Nach einer Saison ist er einfach geblieben

Wir arbeiten da, wo andere ihre Freizeit verbringen." Michael Müller und Martin Küng sind Bademeister im Freibad in Hinwil, einem 10 000-Seelen-Dorf im Kanton Zürich mit Lage direkt am Bachtel. Das Freibad bietet eine Rutschbahn, verschiedene Becken und einen Sprungturm. Unter den Schatten spendenden Bäumen auf der Liegewiese hört man Kuhglocken von der Weide nebenan.

Bademeister Müller ist 57 Jahre alt und schon seit vielen Jahren Chefbademeister im Freibad Hinwil. Vor 26 Jahren hat der große, schlanke Mann seine Bademeisterkarriere als Quereinsteiger begonnen. Damals hat er einen Brevet-Kurs bei der SLRG, der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft, belegt und sich kurz darauf für eine Stelle als Bademeister in Rüti, einer Gemeinde im Kanton Zürich, beworben. "Ich habe nach Veränderung gesucht", sagt Müller, der seine alte Arbeitsstelle als Maler gegen die Arbeit im Freibad tauschte.

Die SLRG ist eine gemeinnützige Organisation mit mehr als 27 500 Mitgliedern. Ihr Ziel ist es, die Zahl der Ertrinkungstode zu senken. Und das mit Erfolg, denn während im Jahre 2013 noch 52 Menschen ertrunken sind, sind es 2018 nur noch 37. Der neun Jahre jüngere Küng ist schon als Kind Mitglied der SLRG gewesen und hat schon immer Freude am Wasser gehabt. Nach seiner abgeschlossenen Lehre hat er eine Saison als Bademeister arbeiten wollen, doch die abwechslungsreiche Arbeit hat ihm so viel Spaß bereitet, dass er seitdem nichts anderes mehr getan hat. In der Schweiz gibt es, anders als in Deutschland, keine Lehre, um Bademeister zu werden. Die einzigen Voraussetzungen sind, dass man Erste Hilfe beherrscht und das Brevet Pro Pool besitzt. Eine abgeschlossene Berufslehre ist von Vorteil, vor allem eine im handwerklichen Bereich, da man als Bademeister viel Gartenarbeit und auch Reparaturen macht. "Die meisten sind Quereinsteiger. Von Lehrern bis zu Flugbegleitern haben wir hier alles", meint Küng, der zuvor als Zimmermann gearbeitet hat. Zuerst arbeitet man zwei Jahre in dem Beruf, dann kann man sich weiterbilden bis zum diplomierten Bademeister. Dadurch dass die Vorkenntnisse und auch die Berufserfahrung jeweils sehr abweichen, gibt es auch große Unterschiede bei den Löhnen. Je nachdem, wie lange man schon als Bademeister arbeitet, kann man zwischen 4500 und 7500 Franken brutto verdienen im Monat.

Um sieben Uhr morgens, zwei Stunden bevor die ersten Morgenschwimmer eintreffen, beginnt der Arbeitstag der Bademeister mit einem Kontrollgang durch das gesamte Freibad. Die Bademeister öffnen die Garderoben, putzen den Beckenrand und stellen sicher, dass in der Nacht nichts ins Wasser gefallen ist. "Manchmal sind in der Nacht Jugendliche zum Schwimmen eingebrochen und haben ihren Müll dagelassen, dann müssen wir am Morgen zuerst noch aufräumen. Aber das haben wir als Jugendliche doch alle einmal gemacht", sagt Küng und zwinkert verschmitzt.

