Viele lieben das Phantom der Oper

Beim Singen geht es nicht nur um Noten. Ihr müsst Freude daran haben“, sagt Deloris in dem Musical „Sister Act“. In den Jahren vor Corona haben nach der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins in jeder Spielzeit rund 1,5 Millionen Personen eine der mehr als 2000 Musicalaufführungen in Deutschland besucht. Vor allem unter  Familien und Paaren sind sie beliebt. In der Pandemie brach der Besuch ein. Nun hat sich die Lage wieder normalisiert, und nach Angaben von Felicitas Geipel, der Leiterin des Amateurbereichs in der Musik und Bühne Verlagsgesellschaft mbH in Wiesbaden, habe man die  Aufführungsrechte für „Sister Act“ in den vergangenen zwei Jahren am häufigsten verkauft. Rund zwanzig Premieren des Musicals habe es 2023 gegeben.

Wenn man hierzulande „Sister Act“ aufführen möchte, kommt man an dem Unternehmen nicht vorbei. Die Aufführungsrechte für ein Werk liegen bei jeweils einem Verlag, erklärt Geipel. „Jeder der großen Verlage hat quasi ein Monopol auf die von ihm vertretenen Bühnenwerke“, sagt sie. „Im Grunde sind wir alle Monopolisten.“ Die Verlagsgesellschaft vertrete mit Andrew Lloyd Webber, Stephen Sondheim und Frank Wildhorn „die drei wichtigsten Musicalkomponisten unserer Zeit“, heißt es auf der Internetseite. Das Unternehmen beschäftigt  fünf Mitarbeiter.

Die Agentur arbeitet mit Music Theatre International mit Sitzen in New York und London zusammen und mit The Really Useful Group aus London.  Letztere ist laut Geipel ein Unternehmen von Andrew Lloyd Webber, der unter anderem bekannt ist für „Starlight Express“ und „Cats“. Die Verlagsgesellschaft agiert in Deutschland, der Schweiz und Teilen von Österreich als deutschsprachige Vertretung für die beiden Unternehmen. Man verkauft also Aufführungsrechte sowohl an professionelle Gruppen als auch an Amateurgruppen.

Im Amateurbereich verkaufe die Verlagsgesellschaft jährlich Aufführungslizenzen für rund 50 verschiedene Stücke, berichtet Geipel. Insgesamt vertreibe man im Jahr  rund 300 Aufführungslizenzen an Amateurgruppen; eine koste bis zu 2500 Euro für ein Jahr. Insgesamt bietet die Agentur derzeit rund 400  Werke an, neben Musicals auch Operetten und Sprechtheaterstücke; darunter seien 245 Musicals. Laut Geipel machen die Amateurproduktionen ein Drittel bis die Hälfte des Umsatzes aus. Die Kosten für eine Lizenz setzen sich aus Tantiemen, Materialmiete, etwa für Klavierauszüge, und dem Versand, der 60 bis 70 Euro kostet, zusammen. Tantiemen sind die Gebühren, die an den Inhaber der Rechte gehen, wenn eines seiner Werke genutzt wird. 

 Nicht alle Anfragen für Aufführungslizenzen im Amateurbereich seien  umsetzbar. Wichtig sei zum Beispiel eine frühzeitige Kontaktaufnahme zu der Verlagsgesellschaft. Premieren müssten abgesagt werden, wenn vorher mit nicht lizenziertem Material geprobt worden sei. „Bei Amateurproduktionen müssen wir darauf bestehen, dass eine Mindestprobenzeit von vier Monaten unbedingt eingehalten wird“, erklärt Geipel. Denn nur so sei gesichert, dass „das Resultat den minimalen Qualitätsansprüchen der Autoren entspricht“. Außerdem würden bei manchen Stücken nicht einmal kleine Änderungen gestattet. In der Regel sei das kein Problem; man dürfe beispielsweise Sätze „mundgerecht“ machen, müsse aber nachfragen, wenn man ganze Abschnitte wegstreichen wolle. Ein Musical, bei dem keine Änderungen möglich seien, sei „West Side Story“.

Bettina Weyers, die Inhaberin der Gallissas Theaterverlag und Mediaagentur GmbH aus Berlin, sagt, dass sie keine Konkurrenz empfinde. Im Unterschied  zu anderen Verlagen setze man auf eine enge Zusammenarbeit mit den Autoren. Gallissas lege seit der Gründung 2005 einen Schwerpunkt auf Musicals. „Gallissas hat ein bedeutendes Portfolio mit vergleichbar wenigen Werken“, sagt die Inhaberin. Man bietet 280 Werke an, darunter 160 Musicals.  Im Portfolio des Verlags befinden sich bekannte Musicals wie „The Addams Family“ und „My Fair Lady“, außerdem Werke der Autoren Daniel Call und Noël Coward. Die Seefestspiele Mörbisch hätten zum Beispiel eine Lizenz für „My Fair Lady“ erworben. Solche Lizenzvergaben an professionelle Gruppen machten 17 Prozent der Einnahmen aus.

