Hier ist mein kleines Reich", deutet Andreas Thomsen stolz auf seinen Garten. Salatköpfe wachsen um die Wette, während darüber cremeweiße Kiwi-Blüten von Bienen und Hummeln besucht werden. Rote, gelbe und violette Blumen fallen zwischen den vielen Gemüsebeeten auf, an anderen Stellen ragen kleine Obstbäume aus dem scheinbar undurchdringlichen Dickicht empor. Schmale, gepflasterte Wege durchschneiden den grünen Naturteppich wie ein Labyrinth. Eine schulterhohe, efeubewachsene Sandsteinmauer umschließt den gesamten Garten. Über eine kurze Treppe ist die Elz zu erreichen, ein kleiner Fluss, der die Stadt Kenzingen bei Freiburg im Breisgau durchzieht. Eine schmale Gasse trennt den Garten von dem gegenüberliegenden sanierten Altbau, wo Andreas Thomsen seit 15 Jahren mit seiner Frau, seinem Sohn und seinen Eltern wohnt. Der gebürtige Hamburger studierte Medizin in seiner Heimatstadt, forschte viele Jahre lang in zellbiologischen Labors und arbeitet nun an der Uniklinik Freiburg als Facharzt für Strahlentherapie.
"Natur hat mich schon immer magisch angezogen", erzählt der leidenschaftliche Gärtner schwärmerisch. Bei den Großeltern habe er früher interessiert Kellerasseln gemustert oder die Geschehnisse im Teich beobachtet. Gartenarbeit hingegen war für ihn als Kind mit Mühsal und Frust verbunden. Erst als Erwachsener versuchte sich Andreas Thomsen wieder am Gärtnern im vorteilhaften Klima in Süddeutschland. Mittlerweile verbringt Thomsen von April bis Oktober durchschnittlich 20 Stunden in der Woche im Garten. Diese Zeit ist für ihn pures Vergnügen und Ausgleich zu seiner manchmal psychisch belastenden Arbeit und seinem Schreibtisch, "wo der Arbeitshaufen nie kleiner zu werden scheint". Im Garten folgt er keinem strengen Arbeitsprogramm, sondern wacht getreu nach seinem Motto "Hier mal gucken, da was zupfen" über seinen Garten. Wenn die ersten Blüten an den Tomatenpflanzen zum Vorschein kommen, ist das für ihn ein ganz besonderer Lichtblick. Das Ernten betrachtet er nicht als Arbeit, höchstens das Auflockern des Bodens oder das Einsetzen von Kartoffeln seien anstrengend: "Gärtnern ist für mich wie Spielen."
Mehr als ein Drittel seiner Nahrung basiert auf eigenen Erträgen. Auf 500 Quadratmetern erntet Thomsen vor allem eine große Menge an Kartoffeln. "Damit füttern wir uns monatelang durch", schmunzelt er. Daneben erntet er Tomaten, Erbsen, Rettiche, Sojabohnen, Spinat, Mangold, Rucola, Salat, Beeren, Obst und Gewürze. Die im Sommer geernteten Erträge macht die Familie haltbar, beispielsweise in einem mannstiefen Loch inmitten der dichten Beete, in das Thomsen auf schmalen, in den steilen Hang gesetzten Stufen hinabsteigt. Am Boden angelangt, öffnet er die Abdeckung zu einem kleinen Stollen in der Wand des Loches. Zum Vorschein kommt eine Kiste mit Kartoffeln. "Hier unten halten es die Kartoffeln bei angenehmen 8 Grad viele Monate aus." Andere Erträge friert Thomsen für den Winter ein, Obst wird zu Saft oder Marmelade verarbeitet. "Der Garten ist für mich aber auch ein wundervolles Feld zum Experimentieren", erklärt der langjährige Laborforscher.
Wie er zum Beispiel den Boden aktiv in seiner Reichhaltigkeit fördern kann, lehrten ihn seine Versuche mit Pflanzenkohle. Seit zehn Jahren besorgt sich Thomsen regelmäßig große Mengen an Pflanzenkohle, die aus verkohlten pflanzlichen Ausgangsstoffen besteht, um diese mit Garten- und Küchenabfällen zu kompostieren und so fruchtbare Erde zu erzeugen. Mit einer Harke lockert er das Gemisch und bringt mit der Hand zahlreiche Regenwürmer zutage, die es eilig haben, wieder im Kompost zu verschwinden. "Diese schwarze Erde macht den Boden lockerer und erhöht dauerhaft seine Kapazität, Wasser und Nährstoffe zu speichern." Thomsen veröffentlichte dazu einen Artikel auf der Internetseite des "Ithaka-Journals". Angeregt wurde Thomsen vor zwölf Jahren durch Berichte über die sogenannte "Terra preta", eine stellenweise im Amazonasbecken vorzufindende tiefschwarze Erde. Ureinwohner hatten diese vor Jahrhunderten aus Holzkohle und organischen Abfällen hergestellt und dadurch ungewöhnlich fruchtbare Böden geschaffen. Besonders fasziniert ist Thomsen davon, dass die hohe Nährstoff- und Kohlenstoffspeicherkapazität dieser Schwarzerde bis heute erhalten geblieben ist und noch immer reiche Ernten inmitten des normalerweise nährstoffarmen Regenwaldbodens sichert. Ein aktuelles Experiment mit Vogelmiere gedeiht neben dem Kompost in fünf schmalen Kästen. In einigen Kästen lässt er das Unkraut ungezähmt wuchern, während andere regelmäßig von der Vogelmiere befreit werden. Als Nächstes will der Gärtner Gemüsepflanzen in die Kästen setzen, um zu untersuchen, welchen Einfluss die Anwesenheit des Unkrauts auf das Wachstum des Gemüses hat. In seinen Beeten hatte er die Beobachtung gemacht, dass manche Nutzpflanzen mutmaßlich besser und schneller wachsen werden.
Der Kerngedanke seiner Experimente besteht immer darin, die Biodiversität einzubeziehen. So besteht Thomsens Garten vorwiegend aus Mischkulturen, in denen Pflanzenarten "nebeneinander und durcheinander" wachsen dürfen. Die Pflanzen stärken sich gegenseitig und bedürfen keines Gifts gegen Schädlinge. "Bei mir im Garten ist es wie auf einem intakten Campingplatz: Alle helfen sich gegenseitig, so dass jeder zu seinem Vorteil kommt." Deshalb gilt bei ihm die Regel, den Garten "auch wuchern" zu lassen und nicht jedes Jahr das Gleiche anzubauen. Dadurch zieht es viele Tiere an. "Der Garten macht mir weniger Arbeit, wenn ich die Tiere für mich arbeiten lasse", lacht Thomsen, als er eine Eidechse auf einem Steinstapel entdeckt. Sie bekämpft zusammen mit Spitzmäusen Schnecken, während Vögel dafür sorgen, dass Insekten sich nicht übermäßig vermehren. Im Verborgenen helfen auch Pilze mit, die Pflanzen gesund zu halten, da sie diese mit Nährstoffen versorgen und sogar Substanzen an die Wurzeln abgeben, die diese vor Fressfeinden schützen und im Gegenzug Zucker von ihnen erhalten.
Diese Erkenntnisse führen vor Augen, wie komplex und durchdacht das System der Natur ist und wie geheimnisvoll ihre Kräfte sind. "Die wilde Kraft der Natur ist nichts Gefährliches. Im Gegenteil, wenn wir uns die natürlichen Wechselwirkungen verständlich machen und sie kreativ nutzen, können alle Seiten nur gewinnen."