Am Grill stehen lauter Flaschen

Flaschen, in die Gas gefüllt wird, stellt in Deutschland nur noch GWG her. Sicherheit hat für die Sachsen höchste Priorität.


Als ich 2015 zum Unternehmen gestoßen bin, habe ich mich sehr über die Eindimensionalität des Produktportfolios gewundert. Ich dachte, es sei eine verfehlte Strategie und risikobehaftet, sich lediglich mit dem deutschen und nicht auch mit anderen Märkten zu beschäftigen“, sagt Hans-Jürgen Werner, Geschäftsführer der GWG Gasflaschenwerk Grünhain GmbH, dem nach eigenen Angaben einzigen Hersteller geschweißter Stahlflaschen für Flüssiggas und Kältemittel in Deutschland. Was er für eine Schwäche gehalten habe, sei aber die große Stärke des Unternehmens. „Die maximale Fokussierung auf das Wesentliche versetzt uns in die Lage, immer noch zu wettbewerbsfähigen Konditionen zu produzieren, wie es auch Wettbewerber aus Asien und Süd- oder Osteuropa können.“

Die GWG mit Sitz in Grünhain-Beierfeld in Sachsen beschäftigt rund achtzig Mitarbeiter. Man stelle Niederdruckbehälter aus Stahl her, die vorrangig für den Haushaltsgebrauch, beispielsweise zum Betrieb von Gasgrills, bestimmt seien. Diese Art Stahlflasche werde ausschließlich geschweißt hergestellt. Vorrangig bediene man führende Gashändler auf dem deutschsprachigen Markt, die die Flaschen befüllten und an Endverbraucher verkauften. Das Unternehmen nennt als Referenzen unter anderem Tyczka Energy, die Westfalen AG und Progas. 

Den Markt in Deutschland dominiere man nicht; man schätze den eigenen Marktanteil auf 25 bis 30 Prozent, sagt Werner. Den übrigen Teil des Marktes deckten ausländische Hersteller ab, zum Beispiel aus der Türkei, Polen und Tunesien. Für das laufende Jahr rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 14 und 16 Millionen Euro. Nach den Rekordjahren 2022/2023 mit in der Spitze 27 Millionen Euro Umsatz sei das ein deutlicher Rückgang. In den Spitzenzeiten habe man zeitweise sogar eine Partnerschaft mit einem türkischen Hersteller eingehen müssen, der Rohflaschen zugeliefert habe. Nur so habe man die große Nachfrage bedienen können. Die Menschen hätten vermehrt gefüllte Gasflaschen gehortet. Diese würden nun nach und nach genutzt.

Da es kaum Weiterentwicklungspotential mit Blick auf Design, Ausprägung oder Fertigungsverfahren gebe, sei man in höchstem Maße von den Herstellungskosten abhängig. Das Produkt müsse so rationell wie möglich produziert werden. Daran seien die früheren deutschen Wettbewerber gescheitert. Die GWG sei dem mit einem hohen Spezialisierungs- und Automatisierungsgrad begegnet.

Das Unternehmen sei Alleinhersteller von geschweißten Stahlflaschen in der DDR gewesen. 2002 wurde es privatisiert. Im Treuhandvertrag sei geregelt gewesen, den Geschäftsbetrieb für weitere zehn Jahre aufrechtzuerhalten, danach hätte der Betrieb eingestellt werden sollen. Unter Rolf Geißler, dem damaligen Betriebsleiter, sei die Vision entstanden, an einem anderen Standort durch Management-Buy-out neu anzufangen, erzählt Werner. 

