Der Krieg ist der Vater aller Dinge

Ein Panzer, der nur 43 Kilogramm wiegt? Inflatech stellt solche Täuschungsobjekte her. Die Auftragsbücher sind wegen der aktuellen Lage gut gefüllt.


„Ich würde gerne Produkte für Kinder herstellen und damit Menschen glücklich machen“, antwortet  Vojtěch Fresser auf die Frage nach einer Vision für sein Unternehmen in einer friedlichen Welt. Fresser ist Geschäftsführer des tschechischen Militärunternehmens Inflatech s.r.o, das in der Nähe der deutsch-tschechischen Grenze in Děčín ansässig ist. Die Rechtsform s.r.o. stellt in Tschechien eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung dar. Das 2014 gegründete Unternehmen produziert Kriegsgeräte – mit einer Besonderheit: Die Geräte werden weder für Angriff noch Verteidigung entworfen. Es sind aufblasbare Täuschungsobjekte, die laut Fresser „der strategischen Kriegsführung und Trainingszwecken“ dienen. Die Produkte ähneln dem Trojanischen Pferd aus der griechischen Mythologie, das ebenfalls den Gegner in die Irre führen sollte.

Hergestellt werden Attrappen von Kampfjets wie der Su-27 und der F-16, von Kampfpanzern wie dem Leopard 2A4 und dem M1 Abrams, von Flugabwehrsystemen wie dem MIM-104 Patriot und dem  M142 HIMARS und von ähnlich schwerem Kriegsgerät wie Haubitzen. Die Objekte können laut Fresser „mit bloßem Auge schon aus einer Entfernung von ungefähr 350 Metern nicht mehr von echtem Kriegsgerät unterschieden werden“. Unterstützt wird die Illusion dadurch, dass die Attrappen in begrenztem Umfang mobil sind und hoch entwickelte thermische und Radar-Signaturen besitzen. Auf Luftbildern von Drohnen oder anderen Aufklärungsinstrumenten sind sie nur schwer von echten Zielen zu unterscheiden.

Neben dem Aussehen seien „die thermalen Signaturen ein viel wichtigerer Bestandteil unserer Produkte“, sagt Fresser. Denn nach einer Sichtung würden die infrarotgelenkten Raketen auf dem Radar die Thermik der Attrappe erkennen und eingesetzt werden, um das vermeintliche Ziel auszuschalten. Damit die Attrappen wie  echt auch auf dem Radar erscheinen, kooperiert Inflatech laut Fresser mit „Unternehmen, die unter anderem Teile der F-35 herstellen“. Genauere Angaben will er aufgrund der militärischen Geheimhaltung nicht machen.

Aufgebaut werden können die Täuschkörper von wenigen Soldaten in weniger als 20 Minuten. „Manchmal haben wir bei Schulungen bereits kleine Wettkämpfe gemacht, wer am schnellsten allein eine Attrappe aufbauen kann“, erzählt Fresser. Auf kurzen Strecken seien die Attrappen gut zu transportieren. Wiege ein Schützenpanzer Leopard 2A4 60 Tonnen, bringe seine Attrappe nur 43 Kilogramm auf die Waage. Mit 25.000 Euro beläuft sich der Preis auf rund ein Hundertstel des Preises für einen echten Panzer.

Der Preisabstand zwischen Original und Attrappe ist bei teureren Waffensystemen, wie dem Patriot-Raketenabwehrsystem, das auch die Bundeswehr besitzt, laut Fresser noch um ein Vielfaches größer. Die Vernichtung der Täuschungsobjekte kommt den Feind teuer zu stehen, denn er setzt dafür echte Raketen und Munition ein. Außerdem verrät der Feind durch die Vernichtung eines vermeintlichen Kriegsgeräts seine Position.

Wegen  stetiger Neuentwicklungen von Produkten ist Inflatech nach Angaben des Geschäftsführers auf diesem Nischenmarkt Weltmarktführer; der technologische Vorsprung vor der Konkurrenz sei groß. Die Produkte des 70 Kilometer von Dresden entfernt ansässigen Unternehmens kosten je nach Ausführung bis zu 100.000 Euro. Die Kunden seien bereit, diese Preise zu zahlen. „Das liegt unter anderem daran, dass die Inflatech s.r.o. innerhalb der NATO eine Art Monopol darstellt“, sagt Fresser.

Zu den Kunden gibt die Geschäftsführung nur preis, dass man auf vier Kontinenten aktiv sei und Hauptabnehmer die NATO-Staaten seien. Verkauft werden die Produkte primär an Armeen und Regierungsorganisationen, die nicht durch EU-Richtlinien beschränkt sind oder auf entsprechenden Embargolisten stehen. Aber auch Privatpersonen mit einem von der EU gesetzlich vorgeschriebenen Endverbraucherzertifikat wurden schon beliefert. „Die thermische Signatur und Radarerkennung wird bei der Belieferung von Privatpersonen jedoch nicht verbaut“, erklärt Fresser.

Zu einer Belieferung der Ukraine möchte er keine Angaben machen. Er bestätigt lediglich die Vermutung, dass auch dort Täuschkörper eingesetzt werden. Jedenfalls hat sich der Umsatz des Unternehmens zwischen 2021 und 2022 mehr als verdoppelt. Intensives Marketing sei wegen der angespannten Sicherheitslage in Europa nicht notwendig. Die Produkte werden auf Militärübungen und Ausstellungen vorgestellt. Inflatech sei vielen Kunden bereits bekannt.

Täuschkörper spielten eine immer wichtigere Rolle im Bereich der elektronischen Kriegsführung. Diese Attrappen werden aus Kunstseide genäht und mithilfe eines Kompressors aufgeblasen. „Es gibt eine lange Tradition in Děčín in der Textilherstellung“, sagt Fresser. Deshalb haben er und die drei anderen Gründer vor zehn Jahren diesen Standort gewählt. Inflatech beschäftigt 35 Mitarbeiter.

Im Jahr 2022 lag der Umsatz bei 2,3 Millionen Euro. Die Geschäftsführung sieht das Unternehmen auf einem Wachstumspfad. „Nach einer friedlichen Phase, die auf den Kalten Krieg folgte, sind aktuell Spannungen zu beobachten, und viele Länder rüsten militärisch auf.“ Laut   Fresser sind die Auftragsbücher gut gefüllt.

Der Gestaltung der Produkte sind kaum Grenzen gesetzt, produzierbar sei fast alles. Von der Auftragsklärung bis zur Auslieferung der fertigen Produkte dauert es im Durchschnitt sieben Wochen. Die Produktion ist sehr flexibel. Damit ist das Unternehmen auch für friedlichere Zeiten gerüstet, in denen man den Traum vom Spielzeugbau verwirklichen könnte. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2024, Nr. 102, S. 18 - Bendix Alke, Gymnasium Ohmoor, Hamburg

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