Fliegen und Fallen in Rekordzeit

Alles ist still, die Bahnradfahrerinnen sind konzentriert und angespannt. Mit einem Klack-Klack rasten die Schuhe ein, das womöglich schönste Geräusch für eine Rennradfahrerin. Der Countdown ertönt: 5,4,3,2,1. Der Startschuss fällt, und plötzlich hört man nur noch anfeuernde Menschen in der Halle. Dieses Gefühl begleitete auch die 18-jährige Vizeweltmeisterin Katharina Albers während der Bahnrad-WM im August 2019 in Frankfurt (Oder). Die 177 Zentimeter große gebürtige Hamburgerin machte ihre ersten Erfahrungen auf dem Rad im Alter von 13 Jahren auf der Straße. "Damals hatte ich nur ein Mountainbike, und das hat beim ersten Mal überhaupt keinen Spaß gemacht", erzählt sie. Ihr zwei Jahre älterer Bruder Tim Albers brachte die junge Sportlerin des Heinrich-Heine-Gymnasiums in Kaiserslautern, einer Eliteschule des Sports, zu dem, was sie heute liebt und lebt - dem Radsport.

Im Juni 2018 hatte sich die Schülerin dazu entschlossen, ihre Heimatstadt zu verlassen, um im etwa 600 Kilometer entfernten Kaiserslautern eine Probewoche im Internat der Eliteschule zu absolvieren. Nach fünf Trainingseinheiten auf der Straße unter Trainer und Internatsleiter Josef Schüller, etwa 15 Stunden harter Arbeit und einem abschließenden Gespräch stand die damals 17-Jährige vor einer neuen Herausforderung in einer zweiten Heimat. Die Hamburgerin zog im August 2018 nach Rheinland-Pfalz und wechselte zugleich in ihre neue Disziplin: Bahnradsport. Antrittstraining, Kraft- und Athletiktraining sowie Stretching stehen unter anderem auf dem Plan der muskulären, stämmig gebauten Schülerin. Unter freiem Himmel wird auf der Radrennbahn in Dudenhofen bei Speyer, etwa 50 Kilometer östlich von Kaiserslautern, trainiert. Man findet sie auch in Frankfurt (Oder) auf der Bahn, etwa 720 Kilometer von Kaiserslautern entfernt. Ansonsten trainiert sie im Athletikraum der Eliteschule des Sports.

Katharina hat einen Traum, den sie mit vielen jungen Sportlerinnen teilt: Profisportlerin werden und ein Vorbild sein. "Ich möchte jungen Sportlern und Sportlerinnen zeigen, dass man sein Ziel erreichen kann, auch wenn man erst im Jugendalter mit dem Leistungssport anfängt." Dass sie von ihrem Sport finanziell gesehen wohl nie richtig leben kann, ist im Moment nicht relevant. "Positiv ist aber, dass wir von der Deutschen Sporthilfe und der Sporthilfe Rheinland-Pfalz unterstützt werden. So verdienen wir auch nebenbei ein bisschen Geld", betont die blonde Frau. Auch vor möglichen Verletzungen schreckt sie nicht zurück. "Man muss sich vor Augen führen, dass Verletzungen passieren können, wenn man Spitzensport betreibt. Das gehört eben dazu."

Um ihren Traum Realität werden zu lassen, sind hartes Training und Disziplin das A und O. Die ehrgeizige Sportlerin trainiert sechsmal in der Woche unter Leitung von Trainer Frank Ziegler und Physiotherapeutin Alexandra Welte. Zusätzlich zu ihrem normalen Trainingsplan legt Katharina jeden Morgen eine Extraeinheit Stabilitätstraining ein. Sonntags hat sie dann einen Ruhetag. "An solchen Tagen fahre ich entweder auf der Rolle, um zu regenerieren, oder mache eine Stretching-Einheit." Rollen sind bei Radsportlern ein beliebtes Trainingsgerät. Es handelt sich hierbei um ein Gestell, in das drei miteinander verbundene Rollen eingelassen sind. Man tritt quasi auf der Stelle.

Doch wie sah das Training während der Covid-19-Pandemie aus? Ab dem 16. März verbrachte Katharina sieben Wochen zu Hause in Hamburg. Ausdauertraining auf der Straße und Kraftraum waren das Ersatzprogramm für die Bahnfahrerin. "Zu Hause habe ich mir meinen eigenen Kraftraum erstellt, ein kleiner Ersatz für den Athletikraum in Kaiserslautern", erklärt Katharina. Seit dem 4. Mai ist die Eliteschule des Sports für Abschlussklassen wieder geöffnet, der Trainingsbetrieb für Radsportler erneut aufgenommen worden. Für Katharina ein großer Motivationsschub. Trainiert wird in Zweiergruppen mit Trainer Ziegler, sowohl im Athletikraum als auch auf der Bahn in Dudenhofen, natürlich alles unter Einhalten der Sicherheitsmaßnahmen. Die künftige Abiturientin trainiert während Corona-Zeiten etwa drei bis vier Stunden am Tag, danach heißt es ab an den Schreibtisch und lernen.

Nicht nur im Sport ist die Hamburgerin ambitioniert, auch in der Schule bringt sie trotz des vielen Trainings gute Leistungen. "Unsere Schule hilft einem, so gut es geht, beides unter einen Hut zu bekommen. Dank einer tollen Kooperation zwischen Schule, Internat und Sport ist es möglich, sich auf alles konzentrieren zu können." Zu verdanken ist dies Schulleiter Ulrich Becker und Sportzweigleiter Jan Christmann. "Die Lehrer akzeptieren ebenfalls den Sport und versuchen uns bestmöglich zu unterstützen." Etwa 400 Schulstunden verpasst sie im Schuljahr. In dieser Zeit trainiert sie auf Lehrgängen oder ist auf Wettkämpfen unterwegs. Zwei Jahre ist sie nun im Bahnradleistungssport tätig. Nach nur einem Jahr in dieser Disziplin trat sie im August 2019 bei der Weltmeisterschaft in Frankfurt (Oder) an und erzielte eine neue persönliche Bestzeit von 11,4 Sekunden in der Sprint-Qualifikation auf 200 Meter "fliegend". Fliegend bedeutet, dass die Radfahrerinnen zwei Runden zur Vorbereitung an der oberen Bande der Rennbahn fahren um ihre Geschwindigkeit aufzunehmen. Anschließend "fallen" sie von der Bande ab und fahren ab einer 50-MeterKurve 200 Meter auf Zeit.

Ihren bisher größten Erfolg feierte Katharina bei dieser Weltmeisterschaft. Mit Alessa-Catriona Pröpster und Christina Sperlich wurde sie Vizeweltmeisterin im Teamsprint. "Im Halbfinale fuhren wir die schnellste Zeit und wussten, eine Medaille haben wir sicher. Im großen Finale war das chinesische Team noch etwas stärker, trotzdem kein Grund, um traurig zu sein. Wir waren überwältigt und einfach nur glücklich. Ein richtiger Gänsehautmoment!" Den krönenden Abschluss gab es im Januar 2020 als sie vom Bahn-Team Rheinland-Pfalz zur Nachwuchssportlerin des Jahres 2019 gewählt und in die Nachwuchseliteförderung der Deutschen Sporthilfe aufgenommen wurde. Über ihre Zukunft spricht sie eher verhalten, aber zuversichtlich.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Mara Reiter

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