Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern

Über Ottochrom vermieten private Oldtimer-Besitzer ihre Schätze


Kaum läuft der Motor des Ford Mustang, schon riecht man den Geruch des frisch verbrannten Benzins. Bei Liebhabern alter Autos ruft das nostalgische Gefühle hervor. Die Berliner NVZ Kolbenfresser GmbH vermittelt unter dem Namen Ottochrom seit Mitte 2020 Vermietungen von Oldtimern und Youngtimern der Baujahre 1945 bis 2001. Klimafreundlich sind diese  auf den ersten Blick nicht. Allerdings relativiert die lange Lebensdauer  der Fahrzeuge den CO2-Rucksack der Produktion. Das Auto   wird zudem kaum genutzt. Harald Piendl, der mit Dirk Salomon Ottochrom gegründet hat, erläutert: „Oldtimer werden je Jahr im Durchschnitt nur 1500 Kilometer gefahren, die meiste Zeit stehen sie ungenutzt in der Garage.“ 

Für ihre Instandhaltung benötigt man außerdem kaum neue Rohstoffe. Für neu zu produzierende Autos müssen hingegen Rohstoffe auf der ganzen Welt gewonnen werden. Nach Angaben von Volkswagen fallen bei der Produktion eines VW Golf mit Benzinmotor 6,8 Tonnen CO2 an, beim vergleichbaren Elektrofahrzeug VW ID. 3 sogar 13,7 Tonnen.

Piendl ist überzeugt, dass E-Autos im Alltagsgeschehen alles in allem besser für die Umwelt sind als Verbrennerfahrzeuge. Allerdings sei der Spaßfaktor eher gering: „Man hört nichts, man riecht nichts, und man spürt nichts.“ Wer wenigstens ab und zu ein „richtiges“ Auto fahren könne, dem falle im Alltag der Umstieg auf das eher unspektakuläre E-Auto leichter. 

Über die Internetseite von Ottochrom können private Fahrzeughalter ihre automobilen Schätze vermieten. Ottochrom ist nach eigenen Angaben der einzige und erste Anbieter, der das ermöglicht. Mehr als 1000 Fahrzeughalter sind dort verifiziert. Jeder Fahrzeughalter weist den Mieter persönlich ein, und es wird vorab eine gemeinsame Probefahrt absolviert. Gerd Steimer aus Schöneck, der seinen Rolls-Royce Corniche DHC auf der Plattform anbietet, berichtet: „Es haben sich bisher nur nette Leute gemeldet.“ Er könne  Kontakte mit Gleichgesinnten knüpfen und seine Freude mit anderen teilen. Die Vermietungen seien bisher problemlos verlaufen. Sogar der Sänger Pietro Lombardi habe seinen Oldtimer für ein Video zu dem Hit „Ciao Bella“ gemietet.  Steimer fällt es ziemlich  leicht, einen Fremden hinter das Steuer zu lassen. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass er sich gegen einen Mieter entschieden habe.

  „Der Tagespreis, 24 Stunden, für das Gros der Fahrzeuge liegt zwischen 200 und 400 Euro, ab dem zweiten Tag wird es billiger“, berichtet Piendl. Der Fahrzeugbesitzer bekommt rund 80 Prozent des Erlöses, der Rest fließt in die Versicherung und die Servicepauschale von Ottochrom. Das Sortiment ist breit, es reicht vom VW Käfer bis zum Porsche 997 Carrera S. Der Anteil der Männer unter den Mietern sei etwa so groß wie der der Frauen; die Vermieter seien überwiegend männlich.

Anfangs hörten Piendl und Salomon oft von den Fahrzeugbesitzern: „Ich lass noch ned einmal meine Frau oder meinen besten Freund mit dem Auto fahren. Dann kann man doch ned jemand Fremden fahren lassen.“ Mittlerweile, nach mehreren Tausend Vermietungen und keinem Versicherungsschaden, wird es für sie zusehends leichter, Fahrzeugbesitzer zu gewinnen. Falls doch etwas passieren sollte, sind Vermieter und Mieter mit der Vollkaskoversicherung der Allianz abgesichert. Neun Monate habe es gedauert, bis Piendl die Zusage der Allianz bekommen habe. Zuvor hätten sie schon einiges versucht, um eine Versicherung für diese Geschäftsidee zu erhalten.

2021, im ersten vollen Geschäftsjahr, sei der Umsatz sechsstellig gewesen und  2022 siebenstellig, sagt Piendl.  Vor allem jüngere Menschen und solche mit einem modernen Lebensentwurf zeigten sich gegenüber der Idee des Sharings aufgeschlossen. Ein paar Tausend Vermietungen wickle man jährlich über die Homepage ab. Mittlerweile sind neben den beiden Gründern vier IT-Angestellte im Unternehmen beschäftigt.

 Der Ford Mustang mit den  Baujahren 1964 bis 1970 sei das beliebteste Auto, berichtet Piendl. „Wir könnten davon noch 100 Fahrzeuge mehr gebrauchen.“ Auch der VW Käfer werde oft angefragt. Er war  wie der Fiat 500 früher weit verbreitet. So können sich die Mieter in die damalige Zeit zurückversetzen. Mancher träume von einem ikonischen Auto wie einem Porsche 911 oder einem Jaguar E-Type. Zurzeit sei aber noch nicht in jeder Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern ein Fahrzeughalter eines Porsche 911 vertreten. Das Ziel Ottochroms ist, in zwei, drei Jahren 3500 bis 4000 Autos im Sortiment zu haben.

Die Fahrzeuge werden meistens am Wochenende ausgeliehen, um eine schöne Tour auf ruhigen Nebenstraßen zu machen. Auch für Hochzeiten werden gerne Oldtimer gemietet. Beliebt sind sie zudem für Fotoshootings und Filmproduktionen.   Laut Piendl ist man mit mehr als 1000 Oldtimern in der Branche des Oldtimer-Vermietens Marktführer in Deutschland. Für nächstes Jahr plant Ottochrom den Start in Österreich.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.10.2023, Nr. 231, S. 21 - Louis Faulstich, Landgraf-Ludwigs-Gymnasium, Gießen

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