Nachmittag im Ferienörtchen Malbun im Fürstentum Liechtenstein. In der Ferne bimmeln Kuhglocken, Bergdohlen krächzen, Murmeltiere tummeln sich auf den Wiesen. Touristen machen Fotos. "Es ist wunderschön hier oben. Unberührte Natur und viele Tiere. Aber die werden nicht mehr lange sichtbar bleiben", schwärmt Norman Vögeli. Lässig sitzt er auf dem Sessellift, den Blick gegen die Bergspitze Sareis gerichtet. Der Falkner trägt einen Beutel mit Fleisch und einen ledernen Handschuh, auf dem seine "Ehefrau" thront, wie Falkner ihre Tiere nennen. Der Kopf des Adlers ist mit einer Lederhaube bedeckt, sie schützt das Tier vor starkem Trubel. An seinen Fängen sind zwei Lederriemen angebunden, die der Falkner im Lederhandschuh hält. "Mit ihr bin ich schon 30 Jahre zusammen", erklärt Vögeli.
Seit er denken kann, ist der Koch von Vögeln fasziniert. "Wenn ich das Bild eines Adlers oder eines Falken in einem Magazin gesehen habe, habe ich es mir stundenlang angeschaut." Schon als Junge begann er Raben zu fangen. "Nur einer ist geblieben, die anderen sind alle abgehauen. Ich habe damals dennoch viel über Vögel gelernt." Als er volljährig war, wollte er sich einen Kindheitstraum verwirklichen: einen eigenen Steinadler zu besitzen. Er erfuhr, dass in Frankreich ein Steinadler ausgeschrieben wurde. Er stellte ein Gesuch nach Grenoble. Vögeli bekam mit 19 Jahren seinen eigenen Steinadler, dieser blieb bis heute bei ihm.
Neben seinem Beruf als Koch verbringt er jede freie Minute mit seinem Adler. 1999 wagt er den Schritt, gründet die Berufsfalknerei und übernimmt das Restaurant Galina in Malbun. "Der Beruf war damals überhaupt nicht bekannt, ich war der Erste aus der Schweiz und aus dem Fürstentum Liechtenstein. Es gab kein Lehrbuch, an dem ich mich hätte orientieren können, ich musste mir alles selbst beibringen." Heute leitet der 48-Jährige das Falknerei-Hotel Galina. Insgesamt 16 Vögel besitzt die Falknerei, davon werden einige in täglichen Flugshows vorgestellt. "Ich gehe jeden Morgen in den Falkenhof, um herauszufinden, welche Vögel heute Lust haben, zu fliegen, und welche nicht. Man spürt das. Das muss man aber jahrelang erlernen. Wenn sie nicht wollen, dann wollen sie nicht. Das kann man nicht ändern." Vögeli bietet eine Habicht- und eine Adlerwanderung, auf der er seinen Vogel im Freiflug präsentiert.
"Mama, guck mal! Ein Adler!", schreit ein Kind und zeigt auf Vögeli. Der Falkner schreitet mit dem Vogel den Wanderweg entlang, die Leute schauen ihm hinterher "Das Ziel unseres Betriebes ist es, den Menschen die lokalen Greifvögel und die Falknerei näherzubringen." Ihm fällt eine Wandergruppe mit einem Hund auf. "Den würde ich jetzt anleinen." Der Falkner hält an, nimmt dem Adler die Lederhaube ab. Gelbe, unbarmherzig scheinende Augen kommen zum Vorschein. Vögeli hebt den Arm, der Adler breitet die Schwingen aus und hebt ab. Mit wenigen Flügelschlägen und dem kräftigen Aufwind, ohne den er nicht fliegen könnte, steigt der Vogel immer weiter. Ein Pfiff gellt durch die Luft, die Tiere in der Umgebung bringen sich in Sicherheit. "Ein einzelner Pfiff der Murmeltiere bedeutet: Gefahr aus der Luft. Bei Bodenfeinden pfeifen sie mehrmals hintereinander." Der Adler steigt immer weiter, bis er nur noch als Punkt auszumachen ist. Mit zusammengekniffenen Augen schaut der Falkner ihm hinterher. "Die meisten denken, dass sie auf einen Pfiff oder eine Geste zurückkommt. Das ist purer Schwachsinn. Es ist allein ihre Entscheidung, ob sie zu mir zurückkehrt oder nicht. Dahinter steckt eine sehr enge Bindung."
Mitte der 70er Jahre wurden Gesetze geschaffen, um die Greifvogelhaltung streng zu reglementieren. Heute dient die Falknerei in erster Linie dem Greifvogelschutz und der -zucht, da viele Arten durch Umweltverschmutzung vom Aussterben bedroht sind. Zwei bis drei Stunden dauert die Adlerwanderung, dann streckt der Falkner seinen Arm in die Höhe. Aus dem Nichts erscheint die Adlerdame und landet auf Vögelis Lederhandschuh. Er legt ihr die Lederkappe auf den Kopf. Über Nacht kommen die Vögel in ihre Volieren. "Die Leute sind der Meinung, dass eine Voliere für diese Art von Vögeln zu klein ist. Aber sieh die Dinge, wie sie sind: In der Natur setzen sie sich in eine Felswand und verbringen dort die Nacht. Das Einzige, was sie benötigen, um sich wohl zu fühlen, ist Ruhe, Sicherheit und Schutz vor Wind und Regen." Am Abend füttert der Falkner seine Vögel mit Fleisch vom Wildfang oder vom Metzger. "Bei Sonne fressen sie mehr als bei Regen."
Im Winter haben die Vögel Pause. Vögeli geht mit seinem Vogel jagen. "Wir betreiben Hochgebirgsjagd. Wir setzen uns hoch oben in die Felsen und warten, bis am Morgen die Gämse kommen. Dann lasse ich den Adler von meiner Faust springen und die Gams jagen, wie in der Natur." Der Adler frisst die Organe und Läufe. Der Falkner bekommt die genießbaren Teile der Beute. Zu Hause warten Vögelis richtige Ehefrau und seine drei Kinder auf ihn. "Viele denken, dass die Falknerei ein Familienhobby ist. Aber sieh die Dinge, wie sie sind: Es ist genau das Gegenteil. Adler sind monogam. Man geht mit dem Vogel eine Ehe ein, also eine sehr enge Beziehung. Man muss ihn pflegen, ihn putzen und ihn füttern. Da ist aus seiner Sicht kein Platz für eine zweite Frau. Meine Adlerfrau würde meine menschliche aus Eifersucht töten, wenn sie sie sähe."