Beim Bedienen sind Alte bedient

Welche Möglichkeiten gibt es, Senioren über ein Tablet den Zugang zur Welt zu erleichtern? Diese drei Unternehmen widmen sich dieser Aufgabe. 


Fast die Hälfte der Menschen, die über 70 Jahre alt sind, gab 2023 in  der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse an, das Internet nicht zu nutzen. Drei Unternehmen in Deutschland möchten Tablets zu einem Teil des Lebens von Personen machen, die noch nicht damit vertraut sind. Während das Tablet der Media4Care GmbH als Betreuungsmöglichkeit dient, soll das Tablet der Lylu GmbH Senioren ermöglichen, sich selbständig in einer vereinfachten Form im Internet zu bewegen. Die Geräte der Enna Systems GmbH verbinden die physische Welt mit der digitalen, um primär Kommunikation zu ermöglichen.

 Auf die Vermietung an Tagespflege-Institutionen und  stationäre Einrichtungen ist die Media4Care GmbH aus München spezialisiert, wie Marketingleiter Marius Wolf berichtet. Es handle sich bei den Tablets um eine Betreuungsmöglichkeit für Senioren. Ein besonderer Schwerpunkt liege auf an Demenz Erkrankten. „Das macht sich bemerkbar; einmal in einer einfachen Bedienung, aber eben auch in den verschiedenen Schwierigkeitsgraden, die die Übungen bei uns haben“, erklärt Wolf. Viele Inhalte zielten auf die kognitive Aktivierung.

Die Inhalte befinden sich in Apps. Die App für die  Institutionen und die für die Senioren und Angehörigen enthalten die gleichen Übungen. Die Benutzeroberflächen sind unterschiedlich, weil die Nutzer verschiedene Schwerpunkte haben. Professionelle Betreuungskräfte könnten durch die Nutzung die Vorbereitungszeit für Gruppen- und Einzelaktivierungen reduzieren. Im privaten Umfeld gehe es hingegen darum, den Senioren und deren Angehörigen Sicherheit im Umgang mit Demenz zu geben, erklärt Wolf.

Das Unternehmen vermietet Tablets mit der App.  Man nutze kein eigens für Senioren hergestelltes Gerät, der Fokus liege auf der App. Der Abo-Preis beginnt laut Wolf bei 33,16 Euro monatlich, und „je nachdem, ob ich vielleicht eine kürzere Laufzeit, andere Zahlungsmodalität oder eine SIM-Karte brauche, wird es dann teurer“. Derzeit nutzten 5500 Privathaushalte die App mit oder ohne ein Tablet des Unternehmens; monatlich kämen rund 200 Neukunden im Privatkundenbereich hinzu. „Im professionellen Umfeld sind wir bei rund 5000 bis 6000 Einrichtungen platziert.“ Das decke mehr als ein Drittel aller stationären und teilstationären Einrichtungen in Deutschland ab.

Eine der Einrichtungen, die ein Tablet von Media4Care nutzt, ist das Seniorendorf Stegelchen in Herdorf. Mitarbeiterin Swetlana Dinges sagt, dass es ihre Arbeit erleichtere. Die Geschichten, die das Tablet biete, und das Gedächtnistraining seien gute Betreuungsmöglichkeiten. Die Bewohner nutzten das Tablet nur betreut, sowohl in Einzelbetreuung als auch in Gruppenaktivitäten. Primär befasse man sich mit Liedern und Geschichten.  

Im Bereich der Vermietung an Institutionen sei Media4Care Marktführer in Deutschland, sagt Wolf.   Die Geräte sollen der betreuenden Person Sicherheit geben. „Bei uns steht der Angehörige im Mittelpunkt.“ Vorgeschlagen würden Inhalte, die mit den Senioren durchgeführt würden und zu deren aktueller Verfassung passten.

  Der Opa des Gründers erkrankte an Demenz. Der Gründer habe sich etwas gewünscht, das den Großvater „mehr im Moment halte“. Gegründet wurde das Unternehmen 2013. Nun  beschäftige man 25 Mitarbeiter und habe im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von rund 5 Millionen Euro erzielt. Der Umsatz sei stetig gestiegen, besonders während der Corona-Lockdowns seien Privatkunden hinzugekommen. Man erwartet weitere  Umsatzsteigerungen.

