Filme werden im Akkord vertont

Orchestral Tools produziert Sounds für die Filmmusiken großer Hollywood-Produktionen. Auch Hans Zimmer ist Kunde.


Egal, welchen Film Sie sehen, die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass Sie unsere Sounds hören“, sagt Hendrik Schwarzer, Mitgründer und Geschäftsführer der Schwarzer & Mantik GmbH. Unter dem Namen  Orchestral Tools erschafft das Unternehmen digitale Soundclouds.

Filmmusik wird kaum noch von realen Orchestern gespielt und aufgenommen; das ist zu aufwendig und  teuer. Unternehmen wie Orchestral Tools nehmen die Klänge von Instrumenten auf und verkaufen diese Aufnahmen an Komponisten, die aus den Bruchstücken eine eigene Komposition digital zusammenbasteln. Hans Zimmer, einer der bekanntesten Filmmusikkomponisten auf der Welt, ist laut Schwarzer ebenfalls Kunde von Orchestral Tools. Zimmer, der im März einen Oscar für die Musik zum Film „Dune“ erhalten hat und den Schwarzer persönlich kennt, habe die Produkte von Orchestral Tools unter anderem für den jüngsten James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ verwendet.

Aufgenommen werden die Sounds von Musikern mit unterschiedlichen Instrumenten im Berliner Teldex-Studio. „Mit unserem Standort in Berlin-Kreuzberg genießen wir eine große Orchestervielfalt“, sagt Schwarzer. Man befindet  sich in der Nähe renommierter Orchester und arbeitet zum Beispiel mit Instrumental- und Vokalmusikern der Berliner Philharmoniker und des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin zusammen. Besondere Projekte führten das in March bei Freiburg 2013 gegründete Unternehmen auch schon nach Tallinn und Singapur.

Die Sounds werden in virtuellen Klangbibliotheken gespeichert. Zugriffsrecht auf die Sounds von Orchestral Tools erhält jeder zahlende Kunde; sie werden also nicht exklusiv, sondern an viele Kunden verkauft. Erst wenn ein Kunde aus diesen einzelnen Tönen eine eigene Komposition erstellt, wird sie als geistiges Eigentum geschützt.

Die Soundclouds, die Schwarzer futuristisch beispielsweise Miroire, Modus oder Metropolis Ark nennt, verkauft das Unternehmen über seine Internetseite zum Herunterladen. Während das teuerste Produkt im Onlineshop für 849 Euro angeboten wird, kann man manche Aufnahmen einzelner Instrumente für weniger als 50 Euro kaufen.

Auf der Plattform von Orchestral Tools tummeln sich nach Schwarzers Angaben mehr als 200 000 Nutzer. Nur wenige sind „Bedroom-Producer“, die hobbymäßig zum virtuellen Künstler werden und einfachere oder gratis angebotene Sounds nutzen. „Größtenteils sind unsere Kunden Menschen, die geschäftlich Musik machen“, sagt Schwarzer.

Neben den universellen Klangbibliotheken, die sich in Instrumentation und Klangfarbe unterscheiden und von denen Orchestral Tools nach Schwarzers Angaben durchschnittlich zwei Projekte im Monat auf den Markt bringt, habe man auch schon in konkreten Filmprojekten  einzigartige Sounds kreiert. „Für den Disney-Film ‚Mulan‘ beispielsweise sind wir extra nach Singapur geflogen und haben in Zusammenarbeit mit dem britischen Komponisten Harry Gregson-Williams eigens ein neues Live-Orchester mit traditionell chinesischen Instrumenten zusammengestellt“, erzählt Schwarzer. Eine ähnliche Zusammenarbeit gab es auch für die Star-Trek-Serien „Picard“ und „Discovery“.

„Bei uns arbeiten 24 Mitarbeiter“, berichtet Schwarzer, darunter viele aus den Bereichen Softwareentwicklung und Sounddesign. Unterstützt werden sie von Freiberuflern. Die Musiker, die die Töne einspielen, sind ebenfalls nicht fest angestellt. „Je nachdem, welchen Sound wir suchen, wenden wir uns an bestimmte Musiker. Das ist eine totale Charakterfrage, wer zu welchem Projekt passt“, sagt Schwarzer.

