Auch fürs Aufräumen gibt es Coaches. Sie helfen ihren Kunden, Ballast abzuwerfen. Das soll gut für die Seele sein.
Rita Schilke ist eine von vielen Coaches, die Menschen beim Aufräumen unterstützen. Im Jahr 2010 habe sie sich als eine der ersten Aufräumcoaches selbständig gemacht, erzählt die Berlinerin. Schilke bietet ihren Kunden Besuche zu Hause und Onlinecoachings an. „Menschen holen meine Unterstützung für alle Bereiche des Lebens vom Ausmisten der Papiere und persönlichen Unterlagen über das Durchsehen des Kleiderschranks bis hin zum Neustrukturieren von Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer und Küche.“ Schilke hält zudem Vorträge, und sie bietet Workshops in Unternehmen an. 2019 hat sie ein Buch über das Thema Ordnung herausgebracht. Darin stellt sie die fünfzig besten „Chaos-Killer“ für Familien vor.
„Meine Arbeit als Aufräumcoach erlebe ich als sehr erfüllend“, sagt Schilke. Ihr Stundensatz beträgt je nach Aufwand zwischen 70 und 100 Euro. Hinzu kommen Kosten für An- und Abfahrt. Ihr Umsatz sei 2022 um 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, berichtet sie. Er liege zwischen 25.000 und 40.000 Euro im Jahr. Meistens geht sie zu den Kunden nach Hause und bleibt drei Stunden.
Nach einem kurzen Eingangsgespräch schreite sie zur Tat und helfe den Kunden beim Aufräumen. „Begleitend gebe ich Tipps und Hinweise zum Herstellen einer nachhaltigen Ordnung und mache Vorschläge zur Gestaltung“, erklärt Schilke. Sie verändert nicht nur die Ordnung des Zuhauses, sie entlastet auch die Psyche ihrer Kunden. „Ballast abwerfen ist gut für die Seele“, sagt Schilke, die früher in den Bereichen Logistik und Buchhaltung gearbeitet hat.
Durch die Corona-Pandemie ist Schilke gut gekommen. Nach einem anfänglichen Einbruch war die Auftragslage wie gewohnt. Viele Menschen misteten wegen des ständigen Zuhausehockens aus und brauchten Unterstützung. „Aktuell spüre ich auch keinen Rückgang der Aufträge wegen größerer Sparbedürfnisse“, berichtet sie. Ihren Klienten verhelfe sie durch den Verkauf von nicht mehr Gebrauchtem sogar zu zusätzlichen Einnahmen.
Schilke erlebt auch Kurioses. Am skurrilsten war für sie ein Auftrag von Kunden aus der Gothic-Szene, die in einer Art Schloss wohnten samt passender Innenausstattung. Auch die Kleidung der Kunden war, diesem Stil angepasst, ausschließlich schwarz. Statt in Betten schliefen sie in Särgen. „Alles lag auf dem Boden und den Möbeln herum, zum Beispiel auch in den Särgen. Es hatten sich also im ganzen Haus Berge mit Kleidung, Taschen, Hundefutter, vollen Einkaufstaschen und Reitutensilien aufgetürmt.“ Sie habe sich auf die Kunden eingestellt, so wie sie eben waren. „In drei Stunden gelang es, das Wohnzimmer so aufzuräumen und die Möbel so aufzustellen, dass es optisch schöner wirkte und sich die Kunden wieder wohlfühlten.“
Manchmal hat Schilke andere Auffassungen darüber, was weggegeben werden sollte. „Dann kommt meine behutsame, aber auch zum Teil konfrontierende Überzeugungsarbeit“, sagt sie. „Letztlich entscheidet der Kunde, die Kundin, was er oder sie behalten möchte.“
Die Frau Ordnung GmbH aus Hombrechtikon in der Schweiz ist seit 2014 im „Home Organizing“ tätig. Gründerin und Inhaberin Martina Frischknecht beschäftigt zwei fest angestellte und zwei freie Mitarbeiter sowie einige Partnerinnen; diese sind ehemalige Teilnehmerinnen ihrer Ausbildung „Masterclass für zertifizierte Home Organizer“. „Ich habe bereits über 150 Home Organizer ausgebildet“, sagt Frischknecht. Sie bildet nur noch online aus, bis zu 60 Teilnehmer im Jahr aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Die Absolventen können für Frischknecht arbeiten oder sich selbst ein Ordnungsbusiness aufbauen.
Frischknechts Anfänge fanden in der Garage ihres Vaters statt, wo sie ihm Ratschläge zu seiner leicht unorganisierten Garage machte. Gemeinsam räumten sie dann auf. „Früher musste ich oft erklären, was ich mache“, erzählt sie. Manche Kunden hätten sich geschämt, sie zu engagieren. Mittlerweile liege es im Trend, sich Hilfe zu holen. Oft würden der Keller oder Räume, die als Büro, Gästezimmer oder Bastelraum fungierten, aufgeräumt. „Die Küche und der Kleiderschrank sind auch immer ein Thema.“
„Der Umsatz hat sich verdoppelt, da ich meinen Raum für Ausbildungen auch für Deutschland und Österreich geöffnet habe“, berichtet Frischknecht. Zudem erhält sie im Bereich Home Organizing mehr Großaufträge. Im vergangenen Jahr belief sich der Erlös auf 100.000 Euro und 2021 auf 50.000 Euro.
Die Preise für das Home Organizing beginnen bei 750 Euro. Für 4990 Euro kann man sich von Frischknecht in der dreimonatigen „Masterclass“ zum Home Organizer ausbilden lassen. Nach eigener Aussage war sie im Ordnungsbereich und mit dem Ausbildungsangebot eine der Vorreiterinnen in Deutschland. Ausbildungsanbieter gibt es noch je zwei weitere in Deutschland und der Schweiz.
Der spannendste Auftrag war ein Einzugsprojekt. Mit vier Ordnungscoaches räumte man in vier Tagen ein Haus mit elf Zimmern ein; der Kunde sprach den Coaches sein volles Vertrauen aus, sie konnten ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Um Konflikte, so gut es geht, zu vermeiden, arbeitet auch Frischknecht bedürfnisorientiert; mit den Kunden erarbeitet sie Ziele, zum Beispiel mehr Raum oder weniger Gegenstände. „Wir sagen den Kunden jedoch nie, was sie weggeben müssen, sondern bringen sie dazu, selbst einzusehen, dass sie das Ding vielleicht wirklich nicht mehr benötigen.“
Die populäre Netflix-Serie „Aufräumen mit Marie Kondo“ hat Frischknechts Geschäft beflügelt. „Viele Menschen haben gemerkt, dass sie ihre Leidenschaft zum Beruf machen können und dass es sogar eine Ausbildung dafür gibt.“ Schilke berichtet, dass es durch die Serie selbstverständlicher wurde, sich Unterstützung beim Aufräumen zu holen. „Auch wenn ich selbst die Ansichten von Marie Kondo nicht teile, wurde ich selbst schon als eine Art deutsche Marie Kondo bezeichnet.“
Kunden von Frischknecht sind Christina Sternbauer aus Kreuzlingen und ihre Familie. Nach einem Umzug wurde jedes der zehn Zimmer systematisch so eingeräumt, dass nach dem vierten Tag eine Ordnung im Haus war, die auch beibehalten werden kann. „Das Ganze ist sehr nachhaltig. Wenn einmal Ordnung hergestellt wurde und man vor allem die angenehme Raumenergie und das angenehme Wohnen erlebt hat, ist es superleicht, das auch aufrechtzuerhalten“, sagt Sternbauer.