Die Lylu GmbH in Darmstadt wurde im Januar 2020 gegründet. Felix Beinenz, der für Marketing und Vertrieb zuständig ist, gründete das Unternehmen mit Vitalij Hilsendeger und Sebastian Felger. Man beschäftigt zehn Mitarbeiter.  Den Anstoß zur Gründung habe ein Aushang im Supermarkt gegeben, auf dem ein Rentner einen Ort gesucht habe, an dem er Weihnachten mitfeiern könne, erzählt Beinenz. Man habe sich daraufhin die Frage gestellt, warum der Rentner nicht die sozialen Medien genutzt habe.

Bei der Gründung wollte man mit einer App Senioren den Zugang zum Internet ermöglichen. Jedoch hätten die Menschen diese nicht gekauft, „weil einfach das Problem unzureichend gelöst wurde“. Die Angehörigen hätten sich noch um zu vieles kümmern müssen. Sie hätten das Gerät besorgen und einrichten müssen und seien die Ansprechpartner bei Problemen gewesen. Das werde ihnen mit dem jetzigen Konzept abgenommen – man verkaufe ihnen nun Bequemlichkeit.

 Man kann laut Beinenz ein Tablet mit App ab 49 Euro monatlich mieten. Die App könne man nicht schließen; alle Anwendungen nutzten seniorenfreundliche Darstellungen. „Selbst wenn man in die Einstellungen des Geräts geht, ist alles komplett seniorenfreundlich.“ Jedes Tablet ist mit einer SIM-Karte, unbegrenztem Internetzugang und einer Versicherung ausgestattet.

 Man sei nicht auf Seniorenheime fokussiert. „Wir sind gerade voll im Endkundengeschäft.“ Im Bereich der Vermietung von Tablets für Senioren direkt an Privatpersonen ist Lylu laut Beinenz der Marktführer in Deutschland. „Bei uns geht es eher um fittere Senioren.“ Übliche Programme wie Whatsapp-Videotelefonie seien integriert. „Wir machen nur bestehende Dienste seniorenfreundlich.“ Man lasse Leute am echten Internet digital teilhaben.  

Einen anderen Ansatz habe die Enna Systems GmbH aus München, sagt Tobias Bily, der in der Geschäftsentwicklung tätig ist.  Man konzentriere sich auf Menschen, denen digitale Endgeräte fremd seien. „Es sind Leute, die unfreiwillig ausgeschlossen sind vom Internet, weil sie nicht in der Lage sind, ein technisches Gerät zu bedienen.“ Sie haben beispielsweise angeborene Einschränkungen, einen Schlaganfall erlitten, leiden an Demenz oder sind älter. Das Gerät, das Enna Systems vermiete, zeichne sich durch das haptische Bedienkonzept aus. „Bei uns muss man kein Touchdisplay bedienen können.“ 

Das „Enna-Dock“ ist   mit Tasten ausgestattet, mit denen man das Tablet bedient. Es enthält zudem eine Fläche, auf die man personalisierte Karten legt, die einen bestimmten Befehl auf dem Tablet ausführen. Eine Aktion, die die Karten steuern, ist  die Videocall-Funktion; dann bedeutet eine spezifische Karte den Videoanruf einer Person. In der Kalenderfunktion hat der  Nutzer durch eine Karte Zugang zu einem gemeinsamen Kalender. Es gibt die Hörbuchfunktion: Man bestellt eine für ein Hörbuch spezifische Karte, die sich auch die Abspielposition merkt. Die Funktion gibt es mit Formaten der öffentlich-rechtlichen Mediatheken, Podcasts und Internetradiosender.

Man könne ein Enna-Gerät ab 27,90 Euro monatlich mieten und erhalte für einen Aufpreis von 7 Euro eine SIM-Karte mit unbegrenztem Datenvolumen.  Derzeit vermiete man ungefähr 2500 Geräte, monatlich kämen 200 bis 300 hinzu, sagt Bily. Man beschäftige fast 25 Mitarbeiter, und der „Annual Recurring Revenue“, der den wiederkehrenden prognostizierten Umsatz beschreibe, gehe in Richtung von einer Million Euro. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.09.2024, Nr. 220, S. 22 - Franziska Marleen Ewald, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

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