Die Mischung macht’s

Sowohl bei Menschen als auch beim Müsli


Die Bio-Rösterei Heyho GmbH aus Lüneburg will Arbeitsplätze für Menschen schaffen, die aufgrund von schwierigen Lebensläufen und damit verbundenen Stigmatisierungen keinen guten Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Es geht nicht darum, ob eine Person in der Vergangenheit etwa inhaftiert, psychisch oder suchterkrankt war, sondern um die Fähigkeiten, die sie heute in das Team einbringt. „Bei Heyho nennen wir das bewegte Lebensläufe“, sagt Pressesprecherin Theresa Gessert. Die Mitarbeiter haben ein stabiles Einkommen und die Möglichkeit, langfristig in einem Unternehmen zu arbeiten, das ihre Fähigkeiten und Potenziale schätzt. „Wir rösten Hafer, um Menschen einzustellen und nicht andersrum“, betont Gessert.

Die Gründer Timm Duffner und Christian Schmidt taten sich 2016 mit Stefan Buchholz zusammen. Duffner hatte viele Jahre in der Lebensmittelbranche gearbeitet, den Deutschlandbereich von Ben & Jerry’s aufgebaut. Schmidt kam als Praktikant zu Duffner. Buchholz leitete 15 Jahre die Lüneburger Wohnungslosenhilfe. „Mittlerweile sind wir nicht nur selbst ein Ort der gesellschaftlichen Teilhabe, sondern begleiten auch andere Betriebe dabei, ihren Einstellungsprozess zu öffnen und von den Ressourcen der Menschen zu profitieren, die derzeit vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, obwohl sie arbeiten wollen“, sagt Duffner.

Heyho hat sich zu einer bekannten Marke für handgemachtes Müsli entwickelt. Die Produkte, sechs Müsli-Sorten und zwei Aufstriche, findet man bei dm und Alnatura, in Bio- und Unverpackt-Läden. „Wir produzieren knusprige, vegane Bio-Müslis mit der Superzutat Hafer, weil Hafer ein guter Nährstofflieferant ist“, sagt Gessert. Der Preis je Kilogramm liegt bei 25 Euro.

Im Herbst 2023 hat Heyho ein durch die Europäische Union gefördertes Forschungsprojekt mit der Leuphana Universität Lüneburg begonnen. „Wir wollen wissenschaftlich schauen, was es in Unternehmen braucht, um Menschen mit bewegten Lebensläufen einzustellen“, erklärt Gessert. „Was wir erleben, ist, dass sich soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt und Wirtschaftlichkeit nicht ausschließen, im Gegenteil.“ Dazu brauche es einen regelmäßigen offenen Austausch. „Wenn dabei seelische Konflikte oder Themen wie Suchterkrankungen zur Sprache kommen, holen wir uns, falls nötig, externe Beratung an den Tisch.“ Das Unternehmen sei auch ein Ort der Begegnung. „Wir wollen einander ins Gesicht schauen, wollen miteinander sprechen“, erläutert Gessert. So trifft sich das Team montags bis freitags zum Mittagessen.

Der Jahresumsatz liege im niedrigen einstelligen Millionenbereich. Heyho beschäftigt 30 Mitarbeiter. Jährlich werden 300.000 Packungen produziert. Man wünsche sich, „dass andere Unternehmen unsere Idee klauen“, sagt Gessert. „In Zeiten des Arbeitskräftemangels braucht es Lösungen, wie man Menschen involvieren kann, die ausgeschlossen sind.“

Romano Lai, 52 Jahre, schrieb nach seiner sieben Jahre dauernden Inhaftierung mehr als 50 Bewerbungen, bekam nur Absagen und fand eine ehrenamtliche Beschäftigung. Vor vier Jahren kam er zu Heyho. Seitdem hat sich sein Leben verändert. „Ich habe mehr Struktur gekriegt, das Finanzielle ist besser, und die Stimmung ist viel besser durch die Arbeit“, erzählt er. „Man hat was geschafft abends.“ Er schätzt die Vielseitigkeit seiner Tätigkeit. „Ich backe, ich fülle ab, ich packe ein.“

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2024, Nr. 207, S. 20 - Anouk Anna Avsar, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

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