Anderen das Wasser reichen

Der Bodensee versorgt 4 Millionen Menschen


Südwest braucht Wasser“ war das Motto, unter dem 1954 der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung gegründet wurde. Die Idee, den Bodensee als dauerhafte Lösung für den Wassermangel zu nutzen, brachte Wasserbauingenieur Erwin Marquardt in einer Volksversammlung 1949 auf, da viele baden-württembergische Gemeinden in den Nachkriegsjahren Wassernot litten. Der Bodensee ist Europas bedeutendstes Trinkwasserreservoir und fasst rund 50 Milliarden Kubikmeter Wasser. Dieser Idee schlossen sich 13 Kommunen an. So wurde 1958 die erste Anlage mit einem Seepumpwerk, einer Aufbereitungsanlage und einem Rohrnetz von 265 Kilometer Länge, das bis nach Ludwigsburg reichte, im kleinen Ort Sipplingen gebaut und in Betrieb genommen. Die Bewilligung für eine Entnahme von 670.000 Kubikmeter Wasser je Tag ist auch heute noch gültig.

Die Pumpkapazität wurde auf 8800 Liter Wasser je Sekunde gesteigert und das Leitungsnetz auf eine Länge von 1308 Kilometer ausgebaut. Durch die Fusion mit dem Zweckverband Fernwasserversorgung Rheintal (FWR) wurde die Zahl der Verbandsmitglieder auf 183 deutlich erhöht. Nach Angaben von Pressesprecherin Sarah Kreidler versorgt die Bodensee-Wasserversorgung inzwischen 320 Städte und Gemeinden mit rund 4 Millionen Einwohnern; die Tagesabgabe betrage durchschnittlich 356.000 Kubikmeter Wasser. Selbst die Einwohner der Landeshauptstadt Stuttgart erhalten ihr Wasser aus dem mehr als 100 Kilometer entfernten Bodensee.

Aufgrund des steigenden Wasserbedarfs, unter anderem wegen des Klimawandels, sinkender Grundwasserstände, des Bevölkerungswachstums und der zunehmenden Bewässerungen in der Landwirtschaft begann der Zweckverband 2019 die Planung des Projekts ,,Zukunftsquelle. Wasser für Generationen“. Damit soll die Trinkwasserversorgung für die nächsten Jahrzehnte sichergestellt werden. „Maßnahmen sind die Modernisierung der bisherigen Anlagen und zwei neu geplante Seewasserwerke“, sagt Kreidler.

Am Standort Pfaffental soll ein Wasserwerk mit einer Druckleitung gebaut werden. Das bisherige Wasserwerk in Süßenmühle bei Überlingen soll  modernisiert werden und eine Ultrafiltrationsanlage erhalten, um Quagga-Muscheln, Viren, Bakterien und Mikroplastik abzuhalten. Die Muscheln werden vom Schwarzen Meer durch Boote und Vögel eingeschleppt. Die Modernisierungen sind wegen gut sechzig Anfragen für eine höhere Bereitstellung von Wassermengen und  zur Neuaufnahme in den Zweckverband dringend nötig.

Ein Baubeschluss für die ersten Maßnahmen ist auf das Frühjahr verschoben worden, da die Kosten auf 4,6 Milliarden Euro gestiegen sind. Nun muss diskutiert werden, wo Bauarbeiten reduziert und Kosten gespart werden können.

„Im Hinblick auf den Klimawandel und die damit steigenden Energie- und Personalkosten lagen die Preise zuletzt für einen Kubikmeter Wasser im Südwesten bei durchschnittlich 2,44 Euro“, sagt Kreidler. 1979 habe der Kubikmeter noch umgerechnet 64 Cent gekostet. Mit dem Preis liege man um einiges höher  als der deutsche Durchschnitt von 1,83 Euro je Kubikmeter. Nur Bremen weist mit 2,44 Euro einen genauso hohen Wasserpreis auf. Nach Angaben von Kreidler erzielte der Zweckverband, dessen Hauptverwaltung in Stuttgart ist, 2022 einen Umsatz von rund 88 Millionen Euro. Damit arbeite man mindestens kostendeckend.

„Ein weiteres Thema, das die Bodensee-Wasserversorgung nicht aus dem Auge verlieren sollte, ist die Sicherheit, für die wir zuständig sind“, sagt Kreidler und berichtet von einem versuchten Giftanschlag im Jahr 2005. Ein Täter hatte zwei geöffnete Kanister mit Pflanzenschutzmittel in der Nähe der Entnahmestelle rund 300 Meter vom Ufer platziert. Relativ schnell konnte Entwarnung gegeben werden. Inzwischen wurde rund um die Entnahmestelle eine Sperrzone eingerichtet.

Auch die Corona-Pandemie, Kriege und Cyberangriffe haben gezeigt, dass plötzlich Krisen auftauchen können. Um solche Situationen bestmöglich zu bewältigen, trainiert und analysiert der Krisenstab Lösungsstrategien. Außerdem werden regelmäßig Wasserproben entnommen, um die Sauberkeit des Trinkwassers sicherzustellen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2024, Nr. 27, S.22 - Johanna Esser, Nellenburg-Gymnasium, Stockach

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