Heißen, geschmolzenen Käse auf die Hose zu kriegen gilt generell als unvorteilhaft, weswegen man den Schweizer Klassiker, das Käsefondue, meistens an risikolosen Orten, wie gemütlichen Gasthäusern oder auf Berghütten, speist. Die Abenteuerlust des Landwirts Sandro Scherrer nahm vor einigen Jahren jedoch gegenüber der Tradition die Überhand und ermöglichte die Kreation einer Fonduedegustationsvariante: Durch holprige Pässe und hügelige Wiesen fährt eine Kutsche, deren Beifahrer, von traditionellen Schweizer Gesängen des Kutschers begleitet, Fondue essen. Der Hof des 53-jährigen Schweizer Bauern liegt in Dietfurt im ländlichen Toggenburg im Kanton St. Gallen. Zu seinem geliebten Vieh zählen nebst Rindern, Milchkühen und Schweinen auch ein rundes Dutzend Pferde.
Manchmal sanft, dann wieder kräftig geformt ist die Landschaft im Toggenburg - eine für ihre weiten Wiesen und hohen Berge, wie den mehr als 2200 Meter hohen Frümsel, bekannte Urlaubsregion in der Ostschweiz. Mit etwas mehr als 4000 Einwohnern gilt Dietfurt selbst für schweizerische Verhältnisse als ein relativ überschaubares Örtchen.
Scherrer macht einen gelassenen Eindruck, er scheint sich an Interviews gewöhnt zu haben. "Diesen Monat allein habe ich bereits vier Zeitungsanfragen erhalten." Die Familie bietet seit 25 Jahren Kutschenfahrten an, seit zwölf Jahren auch mit eingebautem Fonduetopf. In einem mittelgroßen Kessel wird die Schweizer Käsemischung, etwa Emmentaler und Gruyère, mit Strom erhitzt. Das Brot ist in einem separaten Teller angerichtet. Zunächst wartet man als Gruppe von bis zu acht Personen am Bütschwiler Bahnhof. "I chas kum erwarte", sagt die siebenjährige Joana, die mit ihrer Mutter Lydia und ihrer Schwester Nadine in die Kutsche steigt.
Sandro in roter Kutschermontur begrüßt sie mit seinem Sohn. Der Käse ist heiß, das Brot geschnitten, und die Pferde sind bereit loszutraben. In angenehmer Geschwindigkeit von ungefähr zehn Stundenkilometern gleitet die Kutsche über die Wiesen, die Erwachsenen genießen Weißwein, die Kinder hausgemachten Apfelsaft. Die Kutsche ist mit ungefähr zehn Quadratmetern überraschend geräumig.
Auf die Frage, wie es möglich ist, die Kutsche so sanft über den holprigen Feldweg zu lenken, sagt Scherrer: "Das liegt an den Achsen, die speziell für ungleichmäßige Straßen geeignet sind." Die Kutschenfahrten seien anfangs nur als Arbeitsmöglichkeit für die Pferde im Winter gedacht gewesen. Man wollte sie nicht ohne Auslauf im Stall lassen. Heute zählt Sandro auch Gäste aus dem Ausland, teils aus Übersee, zu seinen Kunden. Der Austausch gefalle ihm mitunter am besten an den Fahrten: "Man trifft Menschen aus allen Altersgruppen an, und alle müssen dann zusammen auf engem Raum miteinander auskommen."