Schnee im Mai

Es waren meine Kinder, die wollten, dass ich den Badebetrieb übernehme", sagt Rosemarie Wittwer und blickt in Richtung ihrer Tochter. 17 Jahre führte die heute 73-Jährige den Badebetrieb im Tösstal im Osten des Kantons Zürich. Das Schwimmbad wurde 1951 in der Gemeinde Fischenthal an der Töss eröffnet und besteht aus einem 25-Meter-Schwimmbecken, einem Nichtschwimmerbecken, einem Planschbecken und einer Sprunganlage. Die Becken sind umgeben von einer großen Grünfläche. 30 Jahre nach der Eröffnung übernahm Wittwer das Bad. An jedem warmen Sommertag stand sie am Beckenrand oder hinter der Theke des Kiosks.

"Ein Ehepaar kam jedes Wochenende von Wil zu uns, weil sie fanden, dass das Bad sehr schön und sauber war", sagt Wittwer mit Stolz. Stets verbrachten die gleichen Familien die Zeit im Sommer im Schwimmbad, nicht unwichtig dabei waren die im Vergleich zu heute niedrigen Eintrittspreise. "Erwachsene zahlten zwei Franken fünfzig und Kinder einen Franken", berichtet die Rentnerin und streicht sich die ergrauten Haare aus dem Gesicht: "Vereine und Schulklassen, die des Öfteren in der Badi anzutreffen waren, zahlten keinen Eintritt." Heute muss der Besucher schon tiefer in die Tasche greifen, die Preise haben sich in den vergangenen 22 Jahren verdreifacht.

Wenn es schönes Wetter war, kamen die Besucher in Scharen. Es war nichts Besonderes, wenn an einem Sonntag mehr als 100 Brötchen verkauft wurden. Wer das Schwimmbad besuchte, erfrischte sich nicht nur im Wasser, sondern kaufte auch noch etwas am Kiosk. Neben zahlreichen Süßigkeiten und Eis wurden auch herzhafte Speisen frisch zubereitet. "Wir verkauften die besten Hamburger weit und breit. Mein Mann Paul, der hauptberuflich Metzger war, hat am Sonntagmorgen immer die Hamburger vorbereitet, so musste ich sie am Mittag nur noch auf den Grill legen." Daneben hat Wittwer auch selbstgemachten Kartoffelsalat verkauft. An manchen Tagen standen schon frühmorgens Kinder vor der Badi, die helfen wollten, Kartoffeln zu schälen, und dafür früher Einlass ins Schwimmbad bekamen.

Die ehemalige Bademeisterin musste auch dafür sorgen, dass die Umkleidekabinen und Toiletten sauber waren. "Heute braucht es mehrere Leute, um all diese Aufgaben zu erledigen", sagt Wittwer und schiebt ihre Brille zurück. "Kaum vorstellbar, dass ich zu dieser Zeit noch meinen eigenen großen Garten hatte und Hausmeisterin in einem Wohnblock war." Mit Hilfe ihrer Kinder dauerten das Aufräumen und Putzen des Bades nicht lange.

Die Arbeitstage waren trotzdem lang, von sechs Uhr morgens bis die letzten Besucher das Freibad verließen, was selten vor 22 Uhr war. Zu großen Unfällen oder Verletzungen sei es nie gekommen, nicht weil die Kinder damals weniger Unfug gemacht haben, sondern weil sie immer unter Beobachtung standen. "Damals schauten auch die Eltern auf ihre Kinder. Heute schauen alle nur noch in ihre Telefone und denken, dass der Bademeister auf die Kinder aufpassen kann", sagt Wittwer aufgebracht.

Immer schon war der Badebetrieb abhängig von den Wetterverhältnissen. So gab es Saisons, in denen es heiß und trocken war, und es gab auch welche, in denen das schlechte Wetter dem Schwimmbad einen dicken Strich durch die Rechnung machte. "Als ich im Mai 1986 das Becken putzen wollte, lagen 15 Zentimeter Schnee am Beckenrand", berichtet Wittwers Ehemann Paul lachend. Doch auch in langen Regenperioden konnte Wittwer ihre Zeit nicht gemütlich zu Hause verbringen, denn die große Rasenfläche musste gepflegt werden. Bei Regen oder Sturm säuberte Wittwer die Umkleidekabinen und die Toiletten oder kümmerte sich um den Rasen.

1997 beschloss Wittwer, den Badebetrieb weiterzugeben. Weiterbildungen und neue Vorschriften waren mitverantwortlich für die Übergabe. "Dazu kommt, dass ich alt wurde und mir die körperliche Arbeit gesundheitlich zu schaffen machte", erzählt sie und blickt auf ihre knochigen, krummen Finger. Obwohl die 73-Jährige ihren Entschluss nicht bereut, wirkt sie traurig, als sie über das Ende ihrer Bademeister-Zeit spricht. "Noch heute werde ich auf der Straße auf die Badi angesprochen, von Leuten, die damals als Kinder in dem Freibad schwimmen gelernt haben, oder von Stammgästen, die jeden Nachmittag im Sommer gekommen sind." Besonders stolz ist ihr Mann darauf, dass in dem familiären Schwimmbad an der Töss die Weltmeister und Olympiasieger von 2006 im Snowboarden, Simon und Philipp Schoch, schwimmen gelernt haben.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Vanessa Gubelmann

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