Einen Liebling habe ich nicht, ich finde die bunte Vielfalt am schönsten", sagt Maria Gerlinde Blaese. Dass die Frau mit einem kecken Kurzhaarschnitt ein mit Schmetterlingen besticktes Hemd trägt, liegt in der Natur der Sache. Mit Herzlichkeit empfängt sie jeden neuen Besucher, ob Groß oder Klein, und begleitet sie durch den Schmetterlingsgarten in Bendorf-Sayn in Rheinland-Pfalz. Die studierte Diplombiologin bekam, nachdem ihre drei Kinder fast aus der Schule raus waren, direkt die Anstellung im Garten der Schmetterlinge, den die Fürstin Sayn-Wittgenstein-Sayn vor 33 Jahren im Schlosspark gegründet hat. Ihre Hauptaufgaben sind Führungen, Projekte leiten, "der Puppeneinkauf" und die Zusammenarbeit mit Schulen. Ihr Start ist jetzt schon 22 Jahre her, mit schönen, aber auch traurigen Erfahrungen.
Bereits in ihrer ersten Arbeitswoche hatte sie ein einschneidendes Erlebnis. "Den Ausdruck dieser Menschen vergesse ich nie." Sie hatte eine Gruppe beeinträchtigter Menschen zu Besuch, die alle an den Rollstuhl gefesselt waren. Menschen mit so schwerwiegenden psychischen Erkrankungen oder körperlichen Behinderungen sind meist unruhig. Doch Gerlinde Blaese erzählt: "Es war für mich unglaublich beeindruckend zu erleben, wie ruhig sie hier drin wurden, sie ließen sich Raupen auf die Beine setzen und genossen die Wärme des Raumes und das Rauschen des Wassers." Es gibt aber auch ganz anderes Publikum: "Ich finde toll, dass sogar Männer mit Schlips und Kragen hier reinkommen und staunen", erzählt sie lachend. "Manche Menschen kommen auch einfach mit einem Buch hierher und setzen sich auf eine der vielen Bänke, um zur Ruhe zu kommen. Sie hören dem Geplätscher des Wassers zu und beobachten die Schmetterlinge, die geräuschlos durch die Lüfte fliegen. Sie entfliehen dem Alltag." Der Schmetterlingspark, der aus zwei Glaspavillons und einem Lehrpfad besteht, finanziert sich durch die Eintrittsgelder. Eine Tageskarte kostet für Erwachsene 8,50 Euro und für Kinder 6 Euro. Für große Gruppen oder Familien gibt es Angebote. Zur Finanzierung trägt ebenfalls ein Souvenirladen mit seinem Umsatz bei. Dort werden Bücher, Spielsachen und Tassen angeboten - alles rund ums Thema Schmetterlinge.
Traurig und befremdlich findet sie es allerdings, dass manchmal Kinder kommen, die Angst haben und überhaupt nicht durch den Garten gehen möchten. Ihr Rezept für solche Fälle: "Dann nehme ich mir die Zeit, schicke die Eltern oder Lehrer weg und führe die Kinder ganz langsam an die Schmetterlinge heran. Zu 90 Prozent verlieren die Kinder dann ihre Angst."
Neben ihrer Aufgabe, Führungen zu machen, ist sie für den Puppeneinkauf zuständig. Jede Woche werden 200 bis 400 Schmetterlingspuppen aus verschiedenen tropischen Ländern eingekauft. Sie ist auch schon selbst nach Mittelamerika, Asien und Afrika zu den Züchtern gereist und hat sich die Zuchtbedingungen angeschaut. Sie plädiert stark dafür, dass die Puppen nur aus Züchtungen kommen, damit die Schmetterlinge nicht aus der Natur entnommen werden. Sie werden dann per Flugzeug über die Zollstelle in Frankfurt nach Sayn geschickt. Im Garten befinden sich immer zwischen 50 und 60 verschiedene Arten gleichzeitig. Die tropischen Schmetterlinge leben nur drei bis sechs Wochen, deswegen muss so oft nachbestellt werden. Darunter befindet sich auch der Atlasspinner, der zu den größten der Welt gehört und in Südostasien beheimatet ist. Von der Puppe bis zum Schmetterling vergehen zwischen vier bis sechs Wochen, es ist eine Besonderheit, ihn als fertigen Schmetterling zu sehen, da seine Mundwerkzeuge nicht richtig ausgebildet sind, wodurch er nur vier bis zehn Tage leben kann. Er ist ein Nachtfalter mit einer beachtlichen Flügelspannweite von 30 Zentimetern. Seine Grundfarbe ist Rotbraun, und in der Mitte aller vier Flügel hat er einen schwarz geränderten dreieckigen Fleck. Die kleinsten Schmetterlinge der Welt gehören zu der Familie der Schopfstirnmotten und haben eine Flügelspannweite von 1,5- bis elf Zentimetern. Die längste Strecke fliegen die Monarchfalter, mit ihrer auffälligen orangen Farbe legen sie in großen Gruppen mit einem Tagesdurchschnitt von 50 Kilometern bis zu 3600 Kilometer zurück, bis sie in den mexikanischen Vulkanbergen angekommen sind, um dort zu überwintern.
Die Fürstin Sayn-Wittgenstein-Sayn hatte bei einem Gespräch die Idee, dass im Garten immer 1001 Schmetterlinge fliegen sollen, als Anlehnung an das Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Die heimischen Tiere leben länger. Manche überwintern in der freien Natur sogar als Schmetterlinge auf Dachböden, dadurch ist zum Beispiel der Zitronenfalter, der bis zu zwölf Monate lebt, bei den ersten Sonnenstrahlen im Frühjahr zu sehen.
Schmetterlinge sind in der Natur wichtig, sie bestäuben die Blüten und tragen zur Artenvielfalt auf der Welt bei. Gerlinde Blaese begründet die Daseinsberechtigung des Schmetterlingsparks so: "Es werden wieder Kleinigkeiten in der Natur bemerkt. Die Leute kommen her und tätigen den ersten Schritt, um wieder mehr Sensibilität für die kleinen Wunder der Schöpfung zu erhalten. Sie können im Garten den Balzflug beobachten, sie sehen Raupen, Puppen und Kokons oder wie die Schmetterlinge ihren Rüssel beim Essen einsetzen." Gerlinde Blaese freut sich, dass die Besucher bei ihr mehr über Insekten und Schmetterlinge erfahren, sie hofft, dass vor allem die Kinder lernen, die Natur bewusster wahrzunehmen. Es werden nur zwei Prozent aller Eier wirklich zu Schmetterlingen, deswegen muss ihnen laut Gerlinde Blaese geholfen werden, indem etwa durch die Erhaltung der Futterpflanzen für die heimischen Schmetterlinge Plätze für ihre Eierablage bereitgestellt werden. Zum Beispiel durch eine ruhige Ecke im Garten, in der Brennnesseln stehen.
Der internationale Verbund von Schmetterlingshausbetreibern und Züchtern tagt alle zwei Jahre. Das erste Mal war Gerlinde Blaese 2003 im italienischen Bergdorf Bordano dabei, 2005 organisierte sie den Kongress in Sayn. In Bordano sind 300 Häuser mit Schmetterlingen geschmückt, dort kam ihr die Idee, auch in Sayn die Hauswände bemalen zu lassen. Sie leitete das Projekt fünf Jahre, trieb Künstler auf und begeisterte Hausbesitzer, insgesamt wurden 50 Häuser verziert. Sie erzählt freudig: "Ich werde oft von den Besuchern oder Einwohnern darauf angesprochen, dass man so schön sieht, wo der Schmetterlingspark ist."