Von der Corona-Krise hätten sie sehr profitiert. „Infolge der pandemischen Einschränkungen wie den Lockdowns schnellte die Nachfrage nach Streaming-Angeboten rasant hoch“, erklärt Schwarzer. Vorliegende Filmmaterialien wurden im Akkord vertont. Auch im Hobbybereich habe man gepunktet.   „Die Leute hatten Zeit, waren zu Hause, und Musik ist da eine produktive Beschäftigung.“  Im Jahr 2021 setzte Orchestral Tools nach eigenen Angaben rund 5 Millionen Euro um, knapp 50 Prozent mehr als im Vorjahr. „Es ist ein wachsender Markt“, sagt Schwarzer. „Unsere Produkte kommen nicht nur in den großen Hollywood- oder Netflix-Produktionen zum Einsatz. Man denke nur an alle möglichen TV-Produktionen, Werbung, Trailer, Videospiele, Youtube-Videos und Radiobeiträge.“

Im Wettbewerb steht Orchestral Tools vor allem mit Spitfire Audio aus London und 8DIO aus San Francisco. Das Berliner Unternehmen Native Instruments gehört mit 400 Mitarbeitern ebenfalls zu den Großen in der Branche. Allerdings sei Native Instruments weniger im Bereich der Orchestermusik als vielmehr in der elek­tronischen Musik tätig. „Mit unserer Spezialisierung auf Orchestermusik sind wir im Bereich der Filmmusik einer der Marktführer“, sagt Schwarzer.

Besonders außergewöhnlich wird es, wenn Schwarzer den russisch-deutschen Violinisten und Komponisten Aleksey Igudesman vor das Mikrofon bringt. Der unkonventionelle Virtuose, über den Hans Zimmer sagt, er sei seine Geheimwaffe, sucht ständig nach neuen, noch nie da gewesenen Klängen. Dafür ersetzt Igudesman auch mal den Bogen durch einen selbst zusammengeschraubten Milchschäumer mit Plastikaufsatz. „Das klingt wie ein wild gewordenes Zupfinstrument“, sagt der Musiker. Inspiration schöpft er vor allem aus Instrumenten verschiedener Kulturen. „Klänge, Rhythmik, Spielweisen – die Musik anderer Kulturen ist so anregend“, findet Igudesman. In der Branche der Filmmusik sei Orchestral Tools eine echte Größe. „Das ist zu Recht eine der angesehensten Firmen in ihrem Bereich.“

Zwar hat die digitale Musikkomposition viele Vorteile. Allerdings steht man vor dem Problem, unnatürlich klingende Töne zu produzieren. „Ein Ton klingt bei Wiederholung in der Realität nie exakt gleich“, erklärt Schwarzer. Aus diesem Grund nehme man die Sounds in jeder erdenklichen Dynamik, Artikulation und Tonhöhe immer mindestens achtmal auf. „So wirken unsere Sounds im späteren Arrangement lebendig.“ Diese Komplexität ist auch der Grund, warum Aufnahmen viel Zeit benötigen. „Kürzere Projekte nehmen wir an einem Tag auf, in neun Stunden Aufnahmezeit“, berichtet Schwarzer. „Wir haben allerdings auch schon einen Monat nur an der Aufnahme gesessen.“ So kommen Datenmengen von teilweise mehr als 100 Gigabyte für ein Projekt zusammen.

 Da auch nur Aufnahmen aus einzelnen Mikrofonen gekauft werden können, muss jeder Ton aus jedem Mikrofon einzeln exportiert, bearbeitet und gegebenenfalls in der Stimmung verändert werden. Auch Nebengeräusche herauszufiltern ist Teil dieses Produktionsschrittes. „Die Nachbearbeitung ist meist das Aufwendigste“, erklärt der Geschäftsführer.

Der 35-Jährige ist selbst Pianist und Komponist. Schon im Alter von 16 Jahren führte er, nachdem er bereits einige Klavierkonzerte gegeben hatte, sein erstes selbst geschriebenes sinfonisches Orchesterwerk im größten Konzertsaal Freiburgs auf. Zwei Jahre später schmiss er mit seinem besten Kumpel Manfred Mantik die Schule und verkaufte zunächst am Telefon Klingeltöne an Unternehmen. „Das lief nicht gerade blendend“, erinnert sich Schwarzer. „In meinen frühen Zwanzigern habe ich dann Soundtracks und Musicals für den Europapark Rust komponiert.“  Unzufrieden mit den damaligen technischen Möglichkeiten des digitalen Komponierens, nahm Schwarzer daraufhin die Dinge selbst in die Hand und stellte aufgenommene Sounds online.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2022, Nr. 215, S. 21 - Benjamin Menssen, Katholische Schule Liebfrauen, Berlin

zurück