Gaukler der Lüfte in Not

Im Landkreis Rosenheim werden Kiebitze geschützt

Graue Wolken, erste Regentropfen fallen, noch immer ist kein Kiebitz in Sicht, nur Ringeltauben und Krähen. "Versuchen wir es mal von der anderen Seite", schlägt Margit Böhm vor. Und tatsächlich, entdeckt sie auf dem Acker bei Schechen im bayerischen Landkreis Rosenheim mittels Fernglas nun doch zwölf "Gaukler der Lüfte", wie sie die Vögel gerne nennt. Sie spazieren in ihrem schwarzweißen Federkleid und mit langem Schopf auf dem Kopf, der als Holle bezeichnet wird, über den Acker und suchen Nahrung. "Sie halten sich nur auf Flächen auf, die weit von Waldrändern und Gehölzen entfernt sind, in denen sich Feinde verstecken könnten." Bei Sonnenschein schimmert ihr Gefieder in allen Regenbogenfarben. "Der Kiebitz ist einfach ein wunderschöner Vogel, der Teil unserer Heimat bleiben soll", sagt Böhm. Als sie die Autotür öffnet, fliegen die Vögel sofort in die Höhe, und es erklingen die typischen Kiewitt-Rufe, mit denen sie ihre Jungen bei Gefahr warnen. Von den Küken fehlt allerdings jede Spur, woraus sich schließen lässt, dass sie die Warnrufe ihrer Eltern verstanden und sich im hohen Gras versteckt haben.

Der Anblick und der Ruf der Kiebitze werden im Landkreis Rosenheim wie auch deutschlandweit immer seltener. Die Vögel sind auf den Roten Listen für Brutvögel als stark gefährdet eingestuft. Begonnen hat der Rückgang mit den Lebensraumverlusten durch die Trockenlegung von Feuchtwiesen und Mooren. Die anpassungsfähigen Tiere wichen auf Äcker aus, die für die Bodenbrüter günstigere Bedingungen mit guter Rundumsicht boten. Durch zunehmend intensivere Bewirtschaftung kommt es oft zu Gelegeverlusten. "Das Verschwinden von Ackerrainen und Wiesensäumen, die für die Deckung nötig sind, verschärft das Problem mit der wachsenden Zahl der Prädatoren, das heißt den Feinden der Kiebitze, wie zum Beispiel Füchse und Marder, noch zusätzlich", erklärt Margit Böhm, "der Klimawandel mit zunehmender Trockenheit im Frühjahr bereitet den Küken Probleme bei der Nahrungssuche, so dass sie oft verhungern. Auch Freizeitaktivitäten der Menschen und freilaufende Hunde gefährden den Nachwuchs. Außerdem werden die Lebensräume durch Bebauung und Straßenbau verkleinert und zerschnitten."

Um die Vorkommen im nördlichen Landkreis zu erhalten, beschloss die Naturschutzbehörde am Landratsamt, in der Margit Böhm hauptberuflich arbeitet, vor zehn Jahren Maßnahmen. Die Kiebitze verweilen von Februar bis Juni zur Aufzucht ihrer Jungen in Bayern. In dieser Zeit werden die Familienverbände beobachtet und geschützt. Wenn die Pullis, wie die Küken genannt werden, flügge sind, brechen sie Richtung Süden auf. "Kiebitzschutz bedeutet also bei uns vorrangig Hilfe beim Brüten und bei der Aufzucht ihrer Jungen, die treuen Vögel kehren immer wieder zu ihren angestammtem Brutplätzen zurück. Die Arbeiten starten jährlich Ende Februar mit der Beobachtung der aus den Winterquartieren ankommenden Vögel." Auf einem weiteren Feld entdeckt Böhm im noch niedrigen Mais eine Schar Kiebitze mit Küken. "Bei Verlust der Gelege und Küken wiederholt sich dieser Vorgang für ein zweites oder sogar drittes Gelege. Bei erfolgreicher Jungenaufzucht brütet ein Kiebitzpaar nur einmal pro Jahr." Die Mittfünfzigerin holt Bambusstäbe, um die Nester zu markieren. Sie verständigt den betroffenen Landwirt, damit dieser bei der Bewirtschaftung des Ackers auf die Gelege achtet.

Die persönliche Initiative der Landwirte ist entscheidend. Alle Beteiligten werden bei sogenannten Kiebitz-Stammtischen über das Thema und Pläne informiert. Böhm freut sich: "Die Zusammenarbeit mit den Landwirten ist inzwischen hervorragend, zum Teil markieren sie die Nester schon selbst." Einer dieser engagierten Bauern ist Sepp Baumann aus Reitmehring. Er schützte den Kiebitz schon immer, "weil er ein wunderbarer Vogel ist, der zur Heimat gehört. Für den Kiebitz nehme ich mir immer Zeit."

"Als Anerkennung erhalten die Landwirte für jedes geschützte Gelege auf ihrem Feld einen Einkaufsgutschein, finanziert von der jeweiligen Gemeinde und dem Landkreis", erläutert die Fachreferentin für Naturschutz. Inzwischen gibt es eine Gruppe von zehn, teils ehrenamtlichen Mitarbeitern. "Die Beobachtung und der Schutz der Vögel ist allein schon durch die Fahrtzeiten aufwendig, da oft nur ein bis drei Brutpaare in benachbarten Äckern mit Mais oder Sommergetreide brüten", sagt Böhm. "Seit dem Frühjahr 2018 orten wir die Kiebitzgelege außerdem mittels Oktokopter und Wärmebildkamera. Endlich ist es möglich, auch in unebenem und weitläufigen Gelände die Gelege zu finden und zu schützen. Das kurzzeitige Überfliegen spart Zeit und stört die Vögel weniger als die oft sehr zeitintensive Gelegesuche mit dem Fernglas vom Ackerrand aus." Obwohl sogenannte Kiebitzfenster mit feuchten Steigen, niedrigwüchsigen artenreichen Wiesen angelegt werden, um gute Bedingungen zu schaffen, ist das eigentliche Ziel noch nicht erreicht: "Eine Zunahme der Kiebitze ist leider bisher nicht zu verzeichnen." Jeder könne einen Beitrag leisten, indem er auf den Wegen bleibt, nicht lärmt, Hunde an der Leine hält.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2019, Nr. 89, S. 26 - Christina Gartner

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