In der Glotze wird alles aufgewärmt

„Haut mal einen Applaus raus“:  Wie Marco Laufenberg einer der wenigen Anheizer im Fernsehen wurde.


Wer schon einmal bei einer Fernsehshow live dabei war, durfte einiges sehen, was die Fernsehzuschauer nicht mitbekommen sollen. Hinter den Kulissen agiert zum Beispiel  Marco Laufenberg aus Hetzenholz in Nordrhein-Westfalen. Laufenberg ist seit 24 Jahren hauptberuflich Warm-upper oder Anheizer: Er kurbelt die Vorfreude der Zuschauer weiter an.  Vergleichbar ist das mit der Vorband eines Konzerts; allerdings bleibt er die ganze Veranstaltung über vor Ort und beim Publikum präsent.  

„Ich begleite das Publikum durch den Abend“, sagt  Laufenberg. „Meine Aufgabe ist es auch, den Leuten vorher die Scheu zu nehmen und dafür zu sorgen, dass sie frei agieren.“ Ein Studio kann auf den ersten Blick  beängstigend sein, vor allem wenn überall Kameras sind und man die Sorge hat, sich vor dem Fernsehpublikum zu blamieren. „Die Leute werden so in Stimmung gebracht, dass sie das Drumherum vergessen und die Scheu vor den Kameras nicht mehr haben“, erklärt Laufenberg. 

 „Wenn euch was gefällt, dann haut doch mal einen Applaus raus“, lautet sein Standardspruch. Allerdings gibt es auch Ausnahmen; dann hilft Laufenberg nach. Dazu gehören Situationen wie Preisverleihungen, bei denen die Preisträger aus dem Publikum auf die Bühne kommen. Dieser Weg ist meistens lang. „Es klingt doof, wenn auf halber Strecke kein Applaus mehr kommt“, sagt Laufenberg.

In manchen Spielshows gibt es auch einen „Trenner“: Wenn es in eine neue Spielrunde geht, zeigt Laufenberg an, wenn geklatscht werden soll. „Das Ziel ist letztendlich, es so zu machen, dass die Leute dies von selbst und auch natürlich machen“, erklärt er. Dass er nicht im Fernsehen zu sehen ist, stört ihn nicht. „In der Öffentlichkeit zu stehen ist eine Medaille mit zwei Seiten, und für mein Ego muss ich das nicht haben.“

In seinen Beruf rutschte Laufenberg hinein. Er studierte Sozialpädagogik und verkaufte nebenbei Karten für Fernsehshows. An einem Tag fiel der Anheizer für die Show „Nur die Liebe zählt“ aus. Als gefragt wurde, wer einspringen könne, sagte sein damaliger Chef: „Ich hab hier einen sitzen, der macht das.“ Laufenberg wurde ins kalte Wasser geworfen. „Das hat ganz gut funktioniert“, erinnert er sich. 

Auch auf Feinheiten muss Laufenberg achten. Zum Beispiel muss sich der Host, der Gastgeber der Show, wohlfühlen und nicht den Eindruck haben, ihm oder ihr werde die Show gestohlen. „Ich will immer ein guter Sidekick sein“, sagt Laufenberg. Der Gastgeber wisse, dass er seinen Platz nicht haben wolle.

Unangenehm oder neu war Laufenberg die Bühne nicht. Als Frontmann einer Band hatte er schon oft auf ihr gestanden. Und in seinem Studentenjob, in dem er Karten verkaufte, sammelte er Studioerfahrung. Er koordinierte auch die Sitzplätze der Zuschauer und bekam dadurch schon ein gutes Gefühl, wie es ist, auf der Bühne zu stehen und Leute anzusprechen. Dennoch ist er bis heute vor den Auftritten aufgeregt. „Ich fange jeden Tag bei null an“, sagt er. „Die Leute kommen nicht wegen mir, sondern weil sie die Sendungen sehen wollen. Das heißt, ich muss mir das jedes Mal erneut erarbeiten, und davor habe ich großen Respekt.“

