Ja nix aufs Auge drücken

In einem Café in Berlin, Prenzlauer Berg, sitzt freundlich lächelnd auf einem Vintage-Stuhl Junior Ackeem Ngwenya. Seine rote, runde Brille fällt auf. Sie sei  passend zu seiner Nasenform produziert worden, er habe sie selbst designt, erzählt er.  Ngwenya hat 2020 Reframd gegründet, aus der Frustration heraus, keine gut sitzende Brille gefunden zu haben. „Ich hatte einfach nicht das Gefühl, dass die Passform für mein Gesicht oder meine Nase angemessen war. Nach einiger Zeit des Ausprobierens wurde mir klar, dass es eher das Produkt war, das nicht für mich gemacht war“, erzählt er.

Diese Frustration kennen viele schwarze Menschen, Indigene und People of Color, denn ihre Gesichtsformen entsprechen nicht den westlichen Normen. „Wir wollen der einseitigen Orientierung in der Brillenindustrie entgegenwirken, die Kunden von Brillen als Einheitsgröße betrachtet“, erklärt Ngwenya. Die Industrie stelle  Brillen vor allem aus einer weißen Perspektive her, sagt der  Design-Ingenieur, der Reframd gemeinsam mit dem Marketingstrategen Shariff Vreugd gegründet hat.

 Man lasse die Brillen in Deutschland und Polen herstellen; die Hauptabsatzmärkte seien die USA, Kanada, Australien, Deutschland, Großbritannien und Neuseeland. Vor allem Menschen aus der asiatischen und schwarzen Community seien Kunden. In den Kollektionen finden sie verschiedene  geometrische Formen und Farben.   

 Wenn man eine Brille auf der Internetseite schön findet, kann man sie in der Reframd-App anprobieren und anschauen, ob sie passt. Oder man kann  mit einem einfachen Hilfsmittel, einer Kreditkarte, vor dem Spiegel sein Gesicht ausmessen. Die Kreditkarte eignet sich besonders gut, da sie eine genormte Größe hat und in vielen Haushalten vorhanden ist.

Reframd hat auf der Grundlage von rund 3000 Gesichtern neun „Frames“, Brillengestelle, entwickelt, die die Mehrheit aller Gesichtsformen abdecken sollen. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen mehr als 1000 Brillen verkauft. Sie kosten zwischen 180 und 500 Euro. Neu im Sortiment sind Sonnenbrillen ab 35 Euro. Der Umsatz lag 2023 im mittleren sechsstelligen Bereich, sagt Ngwenya. Man habe keine festen Angestellten, sondern arbeite mit Freiberuflern zusammen.

Die Gestelle werden aus einem nachwachsenden Rohstoff gefertigt, aus Rizinusbohnen, die in tropischen Klimazonen wachsen. Sie können 4 bis 6 Monate nach der Anpflanzung geerntet werden und sind von Natur aus trockenheitstolerant. Sie seien umweltverträglich, weil ihr Anbau nicht zur Abholzung von Wäldern beitrage oder mit der Nahrungsversorgung von Mensch und Tier konkurriere, heißt es von Reframd.

Die Brillen werden nach Bedarf hergestellt. In einer additiven Fertigung werden sie Schicht für Schicht aufgebaut. Dadurch entstehe bis zu 90 Prozent weniger Abfall als bei herkömmlichen Verfahren wie der CNC-Fertigung oder dem Spritzguss, heißt es. Nach eigener Aussage verwendet Reframd  etwa 70 Prozent der Abfälle in der nächsten Produktionscharge wieder.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2024, Nr. 79, S.18 - Malia Neumann, Heinz-Berggruen-Gymnasium, Berlin

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