Ein Mann, ein Stein, ein Ziel

Da denksch amel gar nöd", sagt Beat Hefti zu der Frage, ob man sich während des Steinstoßens bewusst ist, was für ein Katz-und-Maus-Spiel hinter der Geschichte des Unspunnensteins steckt. Der 41-jährige Zimmermann ist in der Ausbildung zum Marketingfachmann, Vater von drei kleinen Mädchen, lebt in Schwellbrunn und erzählt mit glänzenden blauen Augen von dem Traditionssport. Der ehemalige Olympiasieger im Zweierbob von Sotschi 2014 praktiziert seit acht Jahren die Sportart des Steinstoßens. Seit 2019 macht er "nur" noch das athletische Training mit den Bobfahrern mit und übt mit ihnen das Anstoßen, ansonsten konzentriert er sich auf das Werfen des Steins

Der Stein ist nicht irgendein Felsbrocken, sondern der Unspunnenstein oder Setterebolle, wie ihn einige nennen. Er wiegt 83,5 Kilogramm und ist etwa so groß wie ein ausgewachsener Dachs. Auf ihm eingraviert sind die Zahlen 1805 und 1905, die Jahre der ersten Unspunnenfeste. Der Name kommt von der Burgruine bei Interlaken, die Schauplatz des Festes von 1805 war, das mit der Absicht ausgetragen wurde, Stadt und Land zu versöhnen. Der riesige Stein ist für viele Schweizer ein Symbol für Brauchtum und Freiheit. Vor Eiger, Mönch und Jungfrau werden aber nicht nur Steine in den Boden gerammt, sondern es gibt das Steinstoßen meistens zusammen mit dem Schwingen, dabei versucht man nicht einen Stein, sondern einen Gegner zu bezwingen, also eine Art Ringen.

Was den Stein besonders macht, ist seine Geschichte. Am 3. April 1984 wurde er von den Béliers aus dem Touristikmuseum in Unterseen bei Interlaken gestohlen. Die Béliers, eine separatistische Gruppe aus dem Jura, wollten einen eigenen Kanton gründen und kämpfen und rebellieren auch heute noch um manche Gebiete. 17 Jahre später tauchte der Stein rätselhaft wieder auf, jedoch so verunstaltet, dass er zwei Kilogramm leichter war, denn ihm wurden das Jura-Wappen und die EU-Sterne eingeritzt. Deshalb verwendet man seit 1985 ein Duplikat. 2005 wurde der "verunstaltete" Stein wieder von den Separatisten gestohlen und blieb bis heute verschollen. Seither liegt das Duplikat in einem speziell angefertigten Tresor und wird nur für den Wettkampf herausgenommen. Schon im 13. Jahrhundert maßen sich Sennen und Hirten in Basel in dem Sport. Laut Reiseberichten wird dieser Brauch seit dem 18. Jahrhundert auch in Appenzell, Schwyz und Glarus ausgetragen

Beat Hefti übt das Steinwerfen im Sommer als Ausgleich zum Bobfahren im Winter aus. 2013 hat er das erste Mal mit seiner Mannschaft bei einem Wettkampf mitgemacht. "Es isch amel e Gaudi gseh, will de schwärst Stei hend nöd immer gad alli chöne lupfe." Seitdem trainiert er zweimal in der Woche und versucht fit zu bleiben. Dass muss man auch, denn es gibt öfters Kraftpakete, die sich überschätzen, den Stein nur krampfhaft und halb aufheben können und doch versuchen, den Koloss zu werfen. Fast bei jedem Fest gibt es einen Moment, wo gelacht wird. Nicht aus Schadenfreude, aber es sieht einfach lustig aus, wenn der Stein nicht geworfen wird, sondern eher seinen Bekämpfer wirft.

Beat Hefti hat sich für das eidgenössische Jubiläums-Schwingfest am 30. August in Appenzell qualifiziert. Früher musste man sich nicht qualifizieren, weil es nur etwa zehn bis zwölf Steinstößer gab, die den Unspunnenstein werfen konnten. Heute sind es schon etwa 20 bis 30 Steinstößer, und es werden jedes Jahr mehr. Alles wird professioneller. Die besten 24 können sich für ein Eidgenössisches Schwingfest qualifizieren. Hefti wurde jüngst Siebter.

Je größer man ist, desto höher und weiter fliegt der Stein. Der 1,81 Meter "kleine" Hefti muss gegen bis zu zwei Meter große Kraftpakete antreten. Was in Appenzell also schon fast als Riese zählt, ähnelt in diesem Sport eher einem "Zwerg". Noch schwieriger wird es für ihn, weil es kaum Wettkämpfe mit Steinstoßen in der Ostschweiz gibt. Generell kann man aber von Mitte April bis Ende September fast jedes Wochenende irgendwo in der Schweiz an einem Wettkampf mitschwitzen.

Mit der Zeit wurden auch etwas leichtere Steine mit 20 oder 40 Kilogramm eingesetzt. Es gibt auch Anlässe wo 4-Kilo-Steine von Mädchen geworfen werden. Bei den 40 Kilogramm schweren Steinen muss man so weit wie möglich ohne Anlauf werfen. Der 20-Kilo-Brocken wird gleich geworfen wie der Unspunnenstein. Heftis Rekord mit dem Unspunnenstein beträgt 3,52 Meter und mit dem 40-Kilo-Stein 4,80 Meter. Der Schweizer Rekord liegt damit bei 4,11 Metern.

Entscheidend ist der Anlauf. Insgesamt darf man vierzehn Meter Anlauf nehmen, das macht aber keiner, weil man sonst schon viel zu erschöpft ist. Die meisten nehmen einen Anlauf von neun bis elf Metern. Beat trainiert oft einfach mit einem 70 Kilogramm schweren Stein, damit er aus dem herausfordernden Anlauf das Beste mitnehmen kann. Es gibt auch einige Kraftprotze, die mit einem Stapler den Stein auf die gewünschte Höhe bringen, nur um diese entscheidenden paar Meter vor dem Kraftstoß zu üben. Als Ziel möchte Beat Hefti in die "Top 5", sagt aber: "I bi amel au nöd verrockt, wenns nöd langet."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung - Sarah Reifler

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