Man investierte in zwei Schweißroboter zum automatisierten Anschweißen von Griffen und Kragen und steigerte so die Produktivität um 120 Prozent. GWG  produziert  rund eine Million Flaschen im Jahr. Es gibt  zwei Fertigungslinien, eine für Neuflaschen und eine für die sogenannten wiederkehrenden Prüfungen. Dabei handelt es sich um Flaschen, die über die Händler aus dem Markt zurückkommen und von GWG geprüft und regeneriert, also für den abermaligen Gebrauch gereinigt und aufbereitet werden. Hier liege die maximale Jahreskapazität bei 400.000 Flaschen. Mit diesem Geschäft erziele man in der Regel einen Jahresumsatz von etwa 5 Millionen Euro. Da wenig Material eingesetzt werde, sei man deutlich weniger von Preisschwankungen auf den Rohstoffmärkten abhängig. 

Der für die Produktion der Gasflaschen hauptsächlich benötigte Rohstoff sei zu 90 Prozent warmgewalzter Stahl, berichtet Prokuristin Sabrina Berger. Die Produktion ist sehr energieintensiv. Man benötige je 2,5 Gigawattstunden Strom und Gas jährlich, sagt Werner. Dies entspricht dem durchschnittlichen Jahresverbrauch von etwa 1000 Zwei-Personen-Haushalten. Bei den Neuflaschen liege die Kapazitätsauslastung bei 75 Prozent, im Regenerationsbereich bei 100 Prozent. Der Schwerpunkt liege aufgrund des gesättigten Marktes daher eindeutig auf diesem zuverlässigen Geschäftsbereich, unterstreicht Berger.  

Das Spitzenprodukt war 2023 die klassische 11-Kilogramm-Flasche. Zur Befüllung zugelassen sind   Propan, Butan, ein Gemisch aus beiden, Kältemittel und Treibgas. Propan sei das gängige Gas zum Betrieb eines Grills.  Die grauen Flaschen seien Flaschen, die sich im Eigentum des Endverbrauchers befänden und im Zuge einer Neubefüllung lediglich getauscht würden. Rote Flaschen seien Pfandflaschen, die nur bei dem Energieversorger zurückgegeben werden könnten, bei dem die Flasche erworben oder befüllt worden sei.  Eine leere 11-Kilogramm-Eigentumsflasche kostet in Baumärkten beispielsweise rund 55 Euro. Die Pfandgebühr für dasselbe Gebinde liegt bei 30 Euro.

Endverbraucher für Propan oder Butan können auch Handwerker sein, die die Gase etwa zum Schweißen verwenden. Im Bereich Kältemittel und Treibgas sei der Endverbraucher in der Regel in der Industrie angesiedelt, führt Berger aus. Kältemittel würden im Automotive-Bereich eingesetzt, wo sie in Klimageräte eingefüllt würden, neuerdings auch verstärkt in Luftwärmepumpen. 

Die Einhaltung von Normen sei in beiden Geschäftsbereichen essenziell, betont Berger. Für Hersteller wie GWG gehe es vor allem um die geschweißten Nähte und die Dichtigkeit der Flaschen. In einem wassergefüllten Becken werde geprüft, ob alle Schweißnähte intakt seien und kein Gas austreten könne. „Meiner Meinung nach ist das der anspruchsvollste Job, den wir hier in der Produktion haben“, sagt Werner. Etwa 10 bis 15 Prozent der Flaschen müssten verschrottet werden. „Messing und Stahl werden getrennt und alles verschrottet. Die Bestandteile werden eins zu eins recycelt und vollständig in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt.“ Nach der „Regeneration“ seien die Flaschen zwar nicht wie neu, qualitative Unterschiede gebe es jedoch keine.

Der Blick in die Zukunft ist nicht ungetrübt. Um für den deutschen Markt weiter attraktiv zu bleiben, müsse man das Niveau der Preise stabil und die Herstellungskosten weiter gering halten. Vor allem die Energiepreise stellten eine Herausforderung dar. Kritisch blickt GWG auf sich immer wieder ändernde oder neue Auflagen. Diese seien wichtig, man wünschte sich aber oftmals mehr Realitätsnähe. Eine gewisse Sicherheit biete hingegen der breite Kundenstamm.  

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.08.2024, Nr. 177, S. 20 - Zoe Kautz, Max-Planck-Gymnasium, Lahr

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