Charge X verkauft intelligente Mehrfachstecker zum Aufladen von Elektroautos
In der Tiefgarage standen morgens drei Autos an drei Ladestationen“, erinnert sich Geschäftsführer Tobias Wagner. „Diese waren nach einigen Stunden voll geladen und blockierten die Ladesäulen für weitere Autos, sodass die teure Ladeinfrastruktur für den Rest des Tages ungenutzt war.“ Zusammen mit Michael Masnitza hat er daher 2018 in München die Charge X GmbH gegründet.
„Unsere Aqueduct-Ladesysteme kann man sich wie einen intelligenten Mehrfachstecker für Elektroautos vorstellen“, erklärt Wagner. „Besonders ist, dass wir keine einzelnen Wallboxen vertreiben, sondern komplette Ladesysteme. Diese sind zwar nur über einen Anschluss an das Stromnetz angebunden, können aber um neun Module erweitert werden.“ So könne der begrenzte Ladestrom eines Stromanschlusses auf bis zu zehn Fahrzeuge bedarfsgerecht verteilt werden.
Resonanz finden die Produkte vor allem dort, wo mehrere E-Autos an einem Ort laden. Da wegen des begrenzten Stromanschlusses oft zeitversetzt geladen wird, sind sie allerdings nur geeignet, wenn die Autos für längere Zeit parken, denn das Laden dauert im Vergleich zu mehreren Einzelanschlüssen meistens länger. „Eine Anschlussleitung mit 11 Kilowatt kann in 10 Stunden 110 Kilowattstunden Strom liefern“, erläutert der Vertriebsleiter Ronald Meier. Je mehr Autos über diesen Anschluss laden, desto länger dauere der Ladevorgang. „Unsere Ladesysteme sind somit nicht für das spontane Laden, zum Beispiel während des Einkaufens, ausgerichtet.“ Daher fokussiere sich Charge X vor allem auf den Unternehmensbereich.
„Der Flughafen Frankfurt nutzt unsere Systeme zum Beispiel, um Fahrzeuge auf dem Vorfeld zu laden“, berichtet Meier. Auch das Bekleidungsunternehmen Marc O’Polo habe für Dienst- und Mitarbeiterfahrzeuge Charge-X-Ladepunkte installiert. Nicht zuletzt gehöre auch die Wohnungswirtschaft zur Kundengruppe. „Die Wohnungseigentümergemeinschaft Skylineblick in Frankfurt verwendet beispielsweise unsere Systeme, um, trotz des im Verhältnis zu den verfügbaren Stellplätzen begrenzten Stroms, privates Laden in der Tiefgarage von Mehrgeschosswohneinheiten zu ermöglichen“, berichtet Meier.
Olaf Becker, wissenschaftlicher Beirat im Bundesverband E-Mobilität, kennt Charge X seit seinen Anfängen. Auch er bestätigt, dass die Systeme beim Laden von Fahrzeugen mit kurzer Verweilzeit an ihre Grenzen kommen. „Nur einen 11-Kilowatt-Anschluss für mehrere Wallboxen zu nutzen ist allerdings dort sinnvoll, wo wenig Kapazität zur Verfügung steht und eine teure Nachrüstung preislich unattraktiv oder nicht möglich ist“, erklärt Becker.
Ähnlich sieht dies Thomas Stetz von der Technischen Hochschule Mittelhessen: „Den Ansatz von Charge X, die benötigte Ladeenergie zeitlich bestmöglich aufzuteilen, finde ich sehr elegant, wenn man den kostenintensiven Netzausbau aufgrund von Elektromobilität vermeiden will.“ Stetz ist aber skeptisch, ob es bei öffentlichen Ladeplätzen eine vergleichbare Akzeptanz gibt wie bei einem eingeschränkten Nutzerkreis.
Im April 2022 hat Charge X die „Drop Power Sharing“-App herausgebracht. Sie ermöglicht ein Laden nach Priorität. „In der App können die Nutzer ihre individuellen Daten eintragen wie Abfahrtszeit und benötigte Reichweite“, erklärt Lukas Bobinger, Leiter digitale Dienste bei Charge X. Zur Verteilung des begrenzten Ladestroms wird dann die In-App-Währung „Drops“ genutzt. Zu Beginn jeder Woche verteilt der Standortadministrator das begrenzte Budget dieser Drops. „Ein Drop entspricht in etwa einem Kilometer priorisierter Reichweite“, sagt Bobinger. So kann jeder Nutzer selbst bestimmen, in welcher Zeit das eigene Auto priorisiert geladen werden soll.
Im speziellen Bereich, in dem Charge X agiere, gebe es keine Systeme anderer Anbieter, die direkt vergleichbar wären, sagt Becker. Mitbewerber im größeren Bereich der smarten Ladestationen seien unter anderen Mennekes, Keba und Alfen.
„Unsere Kunden setzen auf die Skalierbarkeit unserer Systeme, denn unser Aqueduct-Ladesystem ist das erste, das flexibel und auch ohne Fachkenntnisse nachträglich erweitert werden kann“, sagt Bobinger. Nur das Startmodul müsse von einer Fachkraft an die Hausverteilung angeschlossen werden. „Danach können alle weiteren Ladepunkte innerhalb von sechzig Sekunden installiert werden.“
Der Verkaufspreis für ein Aqueduct-Ladesystem, bestehend aus einem Startmodul und einem weiteren Ladepunkt, beträgt rund 3000 Euro, für ein System mit vier Ladepunkten etwa 4750 Euro. Das Unternehmen, das gut 40 Mitarbeiter beschäftigt, hat nach der ersten Installation im Jahr 2019 gut 4500 Ladepunkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft. „Wir haben von Jahr zu Jahr eine Umsatzsteigerung von 300 Prozent erzielt“, sagt Wagner. Im Jahr 2022 habe der Umsatz im mittleren siebenstelligen Bereich gelegen.
Zurzeit arbeitet man an einem Konzept zum bidirektionalen Laden. Dabei kann die Energie zwischen den Akkus mehrerer Elektroautos über das Ladesystem übertragen werden. Dienstfahrzeuge, die nachts am Firmenstandort aufgeladen wurden, können so tagsüber das lokale Ladenetz entlasten.