Raus aus dem Betonverlies

Am Ende ging es auf einmal schnell: Fünf Jahre hatten Tierschützer versucht, die Braunbärin Franca aus den Händen ihrer Vorbesitzer in Frankreich, einem Schaustellerpaar im Département Loir-et-Cher, zu befreien. Dort wurde sie mit zwei anderen Bären in einem dunklen Verschlag auf Betonboden und schimmligem Stroh gehalten. Nach langem Kampf mit den Behörden konnte Franca im Dezember endlich in ein gutes Zuhause gebracht werden: Der Alternative Wolf- und Bärenpark Schwarzwald liegt bei Freudenstadt und bietet Tieren aus nicht artgerechter Haltung einen angemessenen Lebensraum. Der Park hat umzäunte Freianlagen für die misshandelten Tiere. Zurzeit leben auf zehn Hektar Waldfläche neun Braunbären, zwei Luchse und fünf Wölfe als Rudel.

Die nicht artgerechte Haltung von Bären ist kein Einzelfall. Auf der Warteliste für die Aufnahme in den Park stehen momentan zwölf Tiere allein aus Deutschland. Diese stammen aus Privatbesitz ungeeigneter Personen oder sind Schaubären, die zum Beispiel in Burggräben von Museumsschlössern gehalten werden. Zirkusbären sind darunter oder ausgewachsene Bären aus Tierparks, in denen sie als Babys eine Attraktion waren. Für die Aufnahme in den Bärenpark werden "diejenigen Tiere ausgewählt, bei denen die Not am größten ist", sagt Bernd Nonnenmacher, der Geschäftsführer. Im Park können zwölf Bären untergebracht werden, aber die Altersmischung muss stimmen, da es bei einer Haltung von zu vielen jüngeren Tieren zu Schwierigkeiten kommen kann, so ähnlich wie bei Teenagern. Männliche Bären werden bei Aufnahme kastriert. Da die aufgenommenen Bären praktisch alle Verhaltensstörungen und Erkrankungen haben, ist das Zusammenleben nicht immer friedlich. Da sie oft auf viel zu engem Raum gehalten wurden, zeigen die Tiere Verhaltensauffälligkeiten, die sie abzulegen lernen müssen. "Wir versuchen, dass die Tiere wieder zum Bär zurückfinden, zum natürlichen Verhalten", sagt Nonnenmacher. Sie sollen durchaus auch Herausforderungen erleben. Die Freianlage hat steile Hänge. Feste Fütterungszeiten und Futterplätze gibt es nicht. So sind die Tiere gezwungen, meist zum ersten Mal in ihrem Leben, die Nase einzusetzen, sich für Futter zu bewegen und es zu suchen. Außerdem sind da die natürlichen Nahrungskonkurrenten, Wölfe und Luchse. "Damit sind die Wölfe unsere Therapeuten, wodurch Instinkte wieder erwachen und Stress entsteht, aber ohne Stress geht es nicht." Da werden schon mal Birken umgeknickt, was für Beobachter spektakulär aussieht, unter den Tieren aber normal ist: Sie kennen ihre Grenzen und gehen Verletzungen aus dem Weg. Die Arbeit ist für Nonnenmacher "mehr Berufung als Beruf, da du praktisch nie freihast". Zu wirklich kritischen Situationen sei es bisher nie gekommen. Die kritischsten Lagen entstehen dann, wenn ein Tier betäubt werden muss, beispielsweise für eine Tierarztbehandlung oder Transporte.

Der berühmteste Parkbewohner ist die Braunbärin Jurka, die Mutter von Bruno, der 2006 aus dem Trentino nach Deutschland gekommen ist und als wildernder "Problembär" erschossen wurde. "Für einen Zirkusbären ist der Park das Paradies, für Jurka eine Katastrophe, denn sie weiß, dass es hinter dem Zaun weitergeht." Ihr Schicksal liegt dem Betreiber besonders am Herzen, da sie ein Symbol dafür ist, was der Mensch schlecht gemacht hat: Jurka wurde in Slowenien gefangen und in Italien ausgewildert, wo sie angefüttert wurde, damit Touristen sie vom Hotel aus beim Frühstück beobachten konnten. Dieses Verhalten hat sie an ihre fünf Nachkommen weitergegeben, weshalb alle zu "Problembären" wurden. Vier sind inzwischen erschossen worden. Der Parkleiter hält das Anfüttern für gefährlich, da es solche Kettenreaktionen auslöst, die für die Tiere in der Katastrophe enden.

 

"Wir sind kein Tierpark, sondern ein Tierschutzprojekt", erklärt er. Besucher sind zwar ausdrücklich erwünscht und sollen Bären, Wölfe und Luchse auch sehen, sie sollen aber den Park möglichst nachdenklich verlassen und sich Fragen stellen, zum Beispiel ob es sinnvoll ist, sich im Zirkus Wildtiere anzusehen, im Freizeitpark Tiere zu füttern oder Wanderwege zu benutzen, auf denen man bekanntermaßen Bären begegnet. Nonnenmacher ist Quereinsteiger, während die meisten seiner dreißig festen Mitarbeiter und viele Ehrenamtliche Biologen sind. Er hat den Park bei einem privaten Besuch kennengelernt. Nach seinem Jurastudium hatte er lange in einer Unternehmensberatung gearbeitet, bis er durch seinen Sohn auf die ausgeschriebene Stelle des Parkleiters aufmerksam wurde. Heute reist er durch Deutschland und Europa und schaut sich die Haltung von Bären an, auf die besorgte Bürger, Urlauber oder Tierschützer aufmerksam machen. Der Park wird im Wesentlichen durch die Stiftung für Bären und Spenden finanziert, auch Eintrittsgelder tragen zur Erhaltung bei. 2019 brachten 85 000 Besucher - eine Familie bezahltdurchschnittlich 25 Euro - die Einnahmen.

Wenn Tiere nicht artgerecht gehalten werden, sind inzwischen auch oft Facebook, Instagram und Youtube hilfreich: Franca wurde von ihren Besitzern auf Mittelaltermärkten und bei der Eröffnung von Sportstudios gegen Geld vorgeführt. Regelmäßig wurden seit 2014 die Behörden informiert, Petitionen von Tierschützern geschrieben. Leider hatten auch Klagen französischer Tierschutzorganisationen keinen Erfolg. Aber als dann Tierschützer heimlich filmten, wie Franca in ihrem Verschlag gehalten wurde, diesen Film auf Youtube posteten, war die Aufmerksamkeit groß, das Video wurde oft geteilt: Die Bärin hatte von Maden befallene Wunden, kaute zahnlos auf den Gitterstäben. Ihr Futter war verfault. Der Druck wurde so groß, dass die Behörden sofort beschlossen, die Bärin den Besitzern zu entziehen. Franca ist noch immer in der Eingewöhnungszeit. Ob sie sich jemals von der schrecklichen Vergangenheit ganz erholen kann, bleibt abzuwarten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Max Laufer

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