Ein kalter Februartag in Zagreb. Im großen Park gegenüber dem Hauptbahnhof spielen Kinder, junge Leute sitzen auf Bänken und genießen die erste Sonne. Hier beginnt Mile Mrvalj seinen Rundgang. Wegen seines langen, grauen Barts scheint der 59-Jährige untypisch für einen Touristenführer. Die Tour "Invisible Zagreb" ist vor allem für die Einheimischen gedacht, die ihre Heimatstadt aus einer besonderen Perspektive kennenlernen möchten, und zwar aus der Perspektive eines Obdachlosen. Wer kann uns das besser vorstellen als Mile, der selbst ein Obdachloser war?
Vor neun Jahren verließ er Sarajevo und zog aus Bosnien und Hercegovina nach Zagreb, wo er dreieinhalb Jahre als Obdachloser lebte. Jahre auf der Straße liegen hinter ihm. Er hat die Obdachlosen nicht vergessen und versucht, ihnen zu helfen. Deswegen gründete er vor fünf Jahren den humanitären Verein Fajter, Fighter. Um die Öffentlichkeit für das wachsende Problem der Obdachlosigkeit in Zagreb zu sensibilisieren und die Betroffenen bei der Resozialisierung zu unterstützen, gibt der Verein eine Zeitschrift heraus. Sie wird von Obdachlosen verkauft, die so Geld verdienen. Außerdem arbeiten einige von ihnen als Führer bei "Invisible Zagreb" mit.
"Wisst ihr", stellt Mile nach dem Kennenlernen seine erste Frage, "wie viele Obdachlose im Zagreber Stadtzentrum leben?" Anstelle einer Antwort geht es zum Bahnhof. Das neoklassizistische Gebäude, das auf der Liste der kroatischen Kulturgüter steht, war für viele Obdachlose früher die erste Stelle auf ihrem Weg zur Arbeit. Viele eilten durch den Bahnhof, ohne auf die Menschen um sich herum zu blicken. Einige haben die Obdachlosen und Bettler sogar mit Verachtung betrachtet. Jetzt, als Obdachlose, sehen sie dieses Gebäude mit anderen Augen. "Oft beginnen sie hier ihren Tag mit einem Kaffee aus Automaten, was eines der seltenen Luxusgüter ist, die sie sich noch leisten können, aber auch eines der verbleibenden Zeichen der Menschlichkeit", erklärt Mile.
Die Privatisierung in den 1990er Jahren sei der wichtigste Grund für die Abschaffung vieler Arbeitsplätze in Kroatien. Einige Entlassene haben schwarzgearbeitet, aber infolge der schwierigen Arbeitsbedingungen erkrankten viele. Krank und ohne Versicherungsschutz konnten sie nicht mehr arbeiten. Da sie die Lebenshaltungskosten nicht mehr decken konnten, landeten viele auf der Straße. Wie dieser Dominoeffekt aussieht, erläutert Mile an seinem eigenen Beispiel. Als künstlerisch begabter Junge absolvierte er die Schule für angewandte Kunst in Sarajevo. Zwei Jahrzehnte später erfüllte sich sein größter Wunsch: Er nahm einen Kredit auf und eröffnete eine Kunstgalerie, die aber nach kurzer Zeit zusammenbrach. Sein Traum wurde zum Albtraum. Nach einiger Zeit war er nicht mehr imstande, seine Bankschulden zurückzuzahlen. Schließlich verlor er sein Haus. Danach wurde er von allen verlassen, sowohl von seiner Frau als auch von seinen Freunden. "Es gibt verschiedene Wege, wie man als Obdachloser auf die Straße kommen kann. Gewalt in der Kindheit, Missbrauch oder Vernachlässigung, finanzielle Probleme, Krankheit, Zwangsexil, Familienzusammenbruch nach Scheidung, Verlust der Heimat, kriegsbedingte Verbannung, Tod eines Partners sind nur einige davon", sagt Mile. "Das Problem ist nicht, dass die Obdachlosen nicht eingestellt werden möchten, um eine dauerhafte Einkommensquelle zu erhalten. Es geht darum, dass die Arbeitgeber sie nicht einstellen möchten, weil sie obdachlos sind. Außerdem handelt es sich meistens um Menschen, die älter als fünfzig sind, und da sie einige Jahre lang nichts unternommen haben, sind meistens ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten beeinträchtigt, was bedeutet, dass auch ihre Arbeitsfähigkeit geringer ist."
Im Schritttempo nähert sich die Gruppe dem zweiten Anhaltspunkt, einem naheliegenden Einkaufszentrum mit glänzenden Schaufenstern. Die Passage am Ende des Zentrums führt zu einem heruntergekommenen Supermarkt und einem ehemaligen Bankgebäude, das Obdachlosen trotz der lebensgefährlichen Bedingungen als Unterkunft dient. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum bemerken wir zwei Polizisten. "Die Obdachlosen haben Angst vor der Polizei, denn in Kroatien wird man bestraft, wenn man keinen Personalausweis besitzt. Um ihn zu erhalten, muss man aber einen Wohnsitz haben. Das ist doch paradox. Wenn man einen Wohnsitz hätte, wäre man nicht obdachlos." Mile hat diese Hürde gemeistert und wurde zum ersten kroatischen Obdachlosen, der den Personalausweis erhielt. Darauf ist er ziemlich stolz. "Wochen- und monatelang habe ich an verschiedene Türen geklopft. Man hat mich von Zimmer zu Zimmer geschickt. Ich weiß nicht einmal, mit wie vielen Angestellten ich gesprochen habe. Immer wieder musste ich meine Situation von Anfang an erklären. Dank einer Journalistin, die eine Reportage über mich machte, habe ich es endlich geschafft. Das ist die Macht der Medien. Am Ende reichte ein Telefonanruf, und mein Ausweis wurde ausgestellt."
Das schmutzige Gebäude des ehemaligen großen Supermarkts erinnert Mile an seine erste Nacht auf der Straße. "Ratten sind das größte Problem. Das Wetter auch. Im Winter muss man wegen der Erfrierungen auf der Hut sein, im Sommer schwitzt man unter den Decken und Kleidern, in die man sich wegen der Ratten wickeln muss. Außerdem weiß man nie, was für eine Person neben einem schläft. Es kann sich manchmal um Menschen mit einer lebenslangen Veranlagung zum Alkoholismus, um Geisteskranke und Aggressive handeln." Mile hat es geschafft, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. "Ein guter Mann gab mir ein Zimmer in einem Häuschen, in dem er nicht lebte. Als ich das Zimmer betrat, war ich total verwirrt und konnte nicht einschlafen. Es war schon lange her, seitdem ich die Möglichkeit hatte, in einem Bett zu schlafen. Zum ersten Mal nach Jahren auf der Straße konnte ich mich endlich mal ausschlafen."
Im Durchschnitt verbringe ein Obdachloser fünf Jahre auf der Straße. Einige kommen wieder auf die Beine, während andere bis zum Tod obdachlos bleiben. Mile kennt mehrere, denen man einfach nicht mehr helfen könne. Gegenwärtig gibt es in Kroatien mehr als 1000 registrierte Obdachlose beider Geschlechter. Die meisten von ihnen leben in Zagreb und in anderen großen Städten. "Es gibt einerseits Unterkünfte, in denen Obdachlose den ganzen Tag bleiben können und wo sie auch die Mahlzeiten bekommen. Andererseits stehen den Obdachlosen auch Unterkünfte zur Verfügung, wo sie nur die Nacht verbringen dürfen. Die Gesamtkapazität der Unterkünfte beträgt bis zu 420 Betten. Alle Plätze sind fast immer besetzt, so dass etwa 500 Menschen in Großstädten irgendwo in öffentlichen Bereichen leben." Was ist aber mit all denen, von denen die humanitären Organisationen nicht einmal wissen? "Nur weil sie nicht in Parks oder auf der Straße schlafen, heißt das nicht, dass es keine gibt. Sie verstecken sich an unsichtbaren Orten in der Öffentlichkeit, deshalb heißt dieser Bildungsspaziergang ,Invisible Zagreb', also Unsichtbares Zagreb."
Manche Obdachlose würden niemals um Hilfe bitten. "Wenn ihr einen Obdachlosen seht, geht auf ihn zu und sprecht mit ihm. Fragt ihn, wie es ihm geht und ob er etwas braucht. Es kam mehrmals vor, dass ein Obdachloser sagte, er brauche zum Beispiel ein Kleidungsstück oder er kenne jemanden, der eine Winterjacke brauche. Wir alle haben Sachen, die wir nicht mehr brauchen. Im Fall, dass der Obdachlose nur um Geld bittet, gebt ihm etwas Kleingeld. Vielleicht wird er sich etwas zum Essen in der Bäckerei kaufen, vielleicht wird er das erbettelte Geld für Schnaps oder Zigaretten ausgeben. Euch soll das egal sein, denn manchmal macht das Ungesunde glücklich, und es gibt nichts Schöneres, als wenn man einem Obdachlosen ein Lächeln auf das Gesicht zaubert."