Selbst ist der Mann, selbst ist die Frau: Mit dem Horl soll das Messerschleifen kinderleicht sein
Wenn jemand davon spricht, seine Messer zu ‚horlen‘, dann ist das das Größte, was es gibt – genau da wollten wir hin“, sagt Timo Horl, Gründer und Geschäftsführer der Horl 1993 GmbH. Der Horl ist ein Rollschleifer, eine Entwicklung des Vater-Sohn-Duos Otmar und Timo Horl. Mit ihm sei eine komplett neue Kategorie im Bereich der Messerschärfer eröffnet worden, sagen sie. Seit der Marktreife im Jahr 2016 hat der Horl in mehr als einer halben Million Küchen auf der Welt Einzug gehalten. „Jeder kann ohne jegliche Vorkenntnisse ein absolutes Profiergebnis erzielen, genauer kann man ein Messer nicht schleifen“, behauptet Timo Horl.
Um die Schneide eines Messers zu schärfen, muss sie an einem Material geschliffen werden, das härter ist als die Klinge. Dabei entsteht ein Span, der das überschüssige Metall abträgt und eine neue Schneide formt. Das Schleifen erfordert ein gewisses Geschick, denn man muss einen konstanten und optimalen Winkel zwischen dem Messer und dem Schleifmaterial halten. Ein zu großer Winkel macht das Messer weniger scharf, ein zu kleiner Winkel macht es brüchig. Der optimale Winkel für die meisten Küchenmesser liegt bei 15 Grad. „Je mehr Bewegung beim Schleifen, desto größer die Gefahr, etwas falsch zu machen“, sagt Horl.
Der Horl-Rollschleifer gibt den Winkel vor und hält ihn. Er besteht aus einer frei gelagerten Griffrolle, die auf dem Tisch oder der Arbeitsplatte gleitet. Auf der einen Seite ist eine diamantbeschichtete, rotierende Scheibe befestigt. Die Diamanten sind in einem Nickelbett gefasst und bilden eine der langlebigsten Schleifoberflächen auf dem Markt, wie das Unternehmen erläutert. Auf der anderen Seite ist eine Abziehscheibe aus Edelstahl oder Keramik. Das zu schleifende Messer wird mithilfe von zwei starken Magneten an einer Schleiflehre befestigt. Diese Magnete ziehen das Messer an und halten es in einem festen Abstand zur Schleifscheibe. Dadurch wird der Winkel von 15 Grad automatisch eingestellt und gehalten.
Bewegt man den Schleifer vor und zurück, dann dreht sich die Schleifscheibe und schleift die Klinge. Zum Nachschärfen eines Messers reichen etwa 10 bis 15 Bewegungen. Dann dreht man den Schleifer um und wiederholt den Vorgang zwei- bis dreimal mit der anderen Seite, die zum Abziehen dient. Sie entfernt die abgelösten Metallpartikel und glättet die Schneide. Der Materialabtrag sei sehr gering, sodass ein Messer länger halte.
Horl 1993 aus Freiburg wurde 2016 gegründet. Seit 2019 ist das Unternehmen eine GmbH, Geschäftsführer sind Timo Horl und seine Ehefrau Marjorie. Vater Otmar habe die technische Leitung inne. Mutter Christine kümmert sich um das Retourenmanagement und die Buchhaltung.
Nach eigenen Angaben ist man in 26 Ländern vertreten und beschäftigt 54 Mitarbeiter. Die Produkte gibt es in mehr als 1200 Verkaufsstellen im In- und Ausland. Zum Umsatz im Jahr 2023 teilt das Unternehmen mit, er habe knapp vor dem mittleren zweistelligen Millionenbereich gelegen. 70 Prozent entfielen auf die Rollschleifer, der Rest auf Zubehör. Das Unternehmen sei schnell gewachsen, sagt Horl.
Das meistverkaufte Produkt unter den Rollschleifern sei mit einem Anteil von rund 70 Prozent der Horl 2. In der Woche könne man etwa 6000 Rollschleifer herstellen. Zum Ende des Jahres sei es wichtig, auch auf Lager zu produzieren, um die hohe Nachfrage zu Weihnachten bedienen zu können.
