In der Not ist ein Mensch zerbrechlich

Und bleiben Sie gesund!", ruft Rita Willems jedem hinterher, der geht. So auch dem etwa 1,70 Meter großen, braungebrannten Mann mit freundlichem, wenn auch leicht schüchternem Blick. Er, Anfang 60, trägt eine dunkle Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Wenn man ihm auf der Straße begegnen würde, würde man nicht erkennen, dass er bedürftig ist. In der katholischen Pfarrei Maria Schutz in Kaiserslautern wird Menschen geholfen, die selbst nicht genug Geld haben, um sich und ihre Angehörigen zu versorgen. An Wochentagen können sie hierherkommen, um sich mit Brot sowie Wurst oder Käse und manchmal auch mit etwas Süßem zu versorgen. "Das war hier schon immer Tradition", sagt Pastoralreferent Andreas Braun. Seit Eröffnung des anliegenden Klosters 1927 wurde an der Pforte Essen an Arme verteilt. Vor acht Jahren wurde das Kloster geschlossen, doch das Angebot wurde von der Pfarrei fortgeführt.

Neben den Sekretärinnen des Pfarrbüros kümmern sich ehrenamtliche Helfer wie Rita Willems um die Essensausgabe. Den Notleidenden fehlt es aber nicht nur an Lebensmitteln, sondern häufig auch an sozialen Kontakten. Für einige, die regelmäßig zur Armenspeisung kommen, sind ihre Unterstützer in der Not die einzigen Bezugspersonen. Ihrer Verantwortung sind diese sich sehr wohl bewusst. "In einer Not ist ein Mensch immer zerbrechlich", erklärt Maria Obermayer, Sakristanin der Pfarrei.

Heike Mackowiak-Brachtendorf, Leiterin des Sekretariats, erzählt vom Besuch eines Mannes, der die Hilfe der Pfarrei zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre in Anspruch genommen hatte. Er sei aufgeregt in das Büro gekommen und habe nach einem Pfarrer gefragt, der mit ihm das Vaterunser beten könne. Kein Pfarrer war zugegen, deswegen habe sich Frau Brachtendorf selbst bereit erklärt, dies zu übernehmen. Während er auf dem Boden gekniet hat, hat sie das Gebet gesprochen. "Das hat ihm irgendwie Kraft gegeben", erinnert sie sich. Es sei eine riesige Überwindung gewesen, das erste Mal herzukommen, berichtet ein junges Ehepaar. Mittlerweile empfinden sie es nicht mehr als Schande, Hilfe anzunehmen. "Das sind ja alles nette Leute", so der Vater dreier Kinder. Beide Elternteile sind arbeitssuchend, und das Geld der Sozialhilfe wird vor allem am Monatsende knapp. "Wir kommen dann hierher, wenn der Kühlschrank mal leer ist", erzählt er weiter. Die Mitarbeiter bestätigen, dass die Anzahl der Bedürftigen im Laufe des Monats steigt. Die Menge an Besuchern ist aber im Allgemeinen schwankend, wobei es in stark frequentierten Zeiten schon vorkommt, dass bis zu 60 Menschen am Tag mit Lebensmitteln versorgt werden.

Finanziert wird die Armenspeisung durch Sach- und Geldspenden. Die Tafel Enkenbach bei Kaiserslautern schickt im Regelfall überschüssiges Brot weiter an die Pfarrei. Hilfe von Privatpersonen wird natürlich dankend angenommen, gerade im Winter ist die Nachfrage nach Decken hoch. Allerdings bezahlt die Pfarrei auch einen Teil der Lebensmittel aus eigener Kasse. Die Finanzierung wurde aber besonders zu Beginn der Corona-Pandemie deutlich erschwert. Auf die Spenden seitens der Tafel konnte nicht mehr zurückgegriffen werden. Jedoch zeigten die freiwilligen Helfer gerade in diesem Moment großes Engagement. Sie steuerten selbst Lebensmittel bei, und so konnte das Ausbleiben der Sachspenden aufgefangen werden. Zusätzlich organisierte die Pfarrei die Versorgung von Risikopatienten zu Zeiten der größten Einschränkungen durch die Pandemie. Mitglieder der Pfarrei erklärten sich bereit, Lebensmittel für jene einzukaufen. Vor allem Senioren blieb der Weg in die überfüllten Supermärkte erspart.

Der allergrößte Teil der Bedürftigen zeigt sich extrem dankbar für die Versorgung mit Lebensmitteln. Einmal sei ein Mann im Herbst vorbeigekommen, schildert Frau Brachtendorf, und habe bemerkt: "Mein Gott, habt ihr da Laub." Darauf habe er angeboten, die Wiese vom Laub zu befreien, er brauchte nur einen Rechen. Darüber, dass er helfen konnte, habe er sich unglaublich gefreut. Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist schließlich fast noch schöner als das Gefühl, Hilfe zu bekommen. Doch nicht alle Bedürftigen sind so herzlich. "Manche versuchen es auch auszunutzen", berichtet Karin Piastowski, eine der vier Sekretärinnen der Pfarrei. Diese würden dann teilweise nach Geld für den Bus fragen oder noch mehr Lebensmittel verlangen, wenn sie die vorbereiteten Tüten für weitere Bedürftige sehen. Andere kämen alkoholisiert oder nach Einnahme von Drogen vor die Tür. In diesen Momenten müsse man auch mal klare Grenzen setzen. Die Armenspeisung hilft armen Menschen, über den Tag zu kommen, aber die Ressourcen sind nicht groß genug, um das ganze Leben der Menschen zu finanzieren.

Von diesen kleinen Zwischenfällen abgesehen, sind die Helferinnen und Helfer erfüllt von ihrer Tätigkeit. Hinter ihrem Engagement stehen insbesondere christliche Motive. "Den Ärmsten zu helfen ist eine Form, Gott zu begegnen", erklärt Andreas Braun. Darüber hinaus gebe es ihnen "das Gefühl, etwas getan zu haben", sagt Rita Willems. Die heutige Rentnerin hat viele Jahre als Krankenschwester gearbeitet, das Helfen steckt ihr gewissermaßen im Blut. Nach ihrer beruflichen Karriere wollte sie sich unbedingt weiter sozial engagieren. "Ich mache es lieber als Putzen", schmunzelt sie. Dass sie ihrer Tätigkeit hier gerne nachgeht, wird im Umgang mit dem jungen Ehepaar vom Anfang deutlich.

"Haben Sie auch Leberwurst?", fragt die Frau nach der Begrüßung. Frau Willems muss sie leider enttäuschen, aber heute sei noch etwas ganz Besonderes reingekommen. "Wir haben Berliner, wollen Sie welche?" Mit strahlendem Gesicht nimmt die Frau das Paket entgegen. Nachdem ihnen auch Brötchen und Wurst ausgegeben wurden, verabschieden sie sich freundlich mit einem Lächeln auf den Lippen. Kurz bevor sie den Vorraum und somit das Gebäude verlassen, ruft ihnen Frau Willems hinterher: "Und bleiben Sie gesund!"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Moritz Rödel

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