Auf die Frage, warum Veranstalter genau ihn buchen sollten, antwortet Laufenberg: „Weil ich unkonventionell, authentisch und auf die Situation bezogen agiere. Ich fahre kein Programm ab, sondern gucke, was die Veranstaltung braucht.“ Er erreiche immer das Level, das an dem Abend gebraucht werde. „Ich tue nicht so, als wäre ich der Kumpeltyp, ich bin das tatsächlich.“

Seine erste Sendung, „Nur die Liebe zählt“, hatte 250 Zuschauer. Er arbeitete dann in kleineren Sendungen wie dem „Kochduell“ mit rund 50 Zuschauern und Quizshows. Es folgten mehr Aufträge, auch aus der Comedy-Szene. Ein Kompliment, an das er sich gut erinnert, war: „Wenn du das Warm-up machst, sind die Leute bei der ersten Nummer dort, wo sie sonst bei der vierten sind.“ Die großen Veranstaltungen mit mehreren Tausend Zuschauern kamen später: Comedy-Aufzeichnungen in der Kölnarena und der Frankfurter Jahrhunderthalle, der „Eurovision Song Contest“  2011 im Düsseldorfer Stadion und Shows der Zauberkünstler „Ehrlich Brothers“.

„Die vergangenen fünf bis sieben Jahre waren meine erfolgreichsten, was die Quantität und auch das Wirtschaftliche angeht. Da kann ich mich nicht beklagen“, sagt Laufenberg. Seine Fähigkeiten verbessert er weiterhin ständig. „Mir ist es sehr wichtig, dass, wenn man mich das zehnte Mal sieht, nicht den Eindruck hat, ich habe zehn Mal das Gleiche erzählt“, erklärt Laufenberg. Die Branche der Warm-upper ist klein. „Es gibt ungefähr fünf bis sieben professionelle, hauptberufliche Warm-upper in Deutschland“, berichtet Laufenberg. Als Konkurrenten empfindet er die anderen nicht. 

Die Corona-Pandemie war  zunächst ein Schock für ihn. „Ich war auf ein halbes Jahr ausgebucht“, erzählt Laufenberg. „Und dann kam der erste Lockdown. Ich saß im Zug mit dem vollen Buch und bin im Prinzip arbeitslos zu Hause angekommen, weil im 15-Minuten-Takt die Jobs abgesagt wurden.“ Doch gab es schnell Unterstützung aus der Branche.

Und Laufenberg begann, Publikum zu simulieren. Dazu gehörte Applaus, bei dem er verschiedene Tonspuren hintereinander spielte; es klang, als wären rund 60 Personen im Raum. Für „Ninja Warrior Germany“ simulierte er ein ganzes Publikum, das die Teilnehmer anfeuerte und für jede Situation eine passende Emotion bereithielt. „Ich saß im Studio vor einem riesigen Monitor mit 16 Kameraperspektiven und einem Blick auf die Startposition. Ich habe die Anmoderation gemacht und den Teilnehmern von meiner Seite aus ein Announcement mit extra Motivation gegeben und anschließend die Sounds eingespielt.“

Er verdiene so viel wie ein Angestellter, der ordentlich verdiene, sagt Laufenberg. Seine Gage steigt mit der Größe der Show.  Auch die Zahl seiner Aufträge variiert. „Man hat Monate, da hat man nur sechs Jobs, und andere, da hat man 35.“ Seine Jahresumsätze von 2020 bis 2022 lagen im mittleren fünfstelligen Bereich. Seine Arbeit umfasst einen kleinen Bereich, Produktionsfirmen und Fernsehstudios. „Da spricht sich natürlich herum, wer  die guten Warm-upper sind“, sagt Laufenberg. In der Regel arbeitet er für das deutsche Fernsehen. Auf die Frage nach künftigen Herausforderungen sagt er: „Ich bin nicht der Mensch, der höher, schneller, weiter denkt.“ Er habe  alles, ihm gehe es gut. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2023, Nr. 255, S. 18 - Laura Schütz Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

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