kultur zu bewahren. Ich habe nur noch dorftragende Ziele, weg von Nation und Staat, weg von Grenzen."

So arbeitet der Alleinstehende weiter daran, jungen Menschen seine Ideale und eine andere Lebenseinstellung zu vermitteln. "Fridays for Future" hält er für einen Anstoß, ohne den es keine Bewegung gäbe. "Genial ist es, Schule für einen guten Zweck zu nutzen, indem sie geschwänzt wird. Aber alles andere ist bisher viel Rauch um nichts. Natürlich kann es sein, dass mich die Geschichte widerlegen wird. Das ist mit jeder Bewegung so. Sterne schweifen und erlöschen oder kommen nach langer Zeit wieder."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Lovro Bozizevic, Matija Ceranic

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