Eine MRT oder CT aus der Ferne bedienen – das können medizinische Fachkräfte mit einer neuen Plattform
Der Patient ist verärgert: Schon wieder wurde seine radiologische Untersuchung abgesagt. Eine Fachkraft ist erkrankt, und es gibt keinen Ersatz. Dies ist in Praxen Alltag; der Personalmangel verschärft sich auch im Gesundheitswesen. Gleichzeitig nimmt der Bedarf an medizinischen Leistungen infolge einer immer älter werdenden Bevölkerung zu. Behandlungen verzögern sich, teure Apparate werden nicht optimal ausgelastet.
Besonders empfindlich trifft dies die Radiologie, die mit sehr kostspieligen Apparaten, insbesondere CT-, MRT-, Ultraschall- und Röntgengeräten, arbeitet. Die bildgebenden Geräte steuern Medizinische Technologen für Radiologie (MTR). Wenn die teure Technik wegen fehlender MTR nicht optimal genutzt werden kann, führt dies zu Gewinneinbußen. Die 2022 gegründete Berliner Roclub GmbH wirkt dem entgegen. Ihre Fernsteuerungsplattform soll radiologischen Einrichtungen ermöglichen, die Versorgungssicherheit von Kliniken und Praxen mit medizinischen Fachkräften zu jeder Zeit und an jedem Ort sicherzustellen.
Das Unternehmen haben die Geschäftsführer André Glardon und Matthias Issing gegründet. 2011 riefen sie das auf radiologische Dienstleistungen spezialisierte Unternehmen Medneo ins Leben, das bis heute erfolgreich arbeitet. Nun wollen sie Roclub mithilfe ihrer guten Branchenkontakte am Markt etablieren. Laut Glardon hat Roclub 6,5 Millionen Euro Startkapital von Investoren eingeworben; seit Mitte 2023 sei die Fernsteuerungsplattform am Markt. Das Unternehmen beschäftige derzeit etwas mehr als 20 Mitarbeiter.
Die Plattform ermöglicht eine einfache und schnelle Einbindung und Fernsteuerung radiologischer Geräte. Die einfache Anbindung (Konnektivität) ist nach Glardon eines der Alleinstellungsmerkmale von Roclub: Die Geräte werden über einen Plug-and-Play-Ansatz in eine von Roclub entwickelte Internet-of-Things(IoT)-Plattform eingebunden. Fachpersonal und Ärzte können sich von jedem Standort auf die Geräte schalten und diese dann steuern, es werden nur ein Browser und ein Internetzugang benötigt.
Das sei ein anderer technischer Ansatz als serverbasierte Fernsteuerungslösungen von Medizintechnikherstellern wie Siemens und Philips. „Wir sind herstellerunabhängig“, sagt Glardon. „Nach unserem besten Wissen sind wir der einzige neutrale Anbieter am Markt mit internationalen Ambitionen, der nicht gleichzeitig Medizintechnikgeräte verkauft.“
Roclub hat den Konnektor entwickelt, in der Größe eines Mobiltelefons. Den klemmt man an das Videokabel an, das den Monitor versorgt. Er könne die Benutzeroberfläche auf dem Bildschirm der remote zugeschalteten Fachkraft replizieren und eine zweite Maus oder Tastatur nachbilden. So könne man die in die Plattform eingebundenen Geräte von anderen Computern aus steuern. „Man kann aus der Ferne alles tun, was man vor Ort an der Konsole des medizintechnischen Gerätes auch tun würde.“
Der Fernsteuerung radiologischer Geräte sind durch den Gesetzgeber Grenzen gesetzt. MRTs funktionieren mit einem starken Magnetfeld und ohne Röntgenstrahlung. Die Fernsteuerung dieser Geräte ist zulässig. Anders ist die Rechtslage bei CTs, die Schnittbilder des Körpers mittels eines Röntgenstrahlers erzeugen. Bei diesen ist die Fernsteuerung aus Strahlenschutzgründen nicht zulässig.
Die neue Fernsteuerungstechnologie kann von den Praxen und Kliniken zu rein internen Zwecken genutzt werden, eigene MTR arbeiten dann remote. Es sei künftig auch möglich, medizintechnisches Fachpersonal von außerhalb online hinzuzubuchen. Roclub dient so gleichzeitig als Stellenplattform. MTR können sich über die App von Roclub registrieren. „Wenn ein Krankenhaus einen Personalengpass hat, kann es über unsere Connectivity-Lösung die Geräte anbinden und außerdem eine Fachkraft aus dem Marktplatz heraus buchen, die verschiedene Services anbietet“, erklärt Glardon. Vor Ort konzentriere sich die Arbeit nur noch auf die Patientenbetreuung und nicht mehr auf die technische Durchführung der Untersuchung.
Maximilian Brandl, Radiologe in München, betrachtet die neue Fernsteuerungslösung eher skeptisch. „Ob solche Remote-Untersuchungen im Alltag auch wirklich praktikabel sind, wird sich zeigen“, sagt er. Für eine wirklich effektive ferngesteuerte Nutzung brauche es standardisierte Untersuchungsprotokolle, also Untersuchungen, die immer nahezu gleich ablaufen. Oft entscheide der Arzt jedoch erst am Tag der Untersuchung, welche Sequenz aufgenommen werde. Dann sei es zeitaufwendig, ständig telefonisch Anweisungen an einen remote geschalteten MTR geben zu müssen. Bei komplett standardisierten Untersuchungsprotokollen wie für Kniegelenke könne eine ferngesteuerte Untersuchung jedoch praktikabel sein.
Roclub hat seit Mitte 2023 eine dreistellige Zahl von Geräten an das IoT-Netzwerk angeschlossen, überwiegend in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der jährliche Lizenzpreis für die Anbindung liege im einstelligen Tausenderbereich.