Lieber mit Spickschutz

Lachend kommen die Zehnjährigen vom Sportunterricht zum Klassenzimmer. Die Turnsäcke werden aufgehängt, dann raufen die Schüler gleich wieder weiter. Glücklicherweise gelten die Abstandsregeln nur zwischen dem Lehrer und den Schülern. Es ist der erste Tag seit gut zwei Monaten, dass die ganze 4. Klasse wieder im Schulhaus Hagen in Illnau im Zürcher Oberland ist. Seit dem 11. Mai hatten die Schüler jeweils in Halbklassen zweieinhalb Tage in der Schule Unterricht, die restliche Zeit gab es Homeschooling. Dabei lief es meist so ab, dass die Schüler einen Auftrag bekamen, diesen teilweise in der Schule abholen und dann bis 16 Uhr der Lehrperson zukommen lassen mussten.

"Normalerweise hoffen die Schüler auf schulfreie Tage, beispielsweise wegen großer Hitze, doch nach so langer Zeit merkt man, dass sie sich auf die Schule freuen", sagt Klassenlehrerin Iris Kenzelmann. Sie öffnet die Tür, alle stellen sich beim Waschbecken an, um sich die Hände zu waschen. Vor dem Lehrerpult steht eine Plexiglasscheibe, zwischen den Schreibtischen sind aufklappbare Kartons befestigt, die normalerweise als "Spickschutz" verwendet werden. Diese halten die Schüler nicht davon ab, laut zu schwatzen, doch die zierliche Lehrerin bringt sie zur Ruhe.

In jeder Primarschulklasse gibt es verschieden starke Schüler, das Leistungsgefälle wurde durch die Corona-Krise verstärkt. Amira (alle Schülernamen geändert), ein aufgewecktes, dunkelhäutiges Mädchen, hatte wenig Probleme in der Zeit zu Hause. Selbstbewusst erzählt sie: "Meine Eltern mussten mir nicht helfen, ich habe nämlich selbständig gearbeitet." Die Zeit fand sie jedoch trotzdem "blöd", da sie ihre Klassenkameraden lange nicht gesehen hat. Sie hat das Gefühl, dass sich eventuell der Zusammenhalt geschwächt haben könnte. Diese Befürchtungen hat Nico nicht. "Ich habe die Klasse zwar vermisst, aber es war nicht wirklich schlimm, da ich mich mit meinen Freunden trotzdem getroffen habe." Normalerweise hat er Probleme, sich zu konzentrieren, dies hat sich zu Hause anscheinend verbessert. Dadurch, dass weniger Leute um ihn herum waren, konnte er seine Aufgaben gut und schneller lösen. "Deshalb fand ich die Halbklassen auch gut."

Dieser Meinung ist auch Iris Kenzelmann: "Ich hätte auch nichts dagegen, weiterhin in Halbklassen zu unterrichten. Man hat so die Möglichkeit, persönlicher mit den Kindern zu arbeiten und den Stoff, den sie zu Hause nicht erarbeitet haben, nachzuholen." Dies war auch wichtig, denn die Leistung der Kinder hing in dieser Zeit mehr als sonst von ihren Eltern ab. Die Mehrheit in Illnau gehört zur oberen Mittelschicht. Für viele Eltern war es schwierig, neben ihrer eigenen Arbeit die Kinder zu beschäftigen und beim Lernen zu unterstützen. Kinder, deren Eltern viel oder aber gar nicht im Homeoffice arbeiten mussten, waren deutlich im Nachteil. Eine von ihnen ist Valeria. Für ihr Alter ist sie schon ziemlich groß, und das hilft ihr, wenn sie mit den Jungen rangelt. Während des Unterrichts wirkt sie eher unaufmerksam, denn statt die geschriebene Geschichte zu überarbeiten, redet sie lieber mit ihren Sitznachbarn. Etwas unkonzentriert und immer wieder auf die Klasse blickend, erzählt sie: "Ich habe nicht immer alles verstanden, und meine Eltern wollte ich nicht fragen, weil sie immer viel zu tun hatten. Ich konnte aber mit den Lehrern telefonieren, und sie haben mir dann geholfen." Auch die Tagesstruktur hing stark von den Eltern ab. Valeria lächelt verlegen: "Ich bin später aufgestanden und später ins Bett gegangen. Wenn ich in der Schule die Aufgaben abholen musste, bin ich um 8 oder 9 Uhr aufgestanden und um 23 Uhr ins Bett." Schulschluss. Alle verabschieden sich, indem sie die Hände in der Luft schütteln. Beim Herausgehen läuft jeder an dem Schild vorbei: "Ich komm rein, wasch meine Pfoten! Händeschütteln streng verboten! Ich halt Abstand von 2 Metern, kuscheln können wir später!"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH - Elena Messerknecht

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