Ältere Konkurrenz ist weniger verbissen

Mehr als hundert erste Plätze in allen Arten von Wettkämpfen zwischen Kreis- und Weltmeisterschaft, dazu ungezählte Zweit- und Drittplazierungen. Wer die Liste der Erfolge von Martina Greithanner lesen will, sollte Zeit mitbringen. Denn in bald 30 Jahren Diskuswurf und Kugelstoßen kommt einiges zusammen. Ihre Sportlerkarriere begann die Bad Neustädterin ganz typisch in einem Leichtathletikverein. Geboren 1974, startete sie in einem 500-Seelen-Dorf im Mehrkampf, bald kam sie zu den Wurfdisziplinen Kugelstoßen und Diskuswurf. Denn die sind in der Gegend rund um Holzkirchen in Oberbayern weit verbreitet. Sie war gut, reiste zu Wettkämpfen, wurde erst bayerische, dann süddeutsche Meisterin, schließlich viermal deutsche Mannschaftsmeisterin. "Der richtig große Wurf gelang mir aber nie", sagt sie heute. Mit Ende zwanzig endete die Zeit in der Nationalmannschaft. "Sieben Jahre, also von 1991 bis 1998, war ich dort aktiv. Man verlässt die Nationalmannschaft übrigens nicht, man wird nur nicht mehr nominiert, wenn die Leistungsentwicklung nicht so ist."

Sie nahm sich vor, nie wieder Leichtathletik zu betreiben, wurde Lehrerin für Sport und Latein und landete schließlich am Gymnasium in Münnerstadt, einem nicht weniger beschaulichen Städtchen in Unterfranken. Hier im Sportverein wurde festgestellt, "dass die Lehrerin der Kinder doch einen entsprechend günstigen Hintergrund hat", als man eine Leichtathletik-Seniorenmannschaft aufstellen wollte. "2010 wurde ich also reaktiviert, da habe ich festgestellt, dass ich altersmäßig doch sehr, sehr gut dabei bin." Prompt stellte sie bei einem regionalen Wettkampf den unterfränkischen Rekord im Kugelstoßen auf. Noch heute ist sie auf Listenplatz 3 von Bayern, hinter zwei Sportlern aus ihrem Heimatlandkreis. "Schließlich war ich nie nicht fit, und die Technik beherrsche ich halt." Dennoch betrachtet sie ihr Abschneiden bei den jüngeren Aktiven mit "einer gewissen Befriedigung", wie sie sagt. Tatsächlich geht sie zwei- bis dreimal in der Woche ins Fitnessstudio. Was trainiert wird, ist abhängig von der Jahreszeit, sie macht Krafttraining und Stabilisationsübungen für Bauch und Rücken. Dazu kommen ab dem Frühjahr zwei wöchentliche Leichtathletik-Trainingseinheiten. Auch wenn es insgesamt weniger Training ist, so könne sie ihr Niveau halten. "Sowieso sind der Diskuswurf und auch das Kugelstoßen sehr techniklastig, das dauert zwar ewig, bis man die Bewegungen und Abläufe drin hat, aber dann kann man sie", ist Greithanner sicher. Einen Trainer hat sie nicht mehr, stattdessen zeichnet sie sich mit einer Kollegin gegenseitig auf Video auf, um die Technik zu optimieren. Seit ihrem Comeback 2010 trat sie bei einigen Seniorenwettkämpfen an, wie bei der europäischen Seniorenmeisterschaft in Zittau, wo sie 2012 den ersten Platz im Diskuswurf erreichte und mit dem zweiten Platz im Kugelstoßen nachzog.

2013 schließlich ging es für Martina Greithanner nach Porto Alegre in Brasilien zur Weltmeisterschaft, wofür sie von ihrem schulischen Dienst freigestellt wurde. Generell lasse sich ihr Hobby gut mit ihrem Beruf verbinden. Viele regionale Wettkämpfe sind am Wochenende, die größeren oft während der Ferien. In Porto Alegre schlug ihre Kugel nach 13,13 Metern auf, der Diskus landete nach 44,10 Metern. Beides reichte für den ersten Platz der weiblichen Senioren in der Altersklasse 35 bis 39 Jahre. Eine Weltklasseleistung, über die sie allerdings nur kurz und wenig stolz erzählt.

Dabei mag sie die Seniorenmeisterschaften besonders gern, die Stimmung sei einfach viel lockerer. "Klar hat man Konkurrenz, aber es ist weniger verbissen. Die Teilnehmer sind Leute, die oft nie richtig top waren, welche aber mit Begeisterung immer dabeigeblieben sind." Trotzdem wird natürlich nach allen Regeln der Kunst gewetteifert. Das mag auch damit zusammenhängen, dass man sich einfach selbst anmelden kann, man muss nicht zur obersten Spitze einer Nation gehören. Während im Juniorenbereich vom Flugticket bis zum Trikot für alles gesorgt sei, muss die Seniorenklasse dagegen alles selbst finanzieren, dazu kommen 90 Euro Startgebühr.

Dafür entstehen ansonsten kaum Kosten. Zum Mitgliedsbeitrag für den Sportverein kommen Wurfschuhe und eigene Geräte. "Die hat man dann aber ein Leben lang, so eine Kugel nutzt sich ja nicht ab." Auch Martina Greithanner nutzt immer noch dieselben Disken und Kugeln wie in ihrer Jugend, schließlich hat sich seitdem kaum etwas verändert, die Kugel ist rund und vier Kilo schwer geblieben, auch beim 1000-Gramm-Diskus ist alles beim Alten. Beide Disziplinen existieren seit den antiken Olympischen Spielen, allerdings messen sich die Frauen erst seit 1928 nach olympischen Regeln.

Nennenswert verletzt hat sie sich nie, was daran liegt, dass sie Disziplinen betreibt, die "wenig Verschleiß" mit sich bringen. Deswegen kann sie von über 90-jährigen Sportlern berichten, die immer noch ernstzunehmend Diskuswurf oder Kugelstoßen betreiben. Die Pausen, zu denen sie gezwungen war, rührten immer von Verletzungen, die beim Basketball oder Skifahren entstanden sind.

"Beim Diskuswurf spielt der Wind eine ganz entscheidende Rolle. Deswegen haben an der Nordsee viele besonders gute Leistungen." Die internationalen Meisterschaften finden zweimal jährlich statt, aber Martina Greithanner nimmt nur an den Sommerkämpfen teil. "Man kommt trotzdem unwahrscheinlich rum." Natürlich erlebt man auch allerlei. Vergangenes Jahr in Venedig, da war das Wetter derart schlecht, dass die Athleten in Mülltüten als Regenjacken herumliefen, wie Greithanner beschreibt, "und der Diskus als Matschklumpen zurückkam". Der Weg zum Auto musste dann in knietiefem Wasser zurückgelegt werden, "und knietief ist hoch bei mir", sagt die 1,90 Meter große Athletin. Gern verbindet sie die Meisterschaften mit Urlaub, heuer hätte sie sich auf zwei Wochen Kanada nach der WM in Toronto gefreut. "Da ist leider Corona dazwischengekommen. Dabei wäre ich heuer richtig fit gewesen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Christoph Dürr

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