Gallissas arbeitet mit Theatrical Rights Worldwide in New York und Nordiska ApS in Kopenhagen zusammen. Man beschäftigt vier Mitarbeiter und habe derzeit rund 300 Lizenzen an professionelle und semi-professionelle Gruppen vergeben, „davon viele, die schon seit Jahren laufen“. Gut drei Viertel der Lizenzen gehen an Amateurgruppen. Letztere müssten weniger zahlen, im Durchschnitt rund 1500 Euro. 

Vor der Corona-Pandemie habe man zehn Mitarbeiter und größere Räumlichkeiten gehabt, sogar ein kleines Theater sei dabei gewesen. 2023 werde der Umsatz bei rund 5 Millionen Euro liegen, sagt Weyers. Die Pandemie hatte zur Folge, dass das gesamte Material digitalisiert wurde, was  Lagerplatz spart.

Etwas anders handhabt es die Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG mit Sitz in Berlin, wie Boris Priebe, der Leiter des Musiktheaters, berichtet. „Musikmaterialien, insbesondere Orchestermaterialien, werden, teilweise auch aus rechtlichen Gründen, nach wie vor überwiegend analog verschickt“, sagt er. „Das Angebot von Felix Bloch Erben und dem dazugehörigen Desch und Karl Mahnke Theaterverlag umfasst Sprechtheater, Kinder- und Jugendtheater und plattdeutsche Stücke“, erzählt Priebe. Knapp 20 Mitarbeiter beschäftige man. Insgesamt zählt man laut Priebe jährlich 70 bis 80 Musicalpremieren professioneller Gruppen, wobei es auch Vertragsverlängerungen gebe, manche Musicals liefen über längere Zeit. Abnehmer seien Stadt- und Staatstheater, Landestheater und Landesbühnen sowie viele Privatbühnen. Im Durchschnitt kommen jedes Jahr laut Priebe noch rund 50 Amateurproduktionen hinzu, auch Schultheater. Das am häufigsten lizenzierte Musical sei zurzeit  „Cabaret“.

Andere bekannte Werke seien „Hair“ und „Der kleine Horrorladen“. Für Letzteres hat Bloch Erben die Rechte für professionelle Gruppen; für Amateuraufführungen liegen sie bei der Musik und Bühne Verlagsgesellschaft. Eine solche Teilung ist die Ausnahme. Wenige Werke seien für Amateurgruppen unzugänglich, sagt Priebe.  In der Regel betrage  die Tantieme für Musicals 14 Prozent der Roheinnahmen. Der Umsatz der Unternehmensgruppe liege zwischen  5 und  10 Millionen Euro. Im Bereich des originär deutschsprachigen Musicals sei man womöglich Marktführer.

Eine weitere bedeutende Agentur ist die Concord Theatricals GmbH aus Berlin; geführt wird sie von Felix Herpin und Anne Oppermann.   Im Bereich Musiktheater bietet man Musicals, Shows und Operetten aus den Katalogen von Concord Theatricals, R&H Theatricals, Tams Witmark und Samuel French an.  Der Schwerpunkt liegt laut Herpin auf dem unterhaltenden Musiktheater aus dem angloamerikanischen Raum. Die Agentur vertrete das gesamte Œuvre von Rodgers & Hammerstein, darunter „The Sound of Music“, und alle Werke von Irving Berlin. Man lizenziere auch Werke von Marvin Hamlisch, der für „A Chorus Line“ bekannt sei. Insgesamt vertritt Concord Theatricals laut ihm mehr als 500 Musicals und Operetten und mehr als 1000 Sprechtheaterwerke.

 Wenige Werke dürften nur an professionelle Kunden vergeben werden. Zu ihnen gehörten   Stadt- und Staatstheater und  Festspiele. Die Höhe der Lizenz bemisst sich nach der Anzahl der Aufführungen und der Größe des Aufführungsortes.   Insgesamt lizenziert die Agentur laut Herpin ungefähr 150 Produktionen im Jahr, rund ein Viertel sind professionelle Produktionen. Das am häufigsten lizenzierte Musical sei zuletzt „Footloose“ gewesen. Für diese Lizenzierungen im deutschsprachigen Raum sind zwei Mitarbeiter tätig. Insgesamt arbeiten für Concord Theatricals 80 Personen. Laut Herpin ist der Umsatz zuletzt signifikant gestiegen, er bewege sich im niedrigen siebenstelligen Bereich. 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2024, Nr. 27, S. 21 - Franziska Marleen, Ewald Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

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