Bald nach dem Kontrollgang treffen schon die ersten Badegäste ein, vor allem Rentner, die gemütlich ihre Runden schwimmen oder ein wenig mit den Bademeistern plaudern. "Viele kommen im Sommer täglich hierher, da entwickelt sich mit der Zeit schon eine persönlichere Beziehung", erklärt Müller und rückt seinen zerfransten Strohhut zurecht, mit dem er seine Glatze vor der Sonne schützt. Über den Tag hinweg leeren die Bademeister die Mülleimer, mähen den Rasen oder verarzten kleine Wunden. Um 20 Uhr abends schließt das Bad, und die regulären Gäste gehen nach Hause. Während das Team der SLRG Hinwil noch trainiert, putzen die Bademeister die Garderoben und die Toiletten, sammeln den Müll in der Anlage auf und überprüfen die Wasserwerte das dritte Mal an diesem Tag. Wenn auch die letzten Schwimmer das Wasser verlassen haben, setzt Müller den Wasserstaubsauger ein, damit das Becken für den nächsten Tag sauber ist.

Neben der Pflege der Anlage sind die Bademeister natürlich auch für die Badeaufsicht zuständig. Jährlich verunfallen etwa 270 Kinder im und am Wasser in der Schweiz, fünf Kinder sterben dabei. Die meisten dieser Unfälle würden nicht passieren, wenn die Kinder immer in Reichweite der Eltern wären, so wie die SLRG es empfiehlt. Doch nicht nur Kinder ertrinken, auch Erwachsene, vor allem junge Männer unter Alkoholeinfluss. Deshalb ist es entscheidend, dass der Bademeister die Rettungstechniken beherrscht und Personen aus dem Wasser bergen kann. Dies reicht jedoch nicht aus, denn an Land muss oftmals noch Erste Hilfe geleistet werden. Im schlimmsten Fall muss sogar reanimiert werden. So einen Vorfall gab es im Freibad Hinwil diesen Sommer. Eine Frau sah einen vierjährigen Jungen im Becken treiben und zog ihn augenblicklich aus dem Wasser. Der kleine Junge musste daraufhin von den Bademeistern reanimiert werden. Glücklicherweise konnte er durch das schnelle Handeln der Frau und der Bademeister gerettet werden, und es geht ihm heute gut. "Wenn man das hört", sagt Müller, "empfindet man ein Gefühl der Dankbarkeit. Man ist dankbar, dass der Junge früh genug entdeckt wurde, dankbar, dass die Rettungskette gut funktioniert hat, und dankbar, dass das Kind lebt."

Als Bademeister in einem Freibad ist man den ganzen Tag draußen und hat abwechslungsreiche Aufgaben, wie Gartenarbeiten, Badeaufsicht und Reparaturen. Genau das schätzen Müller und Küng an ihrer Arbeit. "Ich habe früher in einem Hallenbad gearbeitet, aber das hat mir nicht gefallen", erzählt Müller. Auch dass sie viel mit Menschen zu tun haben, macht ihnen viel Spaß. Natürlich gibt es auch mühsame, uneinsichtige Gäste, die Konflikte suchen und die Anweisungen der Bademeister ignorieren. Außerdem hat man als Bademeister am Wochenende und an Feiertagen nie frei und arbeitet ebenfalls am Abend, anstatt sich mit Freunden zu treffen. Auch kann man im Sommer nicht in die Ferien gehen, sondern arbeitet die ganze Zeit. Doch im Winter reist Küng um die Welt. "Ich bin ein Weltenbummler, schon als Kind bin ich gerne gereist, und daran hat sich nichts geändert." Müller jedoch hat auch im Winter nicht frei. Er pflegt die Anlage und erledigt Arbeiten, die im Sommer liegengeblieben sind. So zimmert er zum Beispiel einen neuen Liegerost, weil der alte langsam auseinanderfällt. Wenn es kälter wird und es zu schneien beginnt, bereitet Müller die Anlage auf den Winter vor und macht die restlichen drei Monate Schutzraumkontrollen für die Gemeinde. Müller und Küng lieben ihren Beruf. Der Kontakt mit den Menschen und die Arbeit an der frischen Luft vereinen sich für die beiden "zum schönsten Beruf, den man sich vorstellen kann".

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Alina Grossmann

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