Otmar Horl, ehemaliger Konstruktionsleiter eines großen Maschinenbauunternehmens, ist ein Tüftler. Schon 1993 – die Zahl findet sich im Firmennamen – habe er aus eigenem Interesse begonnen, sich mit dem Messerschleifen zu beschäftigen und Prototypen zu entwickeln, berichtet Timo Horl. „Ich war zu blöd zum Messerschärfen“, wird Otmar Horl gerne zitiert. Die Herausforderung, den perfekten Schleifwinkel von 15 Grad zu halten, habe ihn lange umgetrieben. Prototypen, auch die des Rollschleifers, seien dann für längere Zeit im Keller verschwunden. Beim Aufräumen stolperte Timo Horl 2014 über die Entwicklungen seines Vaters. Er bat ihn, den Rollschleifer zu Ende zu denken.
Die Kosten für die erste Produktionsreihe waren mit 200 Stück überschaubar. Das Risiko, das privat dafür aufgewendete Geld zu verlieren, habe niemanden um den Schlaf gebracht. „Wir haben uns schon gefragt, ob das Produkt überhaupt jemanden interessiert“, erzählt Timo Horl. Mit ersten Anwendungsvideos erreichte man in den sozialen Medien rund 1,3 Millionen Menschen.
Im Jahr 2019 präsentierten Otmar und Timo Horl in der Erfindershow „Das Ding des Jahres“ auf Pro Sieben den Horl einer breiten Masse. „Die Teilnahme und auch der Bericht über uns bei ‚Galileo‘ waren eine coole Erfahrung und ein Push für unsere Bekanntheit. Aber unser Erfolg kam eher Schritt für Schritt.“
2020 bringt man die zweite Horl-Generation auf den Markt. Das Einstiegsmodell kostet rund 120 Euro, die meistverkaufte Version, erhältlich in Nussbaum und Eiche, 160 Euro. Der Horl 2 Pro für 360 Euro ist das Herzensprojekt von Otmar und Timo Horl. Ein Zahnrad-Planetengetriebe sorgt für eine dreifach schnellere Schärfung. Nun ist auch ein 20-Grad-Winkel möglich.
Die Zielgruppe beschreibt Horl als „Kulinarik-Enthusiasten“. Den ersten Erfolg habe man vor allem Grillbegeisterten zu verdanken, die großen Wert auf die Qualität ihres Equipments legten. Danach sei es schnell in die Breite gegangen. Nun zählten Sterneköche, Kochschulen und Privathaushalte zur Kundschaft – alle, die Wert auf ihre Messer legten. „Sauber geschliffene Messer sind das A und O einer guten und gepflegten Profiküche. Der Horl-Rollschleifer unterstützt mich dabei, einfach, sauber und schnell“, sagt Stefan Rottler, Inhaber des Landgasthofs Mühlenhof in Friesenheim-Oberweier.
„Wir verwenden bei der Herstellung hochwertige Dreh- und Drechselteile aus Edelstahl, anspruchsvolle Hölzer, Diamant für die Schleifscheibe, Keramik für die Abziehscheibe – der Horl begleitet seinen Besitzer ein Küchenleben lang“, sagt Timo Horl. Zumeist würden die Rohstoffe lokal eingekauft. Doch schlügen sich Krisen nieder. Nussbaumholz sei beispielsweise derzeit schwer verfügbar, sodass man sich nicht auf Holz aus dem Schwarzwald beschränken könne.
Weil der Horl für eine sehr lange Nutzungsdauer gebaut ist, ist es wichtig, neue Märkte zu erschließen und das Sortiment zu erweitern. Dies seien die beiden wichtigsten Wachstumsfaktoren. Timo Horl blickt gelassen in die Zukunft: „Allein in Deutschland gibt es 40 Millionen Haushalte, die potentiell Messer schärfen könnten. Weltweit wird gekocht und geschnippelt.“ Die Exportquote liege bei 65 Prozent.