Nur nachts hinter Gittern

Mörder, Diebe und Vergewaltiger: Menschen, mit denen man lieber nichts zu tun haben möchte. Für viele von uns ist schon die Vorstellung, einer kriminellen Person zu begegnen, ein Albtraum, doch für einige wenige gehören sie zum Alltag und vor allem zum Beruf, denn sie sind überall. Wo? Natürlich in einem Gefängnis. Wie stellen Sie sich einen Leiter in einem Gefängnis vor? Einige würden einen großen, nahezu angsteinflößenden Mann erwarten, doch Volker Peterli entspricht eben nicht diesem Bild. Er fällt dennoch auf, gerade wegen seines Auftretens. Seine Präsenz und Sprachgewandtheit vermitteln den Eindruck eines gestandenen Mannes mit Durchsetzungsvermögen, das tagtäglich gefordert wird. Volker Peterli ist 56 Jahre alt und arbeitet seit 37 Jahren in Gefängnissen, zurzeit als Leiter des mittleren Vollzugsdienstes in der Justizvollzugsanstalt Mannheim, dem größten Gefängnis in Baden-Württemberg. Hier sind 747 Plätze für Gefangene in Untersuchungs- und Strafhaft.

Die Inhaftierten haben einen durchgeplanten Tagesablauf, der um 6 Uhr morgens beginnt. Wie auch bei den meisten Menschen außerhalb des Gefängnisses beginnt eine halbe Stunde später die Arbeit, währenddessen der nicht arbeitende Insasse eingeschlossen wird. Nach etwa fünf Stunden Arbeit bekommen die Gefangenen zu essen. Nach dieser Mittagspause geht es wieder bis 14.45 Uhr an die Arbeit, sie endet mit einem Hofgang sowie der Möglichkeit zu duschen. Ab 16.50 Uhr ist es den Gefangenen möglich, sämtliche Freizeitaktivitäten oder auch Behandlungen in Anspruch zu nehmen. Gerade im Bereich Sport gibt es zahlreiche Angebote. Beeindruckend ist auch das Angebot zum Thema Religion, es gibt für jede Glaubensrichtung Geistliche, die für Gebete in die Anstalt kommen. Wirklich "hinter Gittern" sind die Insassen jedoch nur über Nacht, die mit der Einschließung der Gefangenen um 21.20 Uhr beginnt. Am Ende seien es immer noch Menschen, die das Recht haben, gerecht behandelt zu werden, ohne sie nach ihren Taten zu verurteilen, betont Volker Peterli. Er ist verantwortlich für 240 uniformierte Kollegen und deren Dienstpläne. Davon ist jeder Beamte für 50 Insassen zuständig. Dabei sind 80 Prozent seiner Arbeit nur Büroarbeit, wie er erzählt. Trotz der vermeintlichen guten Struktur sind Überstunden im Strafvollzug genauso ein Problem wie der Nachwuchsmangel, erklärt er. Auch die Überbelegung der Untersuchungshaft mit über 150 Prozent sei ein ernstzunehmendes Problem.

Denn die Arbeit mit den Gefängnisinsassen ist alles andere als einfach, auch wenn man sich in den meisten Fällen gegenseitig respektiert. Anfangs sei das gewöhnungsbedürftig gewesen, als junger Mann einem Älteren plötzlich Anweisungen zu geben, da man eine andere Hierarchie bezüglich des Alters gewohnt ist, so Peterli. "Die größte Barriere ist dennoch die Sprache", meint Peterli und erwähnt, dass 70 Prozent der Inhaftierten solche mit Migrationshintergrund sind. Im Vollzug arbeiten zahlreiche Fachleute als Seelsorger, Psychologen oder Lehrer, um auf den Alltag draußen vorzubereiten. Man bietet mit der Möglichkeit einer Schulausbildung sowie zahlreichen Präventivmaßnahmen allen Insassen eine neue Perspektive an.

Trotz der angebotenen Hilfe kommt es immer häufiger zu Gewalttaten der Insassen gegenüber den Justizvollzugsbeamten oder Angestellten. Auch und gerade mit dem Tabletten- und Drogenkonsum haben Peterli und seine Kollegen zu kämpfen. Des Weiteren steigt die Zahl der psychisch Kranken unter den Gefängnisinsassen stetig. So kommt es überraschend und "unvorhersehbar" zu Suizidversuchen, die dann jedoch von den Beamten verhindert werden können. Auch wenn man sich Mühe gibt, führe es nur selten zu Erfolgen, da die Entlassenen in alte Muster verfallen und aufgrund von falschem Umgang und sozialem Umfeld wieder zurückkehren. Volker Peterli nennt sie "Dauerkunden". Man merkt ihm an, wie ernst die Lage für die Betroffenen ist. Man baue oft gerade auf junge Insassen, die das Leben noch vor sich haben. Doch leider sehe man diese nach einer Weile schon wieder hinter Gittern.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Joris Gugnon

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