Der kroatische Naturpark Risnjak ist eine bedrohte Märchenwelt. Von flüchtenden Luchsen, Abschüssen und seltsamen Souveniren.
Die Kvarner Bucht im Nordosten der Adria zieht jedes Jahr Hunderttausende Touristen an. Doch nur eine knappe Autostunde von den weltberühmten Badeorten Rijeka und Opatija entfernt liegt ein kleines Naturparadies, in das sich nur etwa 14 000 Besucher im Jahr verlaufen. Es ist der 1959 gegründete Nationalpark Risnjak. Auf einer Fläche von nur 64 Quadratkilometern, mit Wäldern und Bergen bis zu 1500 Meter hoch, wachsen an die 1000 unterschiedliche Pflanzen, leben Bären, Wölfe und eigentlich auch das Tier, das dem Park seinen Namen gab: der Luchs, kroatisch Ris.
Vier Ranger arbeiten im Park. Tanja Rankovic, die Chefin, ist auch für den Waldlehrpfad zuständig. Der ist etwa vier Kilometer lang und informiert über Fauna, Flora und auch ein wenig über die traditionelle Arbeitswelt der Region. Doch diese kleine Märchenwelt ist aus unterschiedlichen Gründen bedroht. So haben zum Beispiel Wind-, Eisbruch und saurer Regen in der Region zu massiven Schäden geführt. Tanja Rankovic ist jedoch mit ihrem Team optimistisch: "Man kann alles schaffen, wenn man sich das wirklich wünscht. Die Natur ist der wertvollste Schatz des Lebens, und der muss geschützt werden."
Danijel Popovic sieht das genauso. Der begeisternde Erzähler mit weißem Haar und fröhlichem Blick arbeitet derzeit an einem Buch über die Braunbären im Risnjak. 1948 wurde er in Crni Lug, dem kleinen Dorf am Eingang zum Nationalpark, geboren. Crni Lug, auf Deutsch etwa "Schwarzes Wäldchen", war ein typisches Dorf von Bauern, Handwerkern, Selbstversorgern. Heute leben jedoch nur noch etwa 200 Menschen, überwiegend Pendler, hier. Es gibt eine Grundschule mit insgesamt sechs Kindern, jedoch keinen Kindergarten mehr. Danijel Popovic zog es schon in jungen Jahren hinaus in die "große weite Welt". Doch nach Studien- und Arbeitsjahren als Designer und Journalist in Zagreb, Schweden, Finnland und wieder Zagreb entschied er sich 1997 bewusst dazu, mit seiner Frau und den beiden Söhnen nach Crni Lug zurückzukehren. Es war die Ruhe und saubere Umgebung, die er an seinem Heimatort schätzen gelernt hatte. "Und bei den technischen Möglichkeiten heute ist es fast egal, wo man als Designer arbeitet." Der Erfolg gibt ihm recht, denn die bekanntesten kroatischen Briefmarken stammen aus seinem Studio in Crni Lug, Entwürfe seiner Briefmarken wurden sogar im Vatikan eingereicht. Für die 2009 in Kroatien ausgetragene Handballweltmeisterschaft schuf er das Corporate Design. Und noch heute ist der 71-Jährige als Kapitän des kroatischen Ski-Teams der Journalisten sogar bei internationalen Wettbewerben sportlich aktiv.
Doch der Einsatz für seine Heimat liegt ihm besonders am Herzen, denn Popovic sieht die Entwicklung in der Region mit großer Sorge. Er fürchtet, dass der Nationalpark schon bald seine eigene Grundlage zerstören könnte. "Ich war 15 Jahre alt, als ich den ersten Bären hier gesehen habe. Heute kommen sogar Bärinnen mit ihren Kleinen bis auf fünf Meter an uns heran, wenn sie uns und unseren Geruch über eine längere Zeit kennengelernt haben und wir uns ruhig und gelassen verhalten." Auch Zeljko Stipec kann das bestätigen. Der 55-Jährige arbeitet seit Jahrzehnten als Briefträger in Crni Lug. "Doch er kennt nicht nur alle der etwa 200 Menschen im Ort, sondern auch etwa 40 Bärenfamilien", berichtet Popovic. "Die Tiere sind an sein Verhalten, seinen Geruch, sein Flüstern in ihrer Gegenwart gewöhnt. Wenn der Briefträger aber von einem Fremden begleitet wird, lassen die Bären sich nicht sehen, sondern halten vorsichtig Abstand."
So sei es bisher in der Region auch noch nie zu Zwischenfällen gekommen, "doch die Gefahr wächst, dass es zu Konflikten zwischen den Tieren und den Menschen kommt". Popovic erklärt das mit der großen Veränderung, die in der Region durch den Menschen stattgefunden hat. "Bis 1984 gab es noch 811 registrierte Kühe im Ort; Bergweiden wurden gemäht, auf den Höhen gab es Streuobstwiesen. Waldwege wurden vom Schnee geräumt, und für die Tiere wurde Futter ausgelegt. Dadurch fanden die Bären Nahrung in den Höhenlagen. In Crni Lug gab es früher keine Bäume. Heute ist die Landschaft bis an die Häuser mit Büschen zugewachsen. Das bietet den Bären viel Deckung, um fast unbemerkt bis ins Dorf zu kommen."
Zusätzlich sei der Bestand der Bären auf etwa 300 Tiere angewachsen. "Etwa 200 weibliche und etwa 100 männliche Bären gibt es hier. In vier Jahren könnten es 600 Tiere sein. Angemessen wäre aber nur eine Zahl von etwa 150 bis 200 Bären, bei einem Geschlechterverhältnis von 1 zu 1." Über die staatlich festgesetzte Abschussquote würden etwa 30 Tiere im Jahr erlegt. Der Abschuss von Bären aus kommerziellen Gründen nehme sogar immer weiter ab. "Die Trophäenjagd ist zu teuer, so dass sich dies nur reiche Leute leisten können. So war zum Beispiel auch schon der Formel-1-Rennfahrer Ralf Schumacher, der Bruder von Michael Schumacher hier." Die Kosten richten sich dabei nach der Größe der Trophäe. Danijel Popovic erzählt vom Fall eines tschechischen Jägers, der für den von ihm geschossenen Bären laut des staatlichen Punktesystems 400 000 Euro zahlen musste, was er aber nicht konnte. "Hinzu kommt, dass die Trophäen immer weniger interessant sind, weil kaum noch große Bären für den Abschuss heranwachsen. Denn durch den Populationsdruck wird die Nahrung für die Bären immer knapper. Das führt dazu, dass viele Bärinnen ihr stärkstes Junge töten und fressen, weil es die meiste Energie von den Müttern fordert." Deshalb schlägt Popovic eine ähnliche Lösung wie in Bosnien und Hercegovnia vor: "Der Abschuss eines Weibchens kostet dort etwa 50 Euro, der eines Männchens 100 Euro. Das ist erstens viel weniger als in Kroatien, es können sich also mehr Menschen die Jagd leisten. Und die Jäger schießen dann gerne zwei weibliche Bären statt ein Männchen. Dadurch wird die Population zusätzlich beeinflusst und reguliert."
Popovic erinnert die Situation im Risnjak an Regionen Afrikas, wo Elefanten ihre Lebensgrundlage buchstäblich auffressen. Kroatische Wissenschaftler waren deshalb in Kenia, um Schlussfolgerungen für Kroatien daraus zu ziehen. Schon heute sei der Name des Nationalparks Risnjak, der sich auf das Wappentier, den Luchs bezieht, kaum noch gerechtfertigt: "Durch den strikten Schutz der Wölfe wurde der Druck auf die Luchse so groß, dass selbst ausgewilderte Tiere in kürzester Zeit den Park und die Region verlassen haben. Da muss dringend eine Lösung gefunden werden."
Auch Popovic weiß, dass sein Ziel, die Region zu schützen, nur mit großen Anstrengungen erreicht werden kann: "Wir müssen ein Umdenken fördern, in die Wiederherstellung der alten Kulturlandschaft investieren, die Natur, Fauna und Flora pflegen und hegen, den Tierbestand bewusst und planmäßig regulieren. Nur so kann der Nationalpark Risnjak seinen typischen Charakter erhalten." Er möchte mit gutem Beispiel dazu beitragen. Mit seiner Frau und der Familie seines Sohnes Goran hat er parallel zu dem Design-Studio einen Gastwirtschaftsbetrieb aufgebaut, in dem er ausschließlich Produkte der Region anbietet. Zusätzlich hat er eine kleine Plantage mit Blaubeeren angelegt, in der für regionale Märkte aufwendig geerntet wird. Für die Werbung für den Risnjak und die Region hat er sich im Austausch mit einem schwedischen Wissenschaftler ein kurioses Souvenir ausgedacht: ein 15 Zentimeter großes Kunststoffobjekt in der Form und mit dem Foto eines Braunbären, der Aufschrift "Crni Lugs's Bear Shit", darunter eingeschweißt eine krümelige braune Substanz. Popovic hat dazu ein kleines Stück Bären-Kot in organisches, durchsichtiges Wachs gegossen. Diesen Eye-Catcher nehmen Besucher aus ganz Europa, Israel und den Vereinigten Staaten mit in ihre Welt und helfen hoffentlich, Fauna, Flora und Traditionen der einzigartigen Kulturlandschaft zu